Schlaflosigkeitsrevolver
Er kann schön reden, denn er sieht gut aus,
Er prophezeit das Ende des Gutenabend-Landes,
Eingeklemmt zwischen seinen Trieben
Und dem Strafgesetzbuch
Er will dass du stehen bleibst
Er will dass du dich isolierst
Deine Freunde haben schlechte Absichten
Überlasse dich dem Supermarkt in deiner Nähe!
Der Staat hat überall Euter.
Benutze sie, das Ende ist nah.
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Mama mästet Papa mit Bier und Fett,
weil seine Arbeitslosigkeit ihn deprimiert,
die Kinder spielen im Wald mit Feuer,
ansonsten ist es so wie immer.
Niemand wird dir deine Fehler verzeihen,
was tust du, wenn sich alles dreht?
SPRING IN DIE SUPPE
Fleisch kaufen
Fleisch fressen.
Schnaps kaufen, Schnaps saufen.
Auf die Jagd gehen. Nichts abkriegen.
Die Würde des Fleisches wird angetastet.
Irgendwo irgendwo ist mein geheimer Knopf
und die Spannung im Fernsehen macht mich müde.
SPRING IN DIE SUPPE
Ob man die Dinge ernst nimmt oder nicht -
man wird ihnen niemals gerecht.
Sollte man Sängern vertrauen?
Ich spring euch an die Gurgel!
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Seit sieben Monaten im kalten Fieber weißer Nächte,
kaum mehr als zwei Stunden Schlaf im weißen Fieber
greller, ereignisloser Nächte,
herumlungernd in stehengebliebener Zeit,
unfähig etwas Schönes zu erwarten.
Und kein Gespräch kann mir genug Ruhe und Dunkelheit,
kein Gesicht genügend Vertrauen spenden.
Auf sich alleingestellt, weil grenzenlos misstrauisch
und untätig, weil grenzenlos überfordert,
verwandelt sich der Schlaflose in ein Biest, das - scheinbar
um sich zu verteidigen - ständig gegen die Windmühlen
der zu Schlaf befähigten Menschen kämpft,
und zwar so lustlos, dass er während eines kalendarischen Jahres
fünf biologische Jahre durchmacht.
In diesem Zustand zur Arbeit?
In diesem Zustand mit Freunden kegeln gehen?
In diesem Zustand an meinem Buch schreiben?
Das leere Papier ist fröhlich.
Wenn Schweigen das Einfachste ist,
erschleicht sich der Dichter seine Beute:
wenn das Bewusstsein sich abstrampelt am Körper,
der sich am Raum abstrampelt und an der Zeit,
rücken wir von der Ausgangsfrage weg.
Langeweile entfaltet den Kern des Selbst.
Ich gehe aufrecht - wider bessren Wissens.
Das biologische System, in dem wir stecken,
arbeitet gegen unsere Lust auf komplette Selbsterkenntnis
und noch gegen unsere Angst davor,
"auf die schiefe Bahn" zu kommen.
Manisch-müde werden wir
über die letzte Hoffnung triumphieren.
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Der lange, heiße, graue Tag
abwärts abwärts! will er sie es
aber Unterhaltung für alle
Unsere Nostalgie mit roten, gierigen, endlosen Augen
fletscht die Zähne und wartet und wartet...
Sei arm und dunkel mit mir,
sei feige und schlaflos mit mir.
Sei gereizt und misstrauisch mit mir,
sei durstig und krank mit mir,
auf dem höchsten Berg der Stadt,
im faden Sonnenuntergang
triumphieren wir über die letzte Hoffnung
Der alte Lappen ist gehisst
Am nächsten Morgen
ist der Bordstein wieder
um ein Vielfaches überzeugender
als das Abendrot,
so viel solider,
so viel verlässlicher.
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Jeder ist überall zuhause, weil niemand irgendwo hingehört
und es niemanden gibt, mit dem man dieses Gefühl teilen muss,
weil es niemanden gibt, für den man ein bestimmtes Gesicht machen muss.
Die Lust, zusammenzubrechen und die Angst vor Sprachlosigkeit
machen meinem Gehirn Druck und dieser Druck
ist die letzte, schwammige Substanz meiner Persönlichkeit.
Weil mich niemand wahrnimmt, kann ich niemanden enttäuschen.
Der Gedanke, dass ich mich in einem Weltall befinde,
wird mich irgendwann vor allem, was mich umgibt, zurückschrecken lassen
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An mir bleibt nichts kleben und ich werde trotzdem älter.
Kannst du verstehen, wie erniedrigt ich mich deswegen fühle?
Es ist nicht möglich, das Leben nicht zu verschwenden.
Die Musik erweitert das Möglichkeitsspektrum der Nacht.
Über 300.000 verlorene Seelen in einem Dorf.
Über 300.000 Gründe, nichts zu tun.
Die Lust am Nein ist süßer als die Lust zum Ja.
Ich hass es so zu tun als würd mir dies und das was bedeuten
meine Heuchelei widert mich so derart an.
Eines Tages werde ich mich adäquat ausdrücken können.
So wie ein Kind in der Nase bohrt und einen Popel isst,
so verschwende ich mein Leben:
der gleiche Eifer, die gleiche Neugier, der gleiche Gesichtsausdruck.
Der Ängstliche weiß mehr als der Mutige, gewiss.
doch der Mutige ist der Fröhlichere von Beiden.
Je mehr der Ängstliche sieht, desto ängstlicher wird er.
Je fröhlicher der Mutige, desto mutiger wird er.
Erst wenn du deinem Leiden keinen Sinn mehr geben kannst,
hast du es auch gründlich begriffen.
Wenigstens das, was nicht für immer bestehen kann,
ist absolut nichts wert.
