Hausfriedensbruch (2019)

Der neue Morgen in einer schöneren Stadt
So wie der Wolf
Sun Ra
925
Chrome
Germany Is Killing
Sonntagssperrgebiet
Rache
Here Come The Fascists
Disappoint Me
Slow Kick



1


Plötzlich entscheide ich mich, Romanheld zu werden. In diesem Moment werde ich geboren, an einem Tisch sitzend in der Nacht eines Zimmers, das ich noch eine Weile bewohnen darf, bis der Vermieter mich in die Freiheit setzt, um ungestört sanieren zu können. Ich weiß nicht, wo ich in ein paar Monaten leben werde und umarme die einzige Freiheit, die es gibt: die Freiheit von Gewissheiten.

Wie unser Führer bin ich ein stabiles Genie. Ich kann nicht singen und hasse mein Vaterland, aber liebe meine Muttersprache und versuche, mit Würde jene stadtbekannte Peinlichkeit zu ertragen, die das Markenzeichen meiner Alleinunterhaltung ist, die ich als Florian Silberfisch zu bieten habe. Sie können mich zu jeder Möbelhauseröffnung buchen, jede Kleingartenfete wird mit mir zu einem Fest ekstatischster Langeweile, hinausgezögerte Orgasmen friedfertiger Europäer und das strahlende Müsli, die frische Karotte, ein frisches Bad genommen, das Violin Concerto von John Adams in Dauerschleife, eingeschlossen in einem imaginären Raum aus Tönen, hypnotisch zieht eine melancholische Bosheit in die Dunkelheit hinab, gewaltiges Gestolper, Perpetuum halbdebil, Zukunftsstraße 0.

Wahrheit und Klarheit wird von denjenigen Lesern eingefedert, die das Preußische, das Bärtige an der Sprache schätzen.

Die Sonne ist heute so grell, dass ich mich sogar von dem Testosteron, mit dem mich ein vorbeirauschender Rennradfahrer ansprüht, vergiftet fühle.

Ich bin noch zu unreif für die große Politik; bis es soweit ist, lebe ich meinen Größenwahn mit ästhetischen Mitteln aus. Ich bin Florian Silberfisch und dies ist mein Bericht.

2

Ich habe Instinkte, mit der man eine ganze Zivilisation unterhalten kann. Wenn wir die Freundlichkeit als das Maß aller Dinge erklären, wissen wir alles. Der Weg ist dann klar: die Welt freundlicher machen, bis alle Menschen einen verlässlichen, zarten, abenteuerlichen Freundeskreis bilden.

So viele Menschen werden vielleicht nie einen schönen Tag in ihrem Leben haben. So viele Menschen leiden so übermäßig, so nutzlos, so andauernd. Es ist unglaublich, wie rücksichtslos uns die Marktwirtschaft gemacht hat, als sie uns groß und stark machte. Wir sind rücksichtslos nicht nur gegen die, die wir ausbeuten, wir sind es auch gegen uns selbst: wir sehen nur Konkurrenten oder Komplizen.

Wir schließen Verträge, wir sagen "Guten Morgen", wir machen uns über den Pazifismus von Jesus Christus lustig und bestellen uns eine Tüte Zynismus bei Jan Dönermann. So viel empfindsame, liebesfähige Tiere in den Mast- und Schlacht- und Vernichtungslagern des aufgeklärten, empfindlichen, freien Europas.

Außerhalb Europas ist das maß- und sinnlose Leid nichts, was primär Masttiere trifft, sondern primär Milliarden von Menschen. Ein würdevolles, angenehmes, selbstbestimmtes, genießerisches Leben ist auf der ganzen Welt den Privilegierten vorbehalten, denen, die sich entschieden haben, auf der richtigen Seite des Kapitalismus aufgewachsen zu sein. Der Schlamassel, der mich in ein paar Monaten vielleicht aus meiner comfort zone kitzelt, ist verglichen mit dem Leid, das im Kongo herrscht, beschämend gering, schaut!, mein Schamgefühl leuchtet wie eine violette Blume, die ich in meinem oberen Hemdknopf trage und meine Schuldgefühle schmecken nach knuspriger Hähnchenbrust. Magst du was? Du sagst nein und machst das Fenster zu: "Irgendjemand hat im Hof Plastik verbrannt."

Eine große Ungemütlichkeit steht bevor, nicht nur mir, nein, den meisten Menschen geht es an den Kragen, die Europäer und Nordamerikaner sind die letzten vielleicht, aber es geht ihnen an den Kragen und ich sitze entspannt und melancholisch wie ein kleines Kind neben meinem besten Freund und weiß nicht weiter und bin glücklich. Abermillionen ist es noch nie auch nur ansatzweise so gut gegangen, wie es uns seit vielen, langweiligen Jahrzehnten geht.


3

Ich bin Schlagermusiker geworden, um meine Persönlichkeit aufzulösen: anders wüsste ich nicht, wie ich es schaffen sollte, authentisch zu sein. Immer gezwungen eine Rolle zu spielen, befindet man sich irgendwann am Bühnenrand der Welt und die Rolle geht ganz und gar aus dem Leim, die Sprache zerfällt, die Bestimmungen gehen verloren, nichts ist mehr selbstverständlich, alles ist fremd und aufregend. Mit derlei erbaulichen Hirngespinsten taumel ich durch den abartigen Nachmittagsverkehr. Oh wie abgestumpft muss man sein, sich von den Autos und Straßen der Stadt nicht erniedrigt und vergiftet und vergewaltigt zu fühlen? Schaut nur, wie böse die Maschinen unsere Gesichter und Herzen machen! Warum lassen wir zu, dass die Autos unseren Lebensraum so aggressiv verunstalten? Je mehr Autos das Leben in einer Stadt bestimmen, desto unfreundlicher, liebloser, böser der Geist der Stadt.

In uns Deutschen steckt etwas Böses. Wehe unseren Nachbarn, wenn die Deutschen depressiv werden! Wehe, wenn der Frust geistig behinderter Schrebergärtner und Sexualtrieb-gestörter Nationalisten auf die schnöde, durchschnittliche Wohlstandsmitte übergreift! Verglichen mit dem, was die bevorstehenden 30er Jahre für Schrecken bringen können, können die Schrecken der vergangenen 30er Jahre wie harmlose Warnschüsse aussehen. Vielleicht wird es so sein wie damals: die Menschen unterschätzen die Gefahr der Nationalisten.

Wir paranoiden Kulturschaffenden sind die Warnblinkanlagen einer Gesellschaft. Es muss Menschen geben, die in Überempfindlichkeit ängstlich geworden den Teufel an die Wand malen. Da ist er: Björn Höcke. Wenn er seine Partei von seinem Nationalsozialismus überzeugt und die soziale Lage für die minderbemittelten Deutschen sich weiterhin verschlechtert, kann Deutschland sich schnell zu einer autokratischen, faschistischen Gesellschaft zurückverwandeln. Der Geist von Habermas und Willemsen ist nicht der Geist von Deutschland. Der Geist von Deutschland ist der Geist von RTL.

Mein Musikgeschmack, mein Menschengeschmack, mein Lebensgefühlsgeschmack wappnet mich gegen die apokalyptische Trübnis im Tagesgeschäft einer abgestandenen Landeshauptstadt am Ende einer Europäischen Idee. Ohne Utopie, ohne Zuversicht, ohne Mythos reduziert sich das Dasein zu einem sinnlosen Zirkus, veranstaltet unter den widrigen Bedingungen einer unterkühlten, unempathischen, körperfeindlichen, peinlich hygienischen, verlogenen Öffentlichkeit, die eigentlich nur ein brutaler Markt ist, abgefedert von institutionalisierten Illusionen, die Verlierern wie mir den Kühlschrank und das Grasdöschen füllen. Keine echten Begegnungen, nur Geschäfte, Rollenspiele. Jeder will eine Rolle spielen. Ich auch, als Gegenspieler, als Gespenst, als Unberührbarer, als Psychotiker, als Narr, als Kind, als freier, gesunder, entspannter Nichtsnutz, als würdevolle, schöne, genüßliche, freundliche Menschenkreatur, die sich das Recht herausnimmt, einfach nur zu existieren, ohne etwas leisten, ohne etwas liefern zu müssen, was es nicht ohnehin liefert, wenn es in seinem Zimmer sitzt und über die Welt nachdenkt.