Der Tod ist das einzige was man anfassen kann
ohne sich vor aller Welt zu blamieren
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Jeder Mut
ist Anmaßung.
Mein Bewusstsein beschränkt sich einzig auf die Tatsache,
dass ich nicht schlafe, dass ich jetzt gerade wach bin,
dass ich ein Teil dieser Stadt bin und einfach nur wach bin.
Ich bin zu wach, um mehr bekennen zu können.
Ich habe Wäsche gewaschen und Schönberg gehört,
aber das ist weit weg, es hat nichts mehr mit mir zu tun
nichts was ich jemals getan habe, hat ein Recht auf mich.
Ich bin einfach nur wach.
Da ist ein Loch in meinem Leben.
Es dehnt sich langsam in meinem ganzen Körper aus.
Es will mein ganzes Leben ausfüllen.
Ich weiß wirklich nicht, was mit mir nicht stimmt.
Jeden Tag verliere ich mehr von mir.
Auf der Suche nach Substanz stürze ich immer tiefer.
Nichts steht in Verbindung mit mir.
Solang ich keine Entscheidungen treffe, bin ich frei.
Ich kann tun was ich will, ich kann aushecken was ich will,
denn keiner sieht mich,
keiner bewertet mich,
keiner braucht mich.
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Es steht nicht fest, wie ich sterben werde.
Diese Gewissheit baumelt
wie ein Damokles-Schwer
über meiner Unausgeglichenheit arabica.
Meine Augen starren Phantasie
und Wirklichkeit durchbohrend ins Nichts.
Die Zeit und ich zerdrücken uns gegenseitig die Kehle.
Keinem Gedanken glauben wollend das Gehirn vergiften.
Die Kälte meiner Füße ist das Zentrum der Welt.
Anstatt ich das Haus anzünde, wackel ich
auf meinem unbequemen Stuhl sachte hin und her.
Ich kann nicht mehr aufhören:
ich bin ans Ende der Zeit gekettet.
Die Entscheidung, was ich singe und was nicht,
hat irgendetwas mit meinem Gesicht
und meinem Grabstein zu tun.
Entscheidungen werden gefällt
so endgültig wie Bäume.
Nimmst du eine Axt?
Oder Zahnseide?
So wie ein Kind in der Nase sich bohrt
so verschwende ich mein Leben hier:
der gleiche Eifer und Gesichtsausdruck
Und die gleiche Wissensgier.
Billiger Kaffee, warm und bitter,
leuchtet mir den Weg durch die Nacht,
mein Sturmgewehr mit angeschraubter Lampe.
Nimmt mir ein Gott
meine Scham dafür
geboren zu sein?
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All die Möglichkeiten,
die verloren gehen,
wenn man sich seiner sicher ist!
Nie wieder Deutschland, nie wieder Schlagermusik,
nie wieder Kompromisse mit unumarmbaren Leuten,
Musikgeschmack ist wichtiger als Marmelade.
Grundloses, wirkungsloses Strahlen.
Je öfter du auf die falschen Knöpfe kommst,
desto besser.
Grundloses, wirkungsloses Strahlen.
Je weniger deine Euphorie begründet ist,
desto mehr Hindernisse überwindet sie.
Kaltblütige Liebe krampft alle Schönheit
in den Widerstand gegen die Möglichkeit.
Zerrissene Gefühle in der Kluft
zwischen Abstumpfung
und Besessenheit.
Aufschlussreiches Zyankali,
erlösende Peitschenhiebe.
Hysterische Ambivalenz.
Ich drück meine Lust gegen das Leben,
wer wird gewinnen?
Je mehr ich nachdenke über
mein Eingeklemmtsein,
desto größer wird meine Lust,
das Leben gegen den Baum zu fahren.
Ich drück meine Lust gegen das Leben,
wer wird gewinnen?
Der Sinn des Lebens
aus Sicht des Kaninchens,
das ich seit Jahren verfolge:
"Hahahahahaha lebensmüde werden".
--
Gefangen in Materie verfügen wir nur
über den Sinnestaumel
und das Nichts,
sonst ist alles durchgekaut.
Ein Lüstling und ein Wüstling sitzen hinter meinem Gesicht,
auf einem Pilz, der surrend und immer süßer werdend
meinen Körper in immer höher werdenden Dosen
mit Anhedonie versorgt.
Manisch-müde werden wir
über die letzte Hoffnung triumphieren.
Ich habe diese Nacht überlebt!
Bin ich jetzt stabiler oder
instabiler als gestern Abend?
***
NOISE BEATS
Desc:
Sich entscheiden heißt,
verlieren.
Jemanden verstehen heißt,
ihn besiegen.
----
I'm floating into the wrong direction
but I can get my satisfaction
from the death of Mick Jagger, Keith Richards,
Madonna, Phil Collins, Axel Rose,
Bruce Springsteen, Alice Cooper.
Dein Körper ist viel mutiger
als dein Verstand es nötig hätte.
Im Rahmen bleibend immer mehr wollen.
Kunst muss ein Schnäppchen sein.
Es gibt kein wahres Gesicht.
Keine Lust in die Augen zu sehen.
Nacht, ein brennendes Haus, daneben
hysterische Menschen, daneben
auf dem Baum ein kleiner Junge versteckt,
kaut Nägel und freut sich,
weiße Farbe im Gesicht verschmiert
und blutende Lippen.
Hundesohn, Hundesohn, lang nicht geschlafen,
plötzlich wieder in die Schule zurück,
alle so wohlerzogen, so wohl-ausgeleiert
und Frau Direktor mit dem bösen, kalten Gesicht,
die Luft wird enger,
bis ein Stuhl nach vorn an die Tafel fliegt
und die Klasse freut sich.
GIFTPILZ 925
Ich springe auf und nieder,
weil irgendwer mein Haus umstellt
und irgendwer umstellt mein Haus,
weil mich irgendwer verraten hat.
Sie wollen mich kriegen, weil ich
nicht gut erzogen wurde, und ich
wurde nicht gut erzogen, weil
meine Eltern nicht schlafen konnten
und sie konnten nicht schlafen
weil ich immer auf und nieder gesprungen bin.
Ich hisse meine Flagge,
transparente Flagge,
ich hisse meine Flagge,
höher und höher,
der Himmel verdüstert sich,
alles muss ernst, ernst,
unendlich ernst genommen werden,
unendlich ernst,
unendlich ernst.
Nicht schlafen, nicht schlafen,
nicht essen, nicht reden.
Etwas zu wenig haben
und etwas zu viel haben.
Ich bin der größte Mensch überall
Etwas fängt an und etwas hört auf.
Nicht gehalten werden,
nichts halten können.
Niemand denkt was ich denke,
niemand hat ein Recht auf mein Gehirn.
Da ist ein Licht, da ist ein Weg,
ich will mich aber nicht bewegen.
Dieser Juckreiz an sensibler Stelle,
ich will mich aber nicht bewegen.
Ich bin nervös, es braucht eine Wende,
ich will mich aber nicht bewegen.
Es gibt keine Pillen gegen Gleichgültigkeit
Es gibt kein Pflaster gegen Überdrüssigkeit
Es gibt kein Saft gegen Unempfindlichkeit
Es gibt kein Impfstoff gegen Lebensmüdigkeit
Ich bin subversive Langeweile
Ich bin der König von Europa
und werde immer fetter...
Ich warte wie ein Brummkreisel auf die Linke
wie ein Schaukelpferd starr ich auf die Rechte
und ich glaube wie eine Nähmaschine an Europa,
Ich träume wie ein Hammer von Berlin
Ich bin der Einzige der die Wahrheit spricht
ich will befreundet sein mit allen Menschen
Ich bemitleide wie eine Schabe alle Kinder
und misstraue wie ein Pendel dem Minister
Ich hoffe wie ein Revolver auf Entspannung
Ich explodiere wie eine Feder über Dresden
Es ist egal was hier genau passiert
und niemand versteht ein Wort
Konrad kehrt das Konfetti zusammen
du siehst heute so jung aus
und nach uns kommt nichts mehr
Aufforderungen zum Sturz
Frei wie eine Ratte
Desc:
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Am Ende des Tages steht immer eine rote Ziegelmauer, die von unseren Träumen Stück für Stück abgetragen wird. Der Schlaflose starrt sie an und glaubt, das Universum ist eine rote Ziegelmauer.
Der Gedanke, dass ich jetzt irgendeine große Sache anstiften muss, lässt mich in all seine Schwammigkeit versickern.
Ich weiß, dass ich etwas dringend tun will, aber weiß nicht, was. Alles was ich tun könnte, würde mich doch bloß erinnern, dass etwas Anderes viel dringender zu tun ist.
Ich rücke mir immer mehr auf die Pelle und finde nichts mehr als Pelle.
Erst wenn man die Worte zerstört, gelangt man unter die Oberfläche des Bewusstseins.
Wer unsicher ist und darüber schreibt, ist nicht so unsicher wie jemand, der in seiner Unsicherheit nicht schreibt. Daher kann eine konsequent skeptische Literatur nur auf ihre Selbstzerstörung aus sein.
Ich will nichts tun, denn ich habe nichts zu geben.
Wenn es kein festes Ich gibt, gibt es keinen festen Autor und keinen festen Stil und absolut keine Instanz, die entscheidet, was geschrieben und was nicht geschrieben werden soll. In diesem Fall - die Neurologie sieht ihn als gegeben an - ist es genau so aufrichtig, alles wie garnichts zu schreiben. I write my self a letter, to see if I still feel.
Die Unermesslichkeit der Maschine, die mein Geist ist, offenbart sich mir, wenn ich die Augen geschlossen habe.
1
Alles im Leben zielt auf die eine große, ungeheuerliche Tat ab und ich wälze mich solang in meiner Schlaflosigkeit, ich lasse mein Leben solang verlottern, versiffen, vermodern, ich halte mich solang von meinen Freunden, vom Tageslicht, von einer sinnvollen Arbeit fern, bis mein Gesicht zu meinem Schicksal passt.
Ein leerer, graue Himmel, der nichts ankündigt, nichts verheißt, der nichtmal richtig grau ist und mit jedem Atemzug, den sich mein ironischer Körper gönnt, macht die Frage "Wozu?" immer größere Augen, ein fieser, kleiner Schmerzstich hinter meinem Auge blitzt auf, der wie ein Polizist auf der Kreuzung alles Schlechte zu sich heranwinkt, ein koffeinhaltiger Schrei und die Menschen sind nicht wach genug, ihre Munterkeit ist eine Maske, ihr Herz ist unterfordert und ich verfluche die ganze Maschinerie ihrer Selbsterhaltung; und ich glaub nicht dem Auto, das über meine Füße fährt und nicht dem was dein Herz sagt, wenn du mich nicht siehst. Wir können uns in dieser Stadt nicht entspannen. Ich glaub nicht dem Wasser, das wir jeden Tag trinken und auch der Musik nicht, die mich zusammenstaucht, Vergangenheit sammelt sich an, solang bis meine Wohnung allen Wiedererkennungswert verloren hat und ich glaube auch den Hoffnungen der Vaterlandsliebenden und der Marktliebenden nicht. Ich erhebe meine Zeigefinger und fahre damit durch den verregneten Himmel: you can't be funky in a town like this.