Was ist die Freiheit, die viel besungen und beschworen und missbraucht und genommen wird anders als die Freiheit, nichts zu tun als wahrzunehmen und zu entspannen? Das Elend nimmt seinen Lauf, sobald man sich zu irgendeinem festen Erwerbsarbeitsbienen-Ich imaginiert und dieses so schrecklich ernst nimmt. Mein widerlicher Stiefvater hat mich angeschrien, weil ich einen Apfelkrips aus dem Fenster geschmissen habe, damals war ich gerade Zwanzig. Was für eine Uncoolness, Unfreundlichkeit, Boshaftigkeit in den Leuten sitzt. Wenn ich sehe, dass auf dem Fischmarkt in Erfurt besorgte Nazis gegen den Bau einer Moschee demonstrieren, kneif ich die Augen zu und stelle mir zwei Dinge vor: ein Bolzenschussgerät und die Schläfe meines abartigen Stiefvaters. Mein Ekel vor ihm macht es mir unmöglich, den Nachnamen ernst zu nehmen, den er meinem Personalausweis verpasst hat. Solang mich keiner meiner Freunde heiratet, nenne ich mich mal so, mal so. Florian Silberfisch ist der Musiker, der von seiner Arbeit als Alleinunterhalter erzählt.

4

Ich bin kein Pessimist, weil ich keiner sein will, weil ich nicht depressiv werden will, weil ich ein erfolgreicher Musiker werden will ( - ich bestimme was Erfolg ist), weil ich meine Eltern mit jeder Zelle meines Körpers verachte, jede meiner Körperzellen fühlt sich wohl. Jede Zelle an jeder Stelle fühlt sich pudel-padel-wohl, weil ich ein Sozialist bin, weil ich ein freundlicher Mensch bin, weil ich weiß, dass Freundlichkeit der Stoff ist, aus dem Humanität gewoben ist, jene Idee, die das Fundament eines neuen Sozialismus sein muss. Mit meiner Weichheit und Verwirrung möchte ich einen neuen Sozialismus predigen von der Kanzel meiner unheimlichen Karaoke-Partys, die ich auf Firmenjubiläen und Hochzeiten zur Verfügung stelle. Außerdem spiele ich Klavier und tanze schlecht und suche auf diesem Weg ein interessiertes Publikum. Bitte bezahlt Eintritt, ich brauch das Geld. Ich mach euch auch gute Laune, ich heize euch ein, ich bin ein Ausnahmetalent, ich hab eine Botschaft für ewigen Frieden, es sind ganz weiche Songs mit ganz viel Echo und einfachen Botschaften:

Jeder Mensch ist auf Freundlichkeit angewiesen.
Es gibt Institutionen der Freundlichkeit
und der Unfreundlichkeit.
Alle Institutionen des Staates sind unfreundlich,
weil sie nicht unbedingt und für alle da sind.
Welche Institution ist für alle da? Keine. Keine.
Wohin kann sich jeder in Not wenden? Nirgendwohin.
Jeder Mensch ist auf Freundlichkeit angewiesen.
Ein Neugeborenes in Kabul, eine 100-Jährige in Dresden,
einen Lehrer im Schlaraffenland....

Moment... Warum gibt es Lehrer im Schlaraffenland? Was gibt es im Paradies denn schon zu wissen? Müssen Genuss und Ekstase gelernt sein? Ist Glückseligkeit und Frieden und Liebe auf Dauer vielleicht schädlich für die Seele? Vielleicht macht dich alles, was von Dauer ist, kaputt. Vielleicht muss immer alles in Bewegung bleiben. Vielleicht befinden wir uns bereits in der Klemme, wenn wir uns auch nur eine Welt ohne Schmerz und Elend und Hass und Verderben vorstellen. Vielleicht macht jeder Idealismus blauäugig, weich, ungerecht, manisch und verlogen. Liebe, Freiheit, Friede, Wahrheit, Glück, Fortschritt, Europa, Heimat .... alles nur Worte für Millionen unförmiger, instabiler Ideen, Hirngespinste, mit denen man die Wirklichkeit gestalten kann: die Art und Weise, wie wir von bestimmten Begriffen Gebrauch machen, bestimmt unser ganzes Leben. Es gibt unendliche Arten, mit Sprache umzugehen. Es gibt keinen Grund, dich ernst zu nehmen. Im Hintergrund meines Alltagsbewusstseins baut sich langsam eine Festschrift anlässlich einer kollektiven Neubehauptung Europas zusammen, eine euphorische Verfassung, eine Weltformel, ein überschwängliches Manifest.

Im Herzen bin ich Sozialist und Internationalist und Multikulti-Anhänger aus Instinkt. Ich bin einzig deshalb ein Sozialist, weil ich freundlich bin. Weil ich kein Rassist bin. Weil ich kein besorgter Patriot bin. Weil ich glaube, wir sind die Verursacher des weltweiten Elends und weil ich behaupte, dass nur wir das Elend beseitigen können, weil wir es müssen und es nur schaffen, wenn wir uns unter einem Neuen Humanistischen Europäischen Manifest versammeln, wenn wir uns Werte setzen und Werte leben, Werte feiern und Werte zerstören, umkehren, auf Distanz schieben. Letztlich sind auch Gesetze nur Worte, auch das Grundgesetz ist nur ein Hirngespinst, meine Biografie, eure Hoffnungen, jedes Manifest, jeder Geldschein, die gesamte öffentliche Ordnung ist bloß ein Hirngespinst und hier kommt meine Schlagermusik ins Spiel: ich verliere den Verstand, weil ich keine Rolle mehr spielen kann und in mich zerfallen würde, wenn ich nicht schreiben und Lieder singen würde. Es gibt mich gar nicht! Meine gesamte Arbeit ist durchtränkt von der Erkenntnis, dass ich selbst nur ein Hirngespinst bin. Florian Silberfisch ist nur eine Rolle, die Demien Bartók spielt. Demien Bartók ist nur eine Rolle, die Georg Löbmann spielt, Georg Löbmann ist nur eine Rolle, die Tobias Müller spielt. Der Bruch mit meinem Leben im Erzgebirge war so fundamental, dass ich meinen Namen ablegen musste. Vielleicht kann man auch auf einen festen Namen verzichten.

Mein Schreiben und Musizieren versteht sich als sozialistische Propaganda. Die Revolution, die ich mir vorstelle, hat keine Dogmen mehr nötig. Sie ist gelebte Alternative. Selbstorganisierte Parallelwelten mit eigener Wirtschaftsstruktur, digital vernetzte Tagträumer und mit Wattebällchen werfende Fanatiker der Zärtlichkeit, ihnen singe ich meine Schlager, ich dufte nach rosafarbner Kernseife in Form eines Delfins, die auf dem frischgeputzten Waschbecken liegt. Ich liebe es, in einer sauberen, aufgeräumten, minimalistischen Wohnung zu wohnen.

Ich bin Florian Silberfisch und das ist mein Leben.



Ich trete voll klarem Kopf in den majestätischen Erfurter Dom. Mein Atem und meine Schritte sind das einzige, was ich höre. Du sitzt in der ersten Reihe und bestaunst die riesigen Fenster mit ihren bunt-strahlenden, organisch-strukturierten Mandala-Mustern. Die Orgel setzt ein, du erschrickst sanft und ich singe das
erste Lied.