Du gehörst nicht hier her. Du musst nicht wissen, wohin du gehörst, um zu wissen, dass du nicht hier her gehörst. Etwas passiert in deinen Träumen, aber nichts passiert in diesem Bett, in dieser Wohnung, auf der Straße, in der Stadt. Traurige Gesichter kameraüberwacht; einsame Herzen sind verdächtig, ein unerreichbarer Körper unter der Bettdecke, blutendes Zahnfleisch, süßliche Blähungen - vergiftete Körper bringen giftige Worte zur Welt. Hier passiert nichts mehr, aber die Kameras warten, die Kameras warten Tag und Nacht und selbst deine Freunde erwarten konkrete Resultate und deine Eltern erwarten, stolz auf dich sein zu können. Ich erwarte weder Resultate, noch will ich stolz auf dich sein. Ich würde dich umarmen, wenn ich nicht nur ein Buch wäre.
2
Der Müdigkeit trotzend, ihr ganz langsame, weiche Worte entgegenhaltend, die Träume ganz in der Nähe, spüre ich, dass mein Bewusstsein nichts dagegen tun kann, dass ich meinen Organen ausgeliefert bin. Ich genieße die Mattheit, die Verspannung, die Kälte, die stinkende Kleidung, mein wüstes Zimmer, meine Gleichgültigkeit. - Indem ich etwas aufschreibe, mach ich es erst richtig wahr. Alles was nicht formuliert ist, bleibt latent. Nur was man bekennt, gehört zum Ich. Der Rest ist schwammiges Gefühl, dessen Wirkung umso stärker ist, je weniger man davon äußert.
Das Koffein gaukelt meinem Körper vor, dass das Leben ihn will. Wann werde ich auch diese Quelle des Selbstbetrugs ausgeschöpft haben? Wieviel Mogelei wird mein Herz noch mitmachen? Gab es jemals eine Zeit in der Weltgeschichte, in der das Leben ohne eine derart peinliche Übertreibung von Gefühlen möglich gewesen wäre? - Wenn ich mein Gehirn stimuliere mit dem Koffein-Alkaloid, weiß ich, dass alles, was ich empfinde und denke und tue, so definitiv unangemessen ist, dass für mich der Stolz wie die Scham darüber ebenfalls unangemessen sind: also zementiere ich die letzte mir verfügbare Freiheit, bevor der Markt und der Staat mir alles wegnimmt.
Ich spüre, wie die blühenden Bäume und Blumen mich trösten wollen: "Wir brauchen unser Leben so wenig rechtfertigen wie du! Wachse und blühe und verblühe wie wir." Die böse Ironie in ihren Worten demütigt mich, sie wissen, dass Ihre Moral vom Vertrauen in die eigenen Säfte, die schön sind und sinnvoll zum Großen und Ganzen gehören, sich nicht verträgt mit meinem Körper. Ich stecke in einem kalten, müden Menschenkörper.
Und ich lege mich nicht ins Gras, ich klettere nicht auf einen Baum, ich springe nicht in den See, ich umarme keinen Menschen. Ich weiß, dass nichts und niemand die Nähe ersetzen kann, die ich brauche, für die mein Körper aber nicht ausgelegt ist.
Alles was ich je geschrieben habe, hilft mir die Reue zu verwalten, die mich packt wenn ich daran denke, was für ein feiger, verklemmter, fauler, kleinlauter, inkonsequenter Teenager ich gewesen bin. Die Müdigkeit saugt meine Konzentrationsfähigkeit auf, eine gähnende, sich gegen die Formlosigkeit meines Schweigens aufbäumende Masse an Gedanken findet keinen Kanal. Nur die Erinnerung an Musik unterscheidet mich von der Peinlichkeit meines Atmens. Mein Herz ist so weich, dass ich glaube, an einem dramatischen Wendepunkt zu stehen.
Unerwiderte Liebe macht maßlos.
Solang ein Mensch sich wohl und sicher fühlt, ist er vor sich und der ganzen Welt bloß ein Schauspieler, der sich auf der Bühne eine Zigarette anzündet und einen Monolog darüber hält, wie wohl er sich gerade fühlt.
Authentisch sein heißt, ernst und ratlos zu sein, weil jedes Leben eine Notsituation und Bewusstsein etwas Ungreifbares und Schauderhaftes ist. Wenn man nicht in einer existentiellen Klemme steckt und nicht seinen Körper und Geist als fremd und unheimlich empfinden kann, befindet man sich in einer Verschnaufpause, in der man närrisch wird und mit Identitäten spielen kann. In der Wildnis gibt es keine Ruhe, die Gefahr ist überall und es ist nicht die Zeit, mit der Idee eines festen Charakters zu spielen.
3
Ich möchte nicht schlafen, ich möchte wirklich nicht schlafen. Dass ich nicht schlafen möchte, ist das Ruhekissen, auf dem mein Ichgefühl klein und schwach wird. Es ist nicht schwierig, loszulassen, wenn man sich im Kreis dreht und sich immer tiefer in den Boden der Irrelevanz bohrt. Wenn ich jemanden ins Gesicht beißen könnte, würde ich endlich an Charisma gewinnen, auf dessen Rücken ich zahlreiche Literaturpreise frühstücken könnte, aber noch hab ich es nichtmal hinbekommen, die Küche zu schrubben. Die Erinnerung an das angewiderte, dumme Gesicht meiner Mutter, wenn sie wegen einer Kleinigkeit enttäuscht ist, hat das Licht für einen Moment flackern lassen und ich stell mir vor, wie ich in siebzig Jahren auf meinem Sterbebett die Decke anstarre, so gut wie alles bereuend, am heftigsten die Unfähigkeit, etwas Sinnvolles mit meiner Lebenslust angefangen zu haben, enttäuscht, gelangweilt und unfähig mich zu töten.
Wir werden ungemütlich, wenn wir keinen Job haben; in der Klemme einer leeren, unauffüllbaren Zeit fühlen wir uns verzehrt von Nutzlosigkeit. Es gibt nichts, dem wir unsere Energie widmen können und meinen, damit unser Leben kaputt zu machen. Aber ob wir etwas tun oder nicht, wir bewegen uns in konstanter Geschwindigkeit dem Zusammenbruch unserer nervlichen und damit zivilisatorischen Kräfte entgegen. Wir bekommen dafür erst ein echtes Gefühl, wenn wir nichts mehr in diesem Leben zu tun haben, wenn wir nichts mehr mit dem zu tun haben, was unsere Vergangenheit aus uns gemacht hat, wenn wir einfach nur noch aus dem Fenster schauen, ohne zu wissen, was wir von der Zukunft erwarten können, ohne in unserem Herzen das Bedürfnis zu tragen, etwas Bestimmtes mit unserem Leben anzufangen, wenn die Ödnis des grauen Spätsommerhimmels die letzte Bastion unseres Selbstgefühls ist. Denn immer wenn wir an einer Sache arbeiten, wenn wir für etwas kämpfen, wenn wir uns auf etwas freuen, selbst wenn wir das Haus nur für einen Spaziergang verlassen, entreißen wir uns dem Bewusstsein, dass wir uns auf eine namenlose Katastrophe zubewegen, falls wir nicht entkoppelt genug sind, um willentlich, wissentlich auf diese namenlose Katastrophe zuzugehen, sie heiteren Herzens willkommenzuheißen, diese namenlose Katastrophe, über die man ohne Scham nur schreiben kann, wenn man nicht gänzlich an sie glauben kann oder will, wenn man sich nicht schämen kann für die Anmaßung, die jede Beschäftigung mit dem, was kommt, bedeutet.
Mein Selbstgefühl von Noise Jazz und Koffeintabletten an der Nase herumführen lassend, schummriger Blick, torkeliges Misstrauen, alle Worte in Überforderung zerreibend, über sämtliche Muster und Strukturen steigend unempfänglich sein wollend für Fragen und Antworten dieser Gesellschaft, leuchtet mir die größte Verantwortung aus den Augen, die des gelesenen Autors.
Mit Gedichten kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen. Mein Kopf ist ein üppiger Blumentopf und ich schäme mich dafür. Man muss sich größer machen, als man ist, um im Büchermarkt wahrgenommen zu werden.
Die Sehnsucht nach einem üppigen, bunten Garten, fern von Menschen und Maschinen. Den ganzen Tag zwischen Bäumen und Blumen sitzen und nichts tun, bloß Tee trinken und in die Welt schauen. Einmal am Tag einen schönen Satz aufschreiben, der aus einem vollen, stillen Herzen kommt. Den Körper und das Bewusstsein entgiften. Meditation.
Im Vollmond singen, laut herumschreien. Riesige, unglaubwürdige Gebärden machen. Extremes Übertreiben, um aus der Routine zu kommen und zu sehen, was noch da ist. Es muss doch noch etwas Anderes da sein! Es ist immer noch was Anderes da, es ist immer noch etwas Anderes möglich!
Fragmentarisches Denken - letzter Strohhalm der von Schlaflosigkeit aufgeweichten Seelen. Je unruhiger, manischer, trostloser das Denken, desto weniger kann es mit Systemen, nüchternen Analysen und stabilen Geschichten anfangen. Je länger man wach ist, desto ernster wird die Welt. Jede Erinnerung an euphorische Stimmungen erzeugt dann eine kalte, über den Rand des Erträglichen quillende Scheu vor sich selbst, die sich vom Herz aus bis tief ins Gehirn und die Weichteile erstreckt. War ich irre gewesen? Wie konnte ich so ausgelassen sein? War ich ein Hampelmann? Ein Feigling? Ein Idiot? Ich spüre, dass ich noch immer im selben Körper stecke, der mir vor ein paar Tagen eine so überbordende Euphorie aufgeladen hat... im weichen, dämmerig-roten Park liegend, unter rauschenden Bäumen wie eine dicke, gesunde Katze ... und heute, ohne genügend Schlaf, fühle ich mich allem fern und fremd, allem Feind... so angespannt und unstrukturiert und frostig ... ein tief-schwarzer Ernst verwandelt mein Gesicht in eine lächerliche Faust, die höchstens Eindruck machen könnte bei Leuten, die wesentlich jünger sind als ich und noch kein Wort von mir gehört oder gelesen haben.
4
Grauer Abendmatsch, meine Einsamkeit hat jede Ecke der Wohnung besetzt, ein nerviger Schmerz pulsiert hinter meinem linken Auge, ich mach mir einen starken Mate-Tee und möchte verschwinden. Ich habe Lust, meinen Kopfschmerz in alle Gegenstände zu bohren, in alle Menschen die an meinem Haus vorbeigehen. Ich atme tief ein und tief aus und verliere jede Hoffnung, dass mich irgendjemand hier findet, während mein Herz in meinen Körper sägt und mich verwandeln will wie der Frühling die Bäume und er wird es niemals schaffen.