1. Strophe. Willst du einen bedeutenden Schritt machen? Du siehst aus, als triebe dich eine Not. Die Lösung die ich anbiete, ist einfach: denk an das Nichts; denn denkst du an das Nichts, bist du nicht mehr du.
Wenn du dich zehn Minuten in diesen Gedanken hineinsteigerst, werden in deinem Gehirn bestimmte Botenstoffe freigeschalten. Die Idee des Nichts ist eine Magnetspule, an deren entspannenden Schwingungen du dich von der alltäglichen Tortur erholen kannst. Wenn du willst, wenn du mir glaubst, wenn du die Füße ruhig hältst!

Refrain. Triff so wenig wie möglich Entscheidungen, überlass dich der Lust, die dir die Erkenntnis, die Erfahrung deiner Nichtigkeit macht! Die Menschen werden mit Maschinen ersetzt und das ist gut so! Zelebrieren wir eine Nutzlosigkeit, die auch eine Heimatlosigkeit umfasst und einem manischen Verzicht auf Nüchternheit. Ach, wieviele Traurigkeiten gibt es abzudämpfen!

2. Strophe. Ich für meinen Teil habe mich nie für einen Beruf interessiert, der von einer Maschine, einem Computer oder einer Software ersetzt werden kann. Wisst ihr, was das für die allermeisten Berufe bedeutet? Werdet manische Spezialisten oder kuschelt euch in die gemütliche Hängematte eines mütterlichen Staates. Gibt es diesen Staat bereits? Muss er noch geschaffen werden? Sind die Menschen geschaffen dafür, in ihm glücklich zu werden? Ach so viele Menschen werden, wenn sie nicht wahnsinnig werden wollen, damit leben müssen, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Ihr müsst euer Selbstgefühl an anderen Dingen als an Lohnarbeit knüpfen. Was habt ihr euch eingebildet auf eure Jobs! Einst waren vielleicht einige von euren Tätigkeiten notwendig, heute sind sie es nicht mehr oder sehr bald nicht mehr. Was werdet ihr tun, wenn die große Maschine euch ausspuckt? Verlasst ihr euch auf ein bestimmtes Grundgesetz oder Menschenrecht? Ihr werdet am Rand der Armut landen, nutzlos und depressiv in den grauen Vormittag welken, während die, die den Absprung früh genug geschafft haben, ihre bunten Ballons an die Häuser und Bäume binden.

Refrain.

3. Strophe. Ich habe herausgefunden, dass Cannabis helfen kann, Lebensmüdigkeit zu überwinden. Immerhin ist dem Konsumenten ein High wichtiger als zu sterben, und das ist doch was!
Der Preis ist jedoch dreierlei: zum einen entwickelt man eine Sucht, zum anderen wird man spiritueller, und zuletzt dissoziiert man immer häufiger, man verliert die Konturen der bisherigen Persönlichkeit, geht sich selbst verlustig und wird endlich frei zu tun, was zu tun ist: Rauschgift kaufen. Ein Schlamassel, den man ertragen kann, wenn man zu allem eine Distanz hält und nicht wirklich an etwas glaubt, sondern einfach nur so tut, als könnte es wahr sein. Und ein paar gute Freunde sind wichtig. Und Mundwasser.


Der Pfarrer der Stadt, Bernd Neumann, hat eine neue Theorie. Das gesamte menschliche Bewusstsein, so seine Erleuchtung heute morgen, ist das Selbstbewusstsein des einen aus Gott und Teufel bestehenden Bewusstseins. Ich weiß nicht, ob er sie in nüchternen oder berauschten Zuständen entwirft. Kommt seine Heiterkeit von Gott? Er kommt mit einem Megaphon auf die Bühne und singt, während eine gottesfürchtige Meute glücklich jubelnd in den Dom gelaufen kommt, das
zweite Lied.

1. Strophe. Ich bin Gott und Teufel. Der freie, progressive Mensch ist Gottes Ebenbild, der lieblose, rückwärtsgewandte Mensch ist Ebenbild des Teufels. Alle Menschen müssen zusammenkommen! Alle müssen sich einander in die Augen schauen! Das Internet ist das Medium unserer Dissoziation! Wenn alle Menschen gleichzeitig dissoziieren, verschmelzen Gott und Teufel plötzlich zu einem absoluten Nichts, sie sind weg, sie haben keine Macht mehr über den Menschen! Dann erst wird sich jeder selbst erfinden müssen, dann erst wird sich eine Menschheit wirklich im Griff haben.

2. Strophe. Es gibt nur Gott und den Teufel, ich bin Gott und Teufel zugleich, in den Schranken meines Körpers, meiner Herrlichkeit gewidmet. Mithilfe des Menschen erfährt Gott sich erst. Wir haben eine Chance, weil Gott und Teufel einander bedingen! Ohne sie gäbe es schließlich gar nichts, das genießen könnte. Es fühlt sich an, als hätte ich außerhalb meiner Ich-Realität mich in diesen Körper eingestöpselt, um mir selbst bewusst zu werden. Gott schafft soviel wie möglich Bewusstsein, um sich selbst zu erkennen und überhaupt zu genießen.

3. Strophe. Der Mensch ist die Geschichte zu Gottes Selbstbewusstsein hin. Der Mensch ist das Wahrnehmungs- und Lustorgan Gottes. Indem er so vielen Menschen wie möglich Freude schenkt, holt sich der Schöpfer sich einen runter. Sobald alle dissoziieren, schaffen sie Gott ab und können sich ganz neu entwickeln, jenseits Gut und Böse. Der Gottteufelteufelgott war schließlich nur ein Vehikel, das dem Menschen gedient hat, um in der Metamenschheit anzukommen.



Natürlich tu ich nur so, als würde ich eine Geschichte erzählen, während ich auf diesem wunderschönen Planeten durch den Weltraum um ein großes, wunderbares Nichts kreise, singe ich für euch das
dritte und letzte Lied.

1. Strophe. Der Thrill, ob das Gras diesmal vielleicht mit Schweinkram gestreckt ist, poltert wie leere Benzinkanister über die feuchte Treppe. Vielleicht ist das mein Ende. Und ob ihr's glaubt oder nicht, Jesus ist mir erschienen, wie einen Blitz erfasste es mich, die Lunge von rauem Kratzen beunruhigt, giftiger Frosch im Hals, ich dehydriere, immer das gleiche Theater am Rand der Nichtigkeit. Ich schlucke meine Spucke runter und leugne jede personale Identität, indem ich mich täglich meditierend daran erinnere, dass es mich gar nicht gibt, weil ich dem System nichts nütze, weil ich keine Routinen kenne. Ich habe kein Ich mehr nötig.

2. Strophe. Als ich eben also derart dissoziierte, erschien Jesus über mir, der genau so dehydriert aussaht. Und was soll ich euch sagen! Sein Lachen erfüllte mich mit nie gekannter Liebe! Alles wird plötzlich ganz ruhig und klar: es gibt keine Probleme, weil es keine Geschichte mehr gibt. Das Nichts und jede Beschäftigung damit hilft, sich von moralischen Spannungen zu befreien. Oh Jesus schenkt mir eine unglaubliche Gelassenheit, die ich euch auch an eure leidvollen Herzen legen möchte! Oh es gibt keinen Grund, mehr für euch zu tun, ich lehne mich in meine Mietschulden wie in einen gemütlichen Sessel, der mir nicht gehört, ich lass die Sonne auf meinen Winterspeck lachen.

3. Strophe. Ich befreie meinen Kopf aus der Zeit, während die Wölfe zurück an die Macht kommen. Marcel hat von Moses einen Revolver bekommen und das Spülbecken ist übergelaufen. Ich zerknülle diesen Schnappschnuss, falte ihn wieder auf und zünde ihn mit einem Feuerzeug an. Ich werde niemals jemandem etwas nützen. Ich beginne ein Gebet, das diesen Text beendet: "Herr im Himmel, lass die Dinge für mich genau so weiterlaufen, ich bin auf einer unheimlichen Glücksspur. Oh Herr, ich hätte nicht gedacht, dass du mir so viel Kraft gibst!" Plötzlich werden meine Augen schwarz wie die einer Kröte und es klopft an die Tür: "Ich werde den Volkskörper zersetzen müssen!", ruft Marcel und platzt herein, fuchtelt mit dem ungeladenen Revolver herum und ich sag ihm, dass ich genau darüber gerade geschrieben hab.