Die Erschöpfung nach vier durchwachten Tagen und Nächten lässt keine Überzeugung, keine Würde, kein Freiheitsgefühl zu. Es ist mir egal, ob die Neurologie oder die Theologie Recht hat. Wenn du am Rand deiner körperlichen und damit geistigen Fähigkeiten gelangt bist, ist es absolut egal, ob es Gott gibt oder nicht. Diese Absolutheit, mit der das Egal jede Haltung annulliert, ist der Stein des Weisen, auf dem man kaut, wenn man so weit wie noch nie von einem erholsamen Schlaf entfernt ist. Es ist absolut egal, auf welchem Weg du bist, denn alle Wege gehen in die falsche Richtung. Da es immer nur darauf ankommt, welche Musik und welches Gesicht man auflegt, aber du dir weder das eine noch das andere mehr leisten kannst, stehst du außerhalb von allem, dort wo es nichts mehr zu holen gibt, ein ungeheuer angespannter Urzustand, aus dem heraus du alles tun kannst, wozu du sonst nie den Mut gehabt hättest. Fühle die Freiheit, die dir in dein Herz sticht! Suhle dich darin, schau nicht zurück! Niemand weiß, wer du bist. Niemand weiß, wer du bist...
Hier unten bist du frei wie eine Ratte. Lass dich von deiner Abgelöstheit nicht auflösen, halte mit klaren Worten jede interessante Sehnsucht lebendig, so banal sie auch scheint: letztlich ist alles banal, wenn man es erstmal verstanden hat.
Lass ruhig deine Schmerzen mit deiner Bosheit spielen. Glaub nicht, dass du gescheitert bist, bloß weil deine Worte gescheitert sind - weil sie scheitern mussten.
Jeder Moment ist der passende Moment für eine große Tasse Mate-Tee.
Sensibilität ist der Schlüssel zur Intensität, die genau in das Loch passt, das dein Suchen nach dem Sinn des Lebens hinterlassen hat. Du bist auf dem richtigen Weg, wenn dir alles übertrieben vorkommt, wenn du mit nichts mehr klar kommst. Alles, was du abnickst, macht dich älter und kälter. Weil man sich in alles reinsteigern kann, musst du dich in alles reinsteigern. Du fällst jeden Tag weiter in deine Höhe und irgendwann schlägst du auf und man lässt Erde auf dich rieseln.
Die Unendlichkeit die mich erwartet, ist identisch mit der Unendlichkeit, die ich hinter mir habe. Ich spüre, dass das eine Binsenweisheit ist, ich spüre, dass sie wahr ist und dass sie mich daran hindert, aus dem Bett zu kommen. Ich reibe mir die Augen und erkläre meine Unfähigkeit, erholsamen Schlaf zu finden, zu meiner Festung.
Regungslos herumliegend, entsage ich jeder Lust, aus meinem Leben etwas zu machen, derart außerstande, in der Welt Fuß zu fassen, dass ich für einen Moment das Gefühl habe, dass heute der Tag ist, an dem alle von ihrem Glauben abkommen und sich plötzlich davor ekeln, dass ihre Haare wachsen, ihre Fingernägel wachsen.
Sterben heißt, versagen. Alle Leute, die gestorben sind, ob reich, ob arm, ob einflussreich oder unbedeutend, sind gescheitert. Mein riesiges Gehirn pulsiert und mein riesiges Gesicht pulsiert und ich dreh die Musik immer lauter, bis ich nicht mehr klar und sauber denken kann und immer wieder peitscht mich der Gedanke, dass ich nicht scheitern werde, dass ich nicht versagen werde. Die Lüge fühlt sich gut an, die Lüge ist eine Lüge. Ich nehme noch einen Schluck von meiner Koffein-Mixtur (Mate-Tee, Kolanuss-Pulver; mit Honig und Sojamilch verfeinert) und glaube nicht, dass ich die nächsten Tage in die Stadt gehe.
Wenn der Einzelne sich aus der Gesellschaft herausgelöst hat, darf er nicht verbittern; erst wenn er wirklich glücklich ist mit seiner Freiheit, ist er was wert. Ein bösherziger Eremit ist eine Schande in den Augen der Göttin der Einsamkeit, seine Aggressivität und Missgunst ist offensichtlich Frucht unverdauter Freiheit - und erzeugt chronische Schmerzen, die wiederum die Behaglichkeiten der Gesellschaft verlockend erscheinen lassen wollen.
Man sieht es schon an seinem Gesicht, dass die Gesellschaft, aus der er floh, immer noch ihre zwei drei Finger in seinem Hintern stecken hat; noch hat sie ihn nicht freigegeben, noch steckt er in der Maschine fest. Erst, wenn er gerne frei, gerne außen vor ist und zwischen den Begriffen, über den Dingen, hinter den Idealen steckt, erst wenn er also keinen Gram mehr gegen jene hegt, die sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt haben wie er, wenn er alle Verbitterung losgeworden ist, verlieren die Lockungen der Gesellschaft ihren Reiz und ihren Sinn.
Ich bin hinter das Geheimnis meiner Schlaflosigkeit gekommen: weil so wenig in meinem Leben passiert, will mein Gehirn mich länger als gewöhnlich wach halten, damit es die vorgesehene Menge an Ereignissen aufnehmen kann... Das erklärt auch noch meinen Hang zu billigen Actionfilmen. Hauptsache es knallt. Je geschmackloser, desto authentischer. Je sinnloser, desto glaubwürdiger.
Ich setze Kopfhörer auf und prügel dem Tod in meinem Gehirn etwas entgegen. So wie eine Katze in den Raum schaut, ohne zu wissen, dass sie sterblich ist, so leer und dumm, so will ich mich meinem Bewusstsein stellen. Wenn ich mich nicht damit abfinden kann, zu existieren, kann ich wenigstens das Existieren selbst zusammenstauchen und durchschütteln lassen. Musik und Hoffnung vertiefen unsere Nichtigkeit und lösen den Irrglauben an eine Persönlichkeit auf, damit wir nicht mehr an unserer individuellen Existenz leiden, sondern nur noch an Existenz selbst, so wie es ein Tier tut. Menschen sind Tiere, die hoffen und tanzen können. Die Ratte ist die Königin der Tiere.
***
Blasphemie in der Gartenlaube
Desc:
1
Ich will dir etwas erzählen über Gott: Gott ist einsam und kann sich nicht mit sich allein beschäftigen; er benutzt die Menschen, um sich bei Laune zu halten, er benutzt alles was existiert, als Kaugummi. Er weiß genau, was ich für ein Lump bin. Er weiß, dass mein Eifer gegen ihn heftiger wird und wenn ich ihm nicht zuvorkomme, wird er mich bald fürchterlich abstoßen.
Gott ist ein Spieler, er hat Langeweile, er hat seinen Spaß mit uns - das ist sein Begriff von Liebe. Ich will nicht länger jemandem vertrauen, der sich von meiner Angst ernährt, lieber vertraue ich meinem Misstrauen, das sich von der strahlenden Gesundheit meiner Eingeweide ernährt.
Gott gab den Menschen einen freien Willen und er schaut zu, wie alles nach Plan verläuft. Als Allwissender weiß er, wie jeder bis zum Tod gehandelt haben wird. Wir haben die Pflicht, dankbar zu sein, denn wir sind frei und können auch undankbar sein, ist das nicht ein Wunder? Verschwinde für immer hinter den kalten Mauern einer Kirche. Dort findest du alles Menschen, die es nötig haben, für die Unbegreiflichkeit des Universums ein höheres, all-umfassendes, allmächtiges Lebewesen verantwortlich zu machen, sie schieben Gott den Schwarzen Peter zu und vielleicht können sie dich überzeugen, dass du - völlig egal wer du bist - Gott nötig hast und dass du ihn auch findest, wenn du leidenschaftlich (verkrampft & geplagt) suchst.
Gott spricht nicht durch die Bibel. In der Bibel sprechen Menschen von Gott. Religion ist zementierte Spiritualität. Während der Geist ständig in Bewegung ist, wollen unbewegliche Gläubige an einer absoluten Wahrheit festhalten, um ein Gefühl von Sicherheit und Identität zu bekommen. GOTT ist ein transsexueller, bisexueller Trunkenbold und ein wilder Tänzer und lacht über alle, die ihn benutzen wollen, um ihre fadenscheinige Biologie als Maß aller Dinge zu behaupten.
Aber Gott kann nicht wissen, ob es eine Instanz über ihm gibt. Und hat er je daran gezweifelt, dass er allmächtig ist? Hat er sich je gefragt, ob er tatsächlich die Macht hat zu erkennen, dass es nichts über ihm gibt? Gott muss insgeheim vermuten, dass es mehr gibt als er erkennen und erschaffen kann, denn ein Gott, der nicht alles bezweifeln kann, ist nicht allmächtig.
Die Selbstsicherheit Gottes beflügelt unsere banalsten Kleinlichkeiten. Wir wissen, dass der Grenzenlose sich selbst nicht hinterfragt: warum sollten wir es tun? Vielleicht weiß Gott bloß nicht, dass er nicht allwissend ist: warum sollten wir Sterblichen uns dann nicht auf unserem ewigen Nichtwissen ausruhen?
Alles was wir sind und erleben, hat im Gehirn seinen Ursprung und Zentrum. Hinter dem Gehirn kommt nichts mehr, bloß noch der Schädelknochen. Deshalb lohnt es sich nicht, über ein Leben nach dem Tod nachzudenken.
Nur Gott hat einen Körper, der im Absoluten überleben kann. Wenn meine Gedanken in ihn stürzen, bildet meine Stirn seine Peripherie.
Die Ewigkeit eines Gottes, der uns unter bestimmten Bedingungen ewiges Leben gewährt, ist heute endlich nicht mehr als eine Karikatur unserer Todesangst.
Gott ist die Idee eines schwindelfreien Schwindelerregers, für dessen ewige Liebe jeder gemacht ist.
Gott hat mit Marquis de Sade Selbstmord begangen und wurde von Friedrich Nietzsche beerdigt und Emil M. Cioran hat noch den ganzen Friedhof verwüstet. Doch Gott lebt weiter, in seinen Kindern - in seinen Kindern und Kindeskindern. Wir werden sie kriegen und in unserem Keller einsperren und uns lustvoll an ihnen vergehen und sie foltern und verstümmeln, damit sie wissen, dass wir sie nicht in unserer Nachbarschaft dulden. Sie sollen niemandem mehr auf den Geist gehen!
Das Leben eines an Gott Glaubenden ist nicht „erfüllt dank Gott“, sondern überfüllt von Gott. Was er als Erfüllung empfindet, ist Druck.
Ich freue mich auf den Moment an dem ich schreien will: "Oh Gott, in was für eine Richtung hat sich mein Leben bewegt?", denn ab da wird alles ganz, ganz einfach.
Gott ist ein pubertierendes Miststück - und tut bloß so, als wär's der Liebe fähig und würdig.
Wenn Gott die Menschen lieben würde, würde er mit ihnen die Naturgesetze neu verhandeln.
Ob dich Gott berührt oder kalt lässt sagt nichts über seine Existenz aus.
Es ist reine Bosheit, wenn man dem Teufel unterstellt, er will alle Menschen ins Verderben führen. Der Teufel ist nicht so geschmacklos und gierig wie Gott. Die Hölle ist elitär.
Gott und Teufel sind zänkische Geschwister, die ihrem Vater nacheifern.
Gott ist das Verdauungsendprodukt des Todes. Liebe ist das Verdauungsendprodukt der Hoffnungslosigkeit.