Der US-Präsident hat heute nicht gut geschlafen und ich bin von den ersten Haschischkekse des Jahres etwas überfordert. Keine Angst vor Klischees. Will ich noch etwas einkaufen oder erstmal an meinem Buch arbeiten? Ich komm mir wie ein feiger Streber vor, wenn ich meine Karriere zu ernst nehme. Ich setz mich mit meinem Laptop in die Straßenbahn, schreibe und kaufe auf dem Rückweg ein. So hab ich heute Abend Zeit, meinen Manager, den Perückenmann zu besuchen. Die Kekse sind sehr stark, ideal um über den Rausch an sich nachzudenken.

Was ist passiert? Etwas Grundlegendes verändert sich, eine ungeheure Entspannung setzt ein, der Pessimismus ist wie weggeblasen, vielleicht hat mein Hund recht, wenn er meint, dass Depressionen resultieren aus Bewegungslosigkeit, Phantasielosigkeit, sozialer Isolierung. Der Staat macht einen Fehler, wenn er versucht, die Menschen in den Arbeitsmarkt zu überführen, er scheucht seit so vielen Jahrzehnten schon die heruntergekommenen Kühe und Schweine auf den Fleisch- und Milchproduktemarkt, als ob es für die Menschen nichts wichtigeres gäbe als eine monotone, abstumpfende Arbeit, die jeder bessere Roboter, jeder besseren Software so viele Male effizienter erledigen kann. Die Sozialdemokratie hatten mit den Grünen die Chance, den Kapitalismus gründlich zu reformieren, stattdessen haben sie die Sozialsysteme auf bösartige Weise rationalisiert, entmenschlicht, dem freien Markt geopfert. Sie haben die Hartzgesetze eingeführt und den Finanzmarkt dereguliert, statt die Menschen auf die Digitalisierung ihrer Arbeit vorzubereiten und Steuergerechtigkeit herzustellen. Um nicht mehr wie Gregor Gysi zu klingen, mit dem ich mich vorgestern in der Bahn nach Nürnberg zwei Stunden lang unterhalten habe über meinen Hass auf meine Eltern, nehme ich noch ein kleines Pfeifchen und warte auf den Einschlag.

Warum führen wir nicht in der Zwischenzeit eine Schulpflicht für alle ein, deren Schulabschluss mehr als zehn Jahre alt ist? Vielen fehlt es an den kreativen Fähigkeiten, an denen es nicht den Kindern fehlt, die man in die Schule zwingt und auf ein System vorbereitet, dass es bald nicht mehr geben wird, denn ich hab auf dem Sperrmüll eine Trompete gefunden und werde damit die Bundesrepublik in eine dionysische Räte-Diktatur ... Ich schüttle den Kopf. Ich bin abgeschweift. Abgeschwiffen. Ich schwof ab, er abschwofte. Die Abschwofung wurde vollzogen. Der Abschwuf wurde gemacht. Ich lache zum ersten Mal des Tages und hab Lust auf Schokocreme und Vollkornbrot und dickflüssigen Kirschsaft und vielleicht noch einen Keks und mit einem Gedichtband von Brecht und Field-Recordings, die ich von meinen Hinterhofgeräuschen gemacht habe: die vorbeirauschenden Autos und Vogelgezwitscher und Windrauschen sind verwoben zu einem endlosen, hypnotischen Ambientloop, in den ein gelangweilter Hund seinen frechen Refrain schnauzt, allein gelassen von gelangweilten Arbeitslosen, die ihre Zeit mit Herumbrüllen und Topflappen-Stricken totgähnen. Was wird hier gesühnt? Ich komme mir schäbig vor, weil ich nicht weiß, was zu tun ist, außer sich zu berauschen an der Nichtigkeit, den in Stumpfsinn matt gewordenen Wahrnehmungsapparat im Kloster der Ereignislosigkeit zu rebooten. Solang man Selbstgespräche führt, kann man nicht die Kontrolle verlieren, denn so strukturiert man seine Gedanken.

Ich glaube die Vögel passen ihren Gesang an den Straßenverkehr an, sie spielen mit ihm, lassen zwitschernd wie in Trance durch den polyrhythmischen Auto-Noise ihre Lieder in den gewöhnlichen Himmel tönen, Thüringen ist das Bundesland mit der geringsten Feinstaub-Belastung. Lohnt es sich , darüber einen Song zu machen oder sollte ich diesen Gedanken gar nicht aufschreiben? Wem mach ich was vor, ich hab völlig den Überblick verloren, aber wenn ich laut rede, gewinne ich an Balance: ich bin meine Sprache, die Geschriebene oder die Gesprochene, je mehr ich rede, desto fiktiver bin ich, oder sollte ich etwa all meine verfügbaren Gefühlszustände auf einmal ausleben und alles aussprechen, was ich im Moment denke? Unmöglich. Ich bin, was ich artikuliere. Ich bin abhängig von all denen, mit denen ich rede und denen, für die ich schreibe. Wenn ich Selbstgespräche führe, stimuliert der Klang meiner Stimme mein Ichgefühl. Wenn ich nichts sage, existiere ich nur als Körper. Ich hab keine Lust mehr zu schreiben, die Gedanken rasen, überfordern mich, meine schwarzen Füße riechen plötzlich nach warmem Käse, mir läuft das Wasser im Mund zusammen, der Typ über mir spült seine Pisse an unserer Küche und meinem Zimmer vorbei, ich will große, gemütliche Freundeskreise, je mehr ich denke, desto weniger kann ich sein, ich knabber an meinem Daumen und fühle mich wie ein Idiot, der keinen Grund zur Sorge hat.

Einkaufen, ja, raus aus dieser Straßenbahn, fick dich Text, welcome Schokomüsli. Knusperknusper-Schokomüsli. Das besonders knusprige Familienfrühstückserlebnis, es wird ihre Wangen zart rosa glänzen lassen und ihre Haare wie frisch gewaschen aussehen lassen. -- Nächste Station: Sackgasse, bereitet die Konfettikanone vor: ich werde jetzt aussteigen! Ich werde den Boden der Tatsachen betreten! Ich werde mir jetzt dieses Müsli kaufen! Ich werde niemals die Regierung stürzen. Lasst euch von mir streng in die Augen schauen, ernst und liebevoll will ich euch sagen: "Ich weiß es doch auch nicht!" Meine Stimmt klingt, als würde ich mir glauben.

Wenn ich keine Stimme hätte, würde ich mich einsamer fühlen. Meine Selbstgespräche regen die selben Areale im Gehirn an wie Gespräche mit anderen Menschen. Ich flattere auseinander, wenn ich mich nicht auf irgendetwas Willkürliches konzentriere: nun, so will ich mich auf den Klang meiner Stimme konzentrieren. Sie ist warm und entspannt und angeraut, etwas schief vielleicht, etwas aus dem Gleichgewicht geraten, aber sie strahlt Zuversicht aus. Vielleicht hätte ich mir schon längst Knochen gebrochen, wenn ich eine grelle, zitternde, kindliche Stimme hätte. Ich bin meine Stimme und meine Worte, spreche meine zerrissenen Monologe ins endlose Grau verschwendeter Nachmittage.

Unfähig, Besuch zu empfangen, liege ich wie eine fettgefressene Schlange im Ausguss. Hoffentlich haben die Behörden nicht mitbekommen, dass ich keine Miete bezahle. Hoffentlich wird das Recht auf Wohnen ins Grundgesetz aufgenommen. Ich gähne, zerzause meine Kopfhaut aufkratzend meine Haare und in Frankreich haben die Menschen vielleicht eine rechtsextreme Präsidentin gewählt und wenn ich die deutsche Popmusik überfliege, die in den letzten Jahren allen echten, revolutionären Geist aus den jungen Leuten gewaschen hat, wird mir so schlecht! Wie konnten wir das zulassen! Niemand setzt dem wirklich etwas entgegen und in Deutschland kommen dieses Jahr die Rechtsradikalen wieder zurück ins Parlament und sie laben sich an den Ängsten ihrer Befürworter und Gegner und ich träume manchmal davon, das Gesicht meines Stiefvaters mit siebzehn Messerstichen ins rechte Licht zu rücken.

Ich gähne, ein feiner Schmerz der rechten Schläfe lässt meine Augen zucken. Hiermit nehme ich als freier Mensch an der Weltgeschichte teil und stelle meine Sprache der Bevölkerung zur Verfügung. Wenn Ihr mich gern lest, bin ich Euer Freund! Ich habe so viel zu geben! Ich gähne. Je weitsichtiger man ist, desto hinfälliger erscheint die eigene Kreativität: deshalb niemals den Alltag verlassen. Verzettelung. Einsamkeit. Jemand bereitet einen neuen Anschlag vor.


(1)

Die Stadt klafft in der Mitte eines missmutigen, zerrissenen Europas, das sich nicht für das Elend interessierten kann, das es selbst angerichtet hat, ohne sich selbst zu verändern.

Ein großer, schwarzhaariger Junge läuft barfuß durch die Pfützen, die Sonne kommt hinter den grauen Wolken hervor. Er hat sich nicht mehr im Griff und leuchtet von Innen wie die Mangos, die er eben auf dem Markt gekauft hat. Die Stadt blüht in der feuchten, paratropischen Luft wie nach einem Alptraum auf. Wenn er sein Obst und Gemüse im Sonnenuntergang zu seiner Wohnung trägt und Flöte spielt und mit seinen zwei Hunden in der Gera spazieren geht, kommt er sich wie ein Dschungelkind vor, das er noch nie gewesen ist. Heute hat er beschlossen, die Schule zu schmeißen und sich erstmal ein paar Jahre nur um sich selbst zu drehen. Kann man sich hier ganz und gar verlieren, oder verfängt man sich mit jedem Befreiungsschlag nur noch mehr in der Stadt?

Jeder sucht Auswege, mancher findet Auswege; neue Hoffnungen für eine neue Generation von fröhlichen, dysfunktionalen Subjekten, die jeden Tag große Augen machen und schwer atmen und stehlen und weinen und Quatsch lallend und Unsinn stotternd auf Dächern tanzen und betrunken von der Straßenbahn angefahren werden und sich Geld leihen und nicht zurück geben können und Angst vor der Zukunft haben und an allen Blumen riechen wollen und eigentlich nur mit sich selbst befreundet sein können und alles und jeden dafür vereinnahmen und ihren guten Musikgeschmack verteidigen würden wie ihr Augenlicht und sich im Mittelpunkt der Stadt wähnen, wenn sie sich mit Hustenstillern dissoziieren und auf einer kargen, blauen Halde an einer lauten Autobahn in den Nachthimmel starren und am nächsten Morgen ganz normal ihrer Wege gehen und den Pennern auf der Straße gern ein Bier oder einen Kaffee kaufen und vor Straßenbahn-Kontrolleuren wegrennen und versuchen ehrliche Gedichte zu schreiben und noch die Gage für den letzten Auftritt bekommen und die auf ihrer Blauäugigkeit reiten wie auf Krokodilen und die Kunst brauchen, um die Hoffnung und die gute Laune nicht zu verlieren und die sich ein paar Jahre im Kreis drehen müssen, um das Leben mit Schicksal und Zufall und Wunder aufzuladen.

Die Verwirrung ist deine beste Freundin, das Staunen über die Aufgebrachtheit der Welt; alle Welt ist aufgebracht und ich würde mich gern mit allen Verwirrten und Zerstörten in den Park setzen und Mandalas ausmalen und auf neuen Regen warten, der die Stadt weiter abkühlt und verdrängte Wünsche und Haltungen herauslockt.
Ich möchte mich mit allen, die sich schämen, mit allen die Angst haben, mit allen die sich verachten, mit allen die sich nicht motivieren können, im Kreis sitzen und wissen, das im Free Jazz mehr Hoffnung steckt als im Neuen Testament und in diesem Wissen ernst und in beliebigen Farben und Formen strahlen.

Ich spüre, wie Erfurt zu meiner Heimatstadt werden will, alles ruft Erinnerungen einer unbewiesenen Kindheit wach und es ergeben sich jeden Tag echte, kleine Wunder, die man kaputt machen würde, wenn man versuchen würde, sie zu verstehen und zu bewerben. - Ich stolpere auf der Suche nach einer Pointe über die Straße, ich spüre, wie mein Blut mich erfüllt, ich schwitze, aber hatte es noch niemals eilig und möchte es auch niemals eilig haben. Ich bin ein Schimpanse, der einen Kunststudenten parodiert, ich möchte mit Obst und Sonne gefüttert werden und mich reinigen vom ermüdenden Zeitgeist, der über Europa das Licht ausblasen will. Ich werde Nachtwache halten. Ich mal mir einen roten Punkt auf die Stirn.
Ich bin erleuchtet, oder ich tu nur so, was das selbe ist, alle Ampeln in Erfurt heißen Mirko, haben einen fetten Bauch vollgestopft mit Hackfleisch und stehen immer nur im Weg herum, aber ich kann mich unmöglich über irgendetwas aufregen, ohne mich lächerlich zu machen. Viele Leute müssen einfach von liebevollen Menschen an die Hand genommen werden. Jemand muss Erfurt über die Straße bringen, es wartet schon so lange und traut sich nicht, es ist so laut und unübersichtlich und seine Knochen sind alt und seine Hoffnung trüb und seine Vergangenheit sitzt ihm genau so schwer im Magen wie das süße, hoffnungsvolle Ferkelchen, von dem es sich für einen Euro am Domplatz ein Stück anschneiden kann und ich bin woanders, "ich nehme nichts mehr ernst", antworte ich, als mich eine nervige Kunststudentin fragt, wen ich darstellen will. - Erleuchtung heißt: Paranoia genießen können.

Es würde mir reichen, jedes Jahr von neuem Romanfragmente in die Stadt zu streuen. Ich finde es nicht langweilig, immer an der selben Stelle am Fluss Wasser zu trinken. Es ist gut und richtig, einen Körper zu haben, es ist gut und richtig, ihn zu benutzen, aber ein Esel will ich nicht werden und ein Schmetterling auch nicht. Ich kann mich am besten mit mir identifizieren, wenn ich barfuß in der Gera herumlaufe und Flöte spiele und mich darauf freue, dass bald alle Menschen synchronisiert sind. Das ist meine Utopie, die ich mir verordnet habe, als mich die Idee, dass die Menschheit ein einziger Organismus ist, erschüttert hat. Ich würde es schön finden, wenn wir uns alle beruhigen würden und gemeinsam zur gleichen Zeit nach innen schauen.

(2)

Wenn du depressiv bist, habe ich Hoffnung für dich: du kannst den Gedanke, dass du an deinen Charakter, deine Seele, dein Ich gekettet bist, abschaffen, und deine Depression verliert die Grundlage ihrer arroganten Allgegenwärtigkeit. Erst wenn du überzeugt bist, dass es keinen unveränderlichen Kern, kein zentrales Wesen, keine klare, eindeutige Essenz in dir gibt, können deine Störungen und Gedrücktheiten zwischen allen Vorstellungen ins Nichts kleckern. Wenn du ängstlich bist, habe ich Sehnsucht für dich: wenn du dich von dir losmachst, erhebst du dich über all deine Eigenschaften und du kannst über deine Ängste und Hoffnungen, deinen Ekel und deine Liebe verfügen wie über Spielzeug, mit dem du machen kannst, was du willst.

Was leidet an einer depressiven oder ängstlichen oder aggressiven Grundverstimmung und müsste sich hoffnungsvoll strahlend an die Utopie der Dissoziation klammern wie die Niedlichkeit des Lammes den Schlachter von seiner Lohnarbeit abhalten will? Hier ist Weisheit: das Ich ist ein Wahn, der gleichzeitig manisch und depressiv macht; ohne Ich kann man keinen Beruf ausüben; mein Stolpern über meine eigenen Füße ist mein Orakel-Sprechen über die Zukunft der Europäischen Jugend.

Ich sitze umhüllt von weißem Juniwetterschaum in einer Collage aus Worten und Spiegeln und Gespenstern und Fehlern und Löchern und radioaktivem Sternenstaub und ekelhaften Eltern und Terroranschlägen von dunkelhäutigen und weisshäutigen Terroristen und weich ist das Denken und weit die Gedanken und es geht die langsame Treppe nach unten, ins Glück der Eingeweide, ins Blut, das hoffentlich noch eine Weile meinen Laden am Laufen hält.

Die Geschichte ist die Ursache der Gegenwart, die Zukunft ist die Folge der Gegenwart. Unser gegenwärtiges Denken ist eine Collage aus Erinnerung und Phantasie. Wir schauen in lauter vergangene Momente, in denen wir selbst auch nur mit etwas anderes beschäftigt waren. Wir sind niemals gegenwärtig, wir bleiben niemals stehen: wie könnten wir aber sonst zur Ruhe kommen und gründlich darüber nachdenken, wer wir sind und sein wollen und was wir dazu tun müssen? Das muss jeder machen, wie er kann, es gibst bestimmt kein besseres Prinzip im leben als Try and Error - oder wenn man etwas neben der Spur ist: Try and Terror.

Als ich gestern überlegt habe, was ich in einer Talkshow auf die Frage antworten würde, was ich den wieder deutlich aufblühenden faschistischen Elementen entgegnen würde, nämlich: "Welche Kultur wollt ihr denn verteidigen? Nennt doch mal fünf deutsche Größen der letzten 30 Jahre! Wer repräsentiert euer Deutschland?", hab ich auf der Straße 30 Euro gefunden. Im Hintergrund meines Selbstgesprächs flatterte die Frage, ob die letzten 30 Jahre überhaupt etwas Objektives über unser Land und seine Individuen aussagt. Die 30 Euro machen mir die letzten zehn Tage des Monats gemütlicher als erwartet. Manchmal gibt es echt gute Tage in Erfurt: wenn ein starkes Sativa in der Stadt ist und es allerhand zu tun gibt: vielleicht werde ich wirklich ein Stadt-Liedermacher, ein echtes Gespenst zum Anfassen. Ich bin so glücklich über symbolisch aufgeladene Zufälle, dankbar für all die tollen Leute, die ich in letzter Zeit kennenlernte. Je ernster ich mich nehme, desto mehr Möglichkeiten ergeben sich für mich. Ich glaube, ich war noch nie so glücklich.

Meine Dissoziation ist der Zenit meiner Euphorie, es fühlt sich an, als würde ich den Europäischen Mythos neu begründen, auf einer Bank in meinem immergrünen Hinterhof an einem tropischen, graugrünen Julinachmittag in der Mitte von Europa, in dem Land, in dem es am leichtesten ist, komfortabel nichts zu tun, als sich um sich selbst zu drehen. Ich bin der Entspannteste von den Ärmsten, der Unabhängigste von den Freien, ich schleiche mich überall durch, ohne irgendwo dazuzugehören, die Behörden lassen mich in Ruhe, der Vermieter lässt mich in Ruhe, alle lassen mich in Ruhe; von dem Geld, das ich Mama-und-Papa-Staat abzwacken kann, kann ich mir alles leisten was ich brauche: ein Zimmer, Obst, Tee, Cannabis, Internet und Musikinstrumente.





Mit einem Ratgeber "Scheitern ertragen lernen" bei allen Verlagen und Agenturen scheitern, keine andere Karriere-Idee mehr haben und sich der unumkehrbaren Bedeutungslosigkeit hingeben, bläuliche Chemieabfälle trinken, davon Ohrensausen und Herzrhythmus-Störungen bekommen und hunderte Zysten, die im Mund sprießen, und in eine tiefe, paranoid-depressive Psychose fallen, buntes Konfetti im Haar und wissen: "Eigentlich ist mein Geschmack alles, was ich habe." Das Konfetti schmeckt nach Spaß am Sinnlosen, Ziellosen, an der eigenen Leere und Bezuglosigkeit, an der äffischen, nervigen Geste. Die Psychose schmeckt nach einer aus den Fugen geratenen Phantasie, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzt, obwohl es keine reale Gefahr gibt. Die Neurotransmitter, die in dieser Panik ausgeschüttet werden, schmecken nach Bewusstseinsveränderung. Die Chemieabfälle schmecken nach Dystopie und dann eine Erleuchtung mit dem unendlichen Holzhammer: das Ich gibt es nicht. Wahnsinnig aufgeregtes Vor- und Zurückwippen. Ich bin nie ich selbst, ich tu immer nur so. Plötzliche, wahnsinnige Heiterkeit. Weil das Ich nicht lokalisiert werden kann, kann es auch nicht sterben. Neuronale Übererregtheit. Unendliche Ruhe. Ich hab noch nie was geschrieben was ich so meine. Dieses schwarze, elektrische Zucken im Hirnstamm, wenn man etwas verstanden hat und nichts mehr dagegen tun kann.



Alles was nicht Euphorie ist, ist Depression. Alles was nicht Euphorie ist, ist Depression. Alles was nicht Euphorie ist, ist Depression. Alles was nicht Euphorie ist, ist Depression. Alles was nicht Euphorie ist, ist Depression. Alles was nicht Euphorie ist, ist Depression. Ich hab noch nie was geschrieben was ich so meine. Euphorie ist ein abgeschossener Adler, der im Sturz verblutet.

Der Depressive gehorcht, ohne zu glauben, der Manische glaubt, ohne zu gehorchen.


Was genau verschwindet, wenn ich tot bin? Warum will ich nicht tot sein? Daran kann ich meinen Beruf orientieren. Das, weswegen ich das Leben toll finde, vertiefen mit all meiner Aufmerksamkeit und all meiner Zeit. Hiermit verschmilzt mein Alltag mit meinem Beruf. Ganz und gar fest werden, ganz und gar im Sattel eines Berufes sitzen, der mich definiert. Jetzt aber schaudern: wow! Diese Freiheit, die mir gegeben ist. - Wenn ich nicht meine Umgebung bin, wenn ich nicht meine Erziehung bin, wenn ich nicht meine Vergangenheit bin, ich dies also nur wahrgenommen habe: dann wäre ich identisch mit jedem Anderen, sobald ich alles erlebe wie er: mit seinen Sinnen, in seiner Umgebung. An jedem Menschen siehst du, was aus dir unter seinen Umständen geworden wäre. Wenn nichts unsere Identität ausmacht als das, was wir erleben, sind wir alle gleich im Grunde, nur mit einer anderen Geschichte, anderen Stärken und Schwächen. Aber im Grunde sind wir alle die gleichen. Also eins. Es gab und gibt immer nur einen Menschen: eben dich: nur du hast eben immer einen anderen Körper und eine andere Geschichte. Ich kann an dieser Ecke der Welt, zu diesem Zeitpunkt machen was ich will: es wird das Ganze beeinflussen: egal welche unbedeutende Sache jemand tut: damit hat er eine bedeutende unterlassen: Unterlassung ist auch eine Tat. Die Tatsache, dass ich jetzt nicht komplett ausraste, beeinflusst das Leben meiner Mitbewohner genau so wie das Leben des Ministerpräsidenten: es könnte nämlich auch anders sein: und der Grund, weshalb es nicht anders ist: ich stecke in einem Körper drin, der genau das leistet, was er leisten kann. Was gibt es sonst für mich zu tun? Nichts. Ich fühle mich nicht mehr, weil ich nichts tue: nur der Glaube an Weltherrschaft kann mich noch aus meiner Vertiefung locken. Alles andere: nur Konzepte, um Schüchternheit zu verwalten. Irgendwann kann man die Frage: "Was hält dich auf, alles zu versuchen?" nicht mehr abwehren. Irgendwann zieht man plötzlich die Konsequenzen aus allem und steht auf und schreibt ein Buch und kämpft dafür, ganz ganz rot und tief zu leuchten. 

Kunst ist, wenn man's trotzdem tut.

Sich plötzlich auf das Konzentrieren, was wirklich sicher ist: die Erinnerung ist alles, was du hast. Man schaut immer in die Gegenwart, während man an die Vergangenheit denkt, weil man die Zukunft nicht sehen kann, sich nur ähnlich intensiv vorstellen kann so wie man Vergangenes erinnern kann. Vergangenheit und Zukunft fühlen sich gleich an. Zwischen ihnen hin- und hergeschleudert, kann dir nur das Jetzt bleiben, um dir deines Ichs bewusst zu sein: dem unbewegten, internen Beobachter deines Lebens. Bist du der Beobachter? Welche Eigenschaften hat dieser Beobachter? Kann man ihn verändern? Was bleibt immer unverändert an dir? Dafür, dass du nicht weißt, wer du bist, nimmst du dich ziemlich ernst. Das Ich ist eine Sammlung von Eigenschaften: bestimmte Gedanken fühlen sich als authentisch an, andere nicht so sehr. Bestimmte Gefühle sind präsent, die einen deutlicher, die anderen subtiler. - Keinesfalls Musik anhören, denn Musik bewegt und Bewegung lenkt vom Selbst ab. - Ein Ich ist nicht notwendig? Wer sagt das? Man kann nur ICH sagen, wenn man etwas glaubt oder so tun will, als ob man etwas glaubt. Mein Musikgeschmack bewahrt mich davor, esoterisch zu werden, Sie können bitte beruhigt sein. In einem humanen Kapitalismus, getragen von einer progessiven Kulturpolitik würde man die eigene Verwirrung und Leere leicht zu Geld machen können.

Je mehr Kontrolle du über dein Charisma gewinnen willst, desto schwächer wird es. Schöne Menschen haben es leicht, charismatisch zu sein, weil sie sich nicht so viel einreden mussten: sie können ihre Schönheit einfach ausleben. Der Hässliche muss seine Schönheit erst erfinden und ausarbeiten: je weniger man mit sich vorhat, desto schwerer fällt es, sich zu motivieren. Deshalb sind viele hässliche Leute politisch so radikal: sie brauchen eine gewaltige Vision, die sie wirklich geil macht: nur so können sie sich motivieren, jemand zu sein.

Wer Drogenkonsum gänzlich ablehnt, muss glauben, dass Träume keinen Einfluss auf die Persönlichkeit haben. Wenn er aber Träume relevant hält, warum dann nicht auch andere Zustände? Zustände in denen man sogar rationaler sein kann als im Traum. - Drogen sind Werkzeuge, wie der Atem, wie das Sehen, wie Sex, wie Musik, wie Mittagsschläfchen, wie Träume. Alles dient dem einen Zweck: dir. Je mehr Werkzeuge du kennst, desto feiner kannst du an dir arbeiten. Und nimm deinen Geschmack ernst: du weißt, was dir gut tut, weil du dich kennst. Andere kennen sich und wissen, was gut für sie ist. Weil jeder anders ist, hat jeder andere Sachen nötig: je weniger man von anderen Leuten fordert, desto besser finden sie ihren Weg. Der Staat sollte ein Interesse daran haben, dass seine Bewohner sich gefunden haben und glücklich damit sind. Der Staat soll dich eigentlich nur von den negativen Folgen deiner Selbsterkenntnis abhalten: dafür kannst du ihn wählen, dafür kannst du ihn unterstützen. Aber setz dich niemals in eine Laufbahn, die du dir nicht selbst erdacht hast.
Faulheit ist Symptom einer Depression. Und eine Depression muss man erstmal erforschen: um sie richtig beurteilen zu können. Eine Depression ist die Folge von etwas und keine Ursache. Ich zerkaue diese Gedanken auf der Suche einer roten Linie in meinem Leben. Roger Willemsen ist immer noch tot, Gunter Dueck und Harald Welzer leben aber noch. Ich stelle mir vor, wie ich über die letzten Jahre Kraft und Substanz gesammelt habe. Meine Aufgabe ist jetzt: etwas Konkretes zu schaffen. Etwas wird sowieso passieren, bei genauerem Nachdenken stelle ich immer wieder fest: ich mach alles richtig. Meine Drogenerfahrungen strukturieren diese entscheidenden Monate oder Jahre. Weil es kein ultimatives Ziel gibt, ist jeder Moment gleich wichtig: in jedem Moment hast du die Möglichkeit, dein Leben radikal zu verändern: so wie das DXM, das in Hustenstillern zu finden ist, das Ego blockiert und dich damit erweitert, kannst du dich sofort abspalten, wenn du einfach das Gegenteil von dem machst, was du bisher gemacht hast. Du weißt, dass du vor viel zu viel Dingen Angst hast. Wenn du eine Klippe siehst: spring runter! - Jeden Tag Genesis P-Orridge und Roger Willemsen und Gunter Dueck und William S. Burroughs und Bukowski sehen und hören zu können, wann immer ich will: dafür muss man einfach Dankbarkeit empfinden dem Schicksal, das nüchtern betrachtet kein Interesse hat, etwas für uns zu tun. Dankbarkeit im Herzen, aber nicht im Kopf: das ist okay. Eine radikale Wende ist in jeder Minute möglich. Riesiger Optimismus: über das Internet werden sich die Menschen wirklich finden und verbinden. Riesiger Optimismus: die Musik und die Literatur wird sich erneuern, von Klischees und Dogmen befreien, von jeder Markt-Konformität: der freie, offene, fröhliche Mensch wird von freier, offener, fröhlicher Kunst inspiriert und motiviert und stabilisiert. Riesiger Optimismus: alles, was ich mir denken kann, kann ich umsetzen.



Die Tatsache, dass Menschen sich körperlich so viel ähnlicher sind als weltanschaulich, lässt eigentlich nur auf eine pharmazeutische Endlösung allen menschlichen Übels hoffen - die Frage ist, ob synthetisch oder pflanzlich. - Stellt euch mal vor, keiner hätte mehr eine Meinung. Wieviel Möglichkeiten jeder hätte..Ich hab noch nie was geschrieben was ich so meine.


Ich spüre jeden Tag deutlicher, wie mich meine Kleidung und meine gewöhnliche Stimme und mein Zimmer und meine Mitmenschen prägen - ich warte, bis ich die beste Art gefunden habe, zurückzuprägen. Die Angst ist Folge einer Faulheit, die Symptom einer Depression ist. Je weniger ich tue, desto mehr verdichtet sich die Leere, die mich reinigt von meiner Persönlichkeit. Meditation ist ein Reset-Vorgang. Angst ist wesentliches Merkmal meiner Persönlichkeit. Ich lege mich mitten auf die Straße und weiß, dass nichts passieren kann. Angst ist wesentliche Persönlichkeit meines Körpers. Ich meditiere eine katatone Partygesellschaft in den Karneval meiner Depression. ICH HAHAHABE ETWAS DÜSTERES GESCHLUNGEN! kreischt ein weicher, zerfließender Engelschor und übergibt sich in einem bläulichen Stereo, bunte, grobe Blumen rieseln den Himmel herab.



Coolness und Talent sind eine Falle, deshalb polstere ich meinen Charakter mit Stürzen, Brüchen und Unreinheiten. 

Nichts mehr haben außer harte Begriffe und weiche Reflexe, taumelnd in einer lauten, das Nervensystem durchdringenden, entregenden Gleichgewichtsstadt am harten Puls der weichen Zeit, entfalte ich als rhythmisches Gespenst in der Mitte Deutschlands mein Selbstgefühl - in der Mitte eines reichen, mächtigen, traurigen Europas, eine blühende Blume schillert im Echo einer Idee: Europa, eine Wertegemeinschaft aufgeklärter, neugieriger, zärtlicher Länder, mit warmherzigen Philosophen und hoffnungsvollen Neurobiologen voran dem Bewusstsein auf der Spur - im kreativen, ergebnisoffenen Diskurs mit denen, die von Zukunft nichts wissen wollen. Gott und Nation sind ja nur noch das Problem der sich ausbreitenden Hinterwäldler, die kein Interesse an Neurologie und Ambientmusik haben.

Die Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie ist auch die Geschichte vom Europäischen Elend.
Oskar Lafontaine erscheint hier als eine tragische Figur. Er stellte immer wieder in aller angebrachten Wut "die soziale Frage". Der letzte große Sozialdemokrat. Alles hätte gemütlicher werden können, hätte er die SPD aufhalten können, eine so entsolidarisierende, langweilige, ignorante Politik zu machen.

Ich kann euch niemals in die Augen sehen, wenn ich etwas sage, also wenn euch die Sprachinstanz meines Gehirns etwas mitzuteilen hat, wenn es etwas liefert, das euch betrifft oder gefälligst betreffen soll. Ich kann nicht reden, ohne dass mein Denken über mich und mein Sprechen Einfluss auf das Gesprochene hat. Jeder redet anders: in einer Talkshow bin ich nicht der, der ich auf dem Klo bin oder in der Scheide meiner Freundin. Wo ist man am authentischsten? Jeder der authentisch ist, kommt automatisch dort hin, wo man hingehört. Je tiefer ich mich in mein Songs vertiefe, desto weniger macht es mir etwas aus, dass ich keinerlei Funktion habe.

Jeder Künstler will die Träume der Mächtigen beeinflussen. Das Internet ist das Gehirn des Metamenschen. Alle Berühmten bilden das Geflecht seines Bewusstseins. Es gibt keine allgemeine Instanz für Alle. Es gibt Freundeskreise, es gibt Arbeitskollegen, es gibt Internetbekanntschaften, es gibt berühmte Fernsehsendungen und Filme und Serien, es gibt das Angebot im Supermarkt oder der Kirche, aber es gibt nichts, woran die Menschheit als solche sich anlehnen und vielleicht sich kollektiv versenken kann. Diese Idee einer zur Ruhe gekommenen, radikal vernetzten, vielfältigen, freundlichen Menschheit in kulturellem Dialog lässt mich guter Hoffnung bei Rot über die Kreuzung kommen. Eine Gesellschaft, in der künstlerisches Happening und politische Institution verschmelzen. Ein kreatives, kakophones, stabiles Netzwerk der Instabilität. Eine kollektive Meditation, ein multikultureller Picknick-Staat: keine Massentierhaltungen mehr, keine Atomkraft, kein Fracking, kein Kohleabbau mehr, keine Jobcenter-Sanktionen, kein Lohndumping, keine Leiharbeit, kein Bachelorsystem, keine diplomatische Beziehung zu Diktatoren; radikale Menschenrechte, ein Staat der Muße, der psychedelischen Alltagskultur, wilde, notgeile, unergründliche Musik, - ein aufgeweckter, gemütlicher, heller Staat ist der Orgasmus des Metamenschen. Glückliche, neugierige, kluge Kinder, schwule Kinder, manisch-depressive Kinder, gesunde, aggressive, schöne, strahlende Kinder und transsexuelle Krüppel, cannabissüchtige Heimatlose, traumatisierte Totalverweigerer, süße, nach Klo und Duschdas riechende Huren, die es nicht anders wollen, die es genau so brauchen, befreundet mit ihrem Sozialbetreuer, gern gesehener Gast in der Notfallambulanz. Es gibt keine Trennung mehr in Arbeit und Freizeit, denn das, was man gern in seiner freien Zeit machen würde, ist genau das, wofür man von den Anderen am meisten gebraucht wird. Du kannst dich total verwirklichen in deinem Hobby. Du wirst zu deinem Hobby, aufgeladen mit fragwürdiger Lust und gerechtfertigter Angst und fruchtbarem Wahn und polsternder Trägheit.


Indem ich mir wünsche, ein schwarzes Loch in den grünen PVC-Küchenboden zu bohren, gebe ich diesem Buch ein strahlendes Zentrum; du kannst dich klammern an dieses Zentrum, du kannst deine Neugier oder Langeweile in das Licht schmieren, das ich dir sein will, indem ich dich einlade, in das Loch zu starren, das ich in der Küche gebohrt habe, in meiner kleinen, dummen Wohnung in einem großen, dummen Haus in einer kleinen, grauen Straße in einer großen, grauen Stadt in einem kleinen, stabilen Land in einem großen, stabilen Staat auf einem großen, instabilen Kontinent auf einer großen, instabilen Welt in einer kleinen, instabilen Epoche in einem großen, stabilen Universum.






GIFTPILZ 925

Ich springe auf und nieder,
weil irgendwer mein Haus umstellt
und irgendwer umstellt mein Haus,
weil mich irgendwer verraten hat.

Sie wollen mich kriegen, weil ich
nicht gut erzogen wurde, und ich
wurde nicht gut erzogen, weil
meine Eltern nicht schlafen konnten
und sie konnten nicht schlafen
weil ich immer auf und nieder gesprungen bin.

Ich hisse meine Flagge,
transparente Flagge,
ich hisse meine Flagge,
höher und höher,
der Himmel verdüstert sich,
alles muss ernst, ernst,
unendlich ernst genommen werden,
unendlich ernst,
unendlich ernst.

Nicht schlafen, nicht schlafen,
nicht essen, nicht reden.
Etwas zu wenig haben und etwas zu viel haben.
Etwas fängt an und etwas hört auf.
Nicht gehalten werden, nichts halten können.
Niemand denkt was ich denke,
niemand hat ein Recht auf mein Gehirn.

Da ist ein Licht, da ist ein Weg,
ich will mich aber nicht bewegen.
Dieser Juckreiz an sensibler Stelle,
ich will mich aber nicht bewegen.
Ich bin nervös, es braucht eine Wende,
ich will mich aber nicht bewegen.

Es gibt keine Pillen gegen Gleichgültigkeit
Es gibt kein Pflaster gegen Überdrüssigkeit
Es gibt kein Saft gegen Unempfindlichkeit
Es gibt kein Impfstoff gegen Lebensmüdigkeit

Ich bin subversive Langeweile
Ich bin der König von Europa
und werde immer fetter...

Ich warte wie ein Brummkreisel auf die Linke
wie ein Schaukelpferd starr ich auf die Rechte
und ich glaube wie eine Nähmaschine an Europa,
Ich träume wie ein Hammer von Berlin

Es ist egal was hier genau passiert
und niemand versteht ein Wort
Konrad kehrt das Konfetti zusammen
du siehst heute so jung aus
und nach uns kommt nichts mehr

Ich bemitleide wie eine Schabe alle Kinder
und misstraue wie ein Pendel dem Minister
Ich hoffe wie ein Revolver auf Entspannung
Ich explodiere wie eine Feder über Dresden

Es ist egal was hier genau passiert
und niemand versteht ein Wort
Konrad kehrt das Konfetti zusammen
du siehst heute so jung aus
und nach uns kommt nichts mehr










Germany Is Killing

I'm floating
into the wrong direction
but I can get my satisfaction
from the death of Mick Jagger, Keith Richards,
Madonna, Phil Collins, Axel Rose,
Bruce Springsteen, Alice Cooper.