Jeder Gott, der fürchten macht, gehört in den Papierkorb. Es ist völlig pervers, für so einen Gott auch nur einen Finger krumm zu machen.
Du bist nicht mehr dafür geeignet, einem Gott zu gehorchen oder auch nur im Geringsten zu trauen. Vielleicht weißt du es noch nicht.
Ein Heilsversprechen sitzt wie ein fetter, dunkler Engel auf mir drauf und ich möchte mein Gehirn mit Free Jazz in Guten-Morgen-Müsli verwandeln.
Unser Gott ist nicht mehr als Ausdruck unseres Begehrens nach ihm. - Je mehr man das Paradies nötig hat, desto wirklicher erscheint es. - Gott sehen und von ihm gesehen werden - die Sehnsucht aller mit sich selbst pathologisch Unzufriedenen. - Die christliche Askese ist die Einübung des ewigen, paradiesischen Hungers (im Nichts).
Gott kann nicht das Selbe wie ich durchmachen. Mein Leid kann NIEMALS seines sein: also Ruhe da oben!
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Vielleicht spüre ich Gott in meinem Herzen, aber hasse ihn dafür?
Könnte ein liebender Gott mich geschaffen haben, damit ich meine Lust unterdrücke, die er auch geschaffen hat? Wozu? Um zu beweisen, dass ich ihn mehr liebe als das, was er geschaffen hat? Ein Ich ist nur möglich, wenn es sich abgrenzen kann, und es kann sich nur mittels Lust- und Schmerzempfindungen abgrenzen.
Man soll nicht einfach alle Kirchen verbrennen, bevor man nicht eine Ersatzinstitution geschaffen hat. Ein Ersatzziel, ein Ersatzweltbild, Ersatzantworten, Ersatzrituale. Die Kirche hat auf gute Fragen schlecht geantwortet. Nur weil wir die Antworten als schädlich für uns erkannt haben, dürfen wir die Fragen nicht als unwichtig erachten.
Theologen: Menschen, die Gott in der Bibliothek getroffen haben und ihre Zeit damit vertreiben, den religiösen Humbug, an den Bauern, Dorftrottel, Soldaten und Krebspatienten glauben wollen, intellektuell aufzublasen. Sie machen eine Wissenschaft aus einer fiktiven Erzählung und leiten daraus ab, wie man zu leben hat, so wie Nerds eine Wissenschaft aus „Herr der Ringe“ machen.
Der Gesichtsausdruck eines Babys bei der Taufe - wie ein gefoltertes Tier, Schrecken, Schmerz, Verwirrung. Lächelnde Verwandtschaft, Nucki in den Mund. Warmherzige Geistliche spenden Liebe. Gewissen, Tradition, Aura, sozialer Status, Sehnsüchte über die Grenzen der Wirklichkeit hinweg. Not, Tugend, kalte Musik. Man muss ihnen das weiche Grinsen aus dem Gesicht schneiden. Warum lassen wir sie noch frei herumlaufen?
„Ich glaube an Gott, weil er sinnstiftend ist. Alles was Sinn macht, ist Wert, geglaubt zu werden. Eine bloße Einbildung kann nicht sinnstiftend sein.“ - Genau so fängt es an und damit hört es auch auf.
Eine Einbildung ist dazu da, Sinn zu stiften. - Wie man es dreht und wendet, jede Religion ist nicht mehr als eine Sekte, eine esoterische Institution. Ein Priester wirkt auf mich ganz genau so absurd wie Thomas Hornauer in seinen Kanal-Telemedial-Sendungen ( - wenn seine Arbeit überhaupt einen Wert für unsere Gesellschaft hat, dann den, realsatirisch die Mechanismen jeder Art von Religion bloßzustellen als Werkzeug, mit dem man Menschen kontrollieren und ausbeuten kann).
Ein erfülltes spirituelles Leben ist erst möglich, wenn man Gott für genau so real hält und folglich genau so ernst nimmt wie die Figuren aus Harry Potter, Star Wars oder den Simpsons. Gott ist eine Idee, er begleitet mich, er unterstützt mich, genau wie Dracula und Zarathustra und Pumuckel. Erst wenn man sich der Fiktivität Gottes bewusst wird, kann man richtig spirituell sein - und endlich fromm werden.
Das Wissen darum, dass Gott nur eine Erfindung des Menschen ist, steht einem religiösen Leben genau so wenig im Weg wie einem Liebenden Erkenntnisse auf dem Gebiet der Neurobiologie. Man ist erst von der Bürde einer Religion befreit, wenn man leichten, brennenden, fröhlichen Herzens sich von Gott und all seinen Institutionen lossagen kann, wenn man alle Dogmen, alle Erfüllungsideologien, alle metaphysischen Hoffnungen in einem infantilen Lachen von sich abschüttelt. Man wird Gott nur mit viel Liebe, Zärtlichkeit, Langsamkeit, Lustigkeit und Entspannung los, und dann erst ist das Herz empfindlich genug für das Göttliche.
Dass sich eine Religion durchsetzen konnte, sagt nichts über ihre Berechtigung aus. Vieles an unserer heutigen Welt ist schlecht, weil sich eben das Schlechte durchgesetzt hat - es gab einfach nicht genügend Druck gegen dieses Schlechte. Ein bedrückend-stumpfsinniges Ballermann-Gute-Laune-Lied setzt sich gegen so unglaublich viel feinsinnige, virtuose, gehaltvolle Musik durch! Man könnte Jesus dafür bewundern, dass er Wasser in Wein verwandelt hat, aber das wirkliche Wunder ist, wie man mit so unglaublich kranker, dummer, perverser Musik so unglaublich viel und regelmäßig und schamlos Geld machen kann. - Wer keine Lust hat, alles Erfolgreiche in den Dreck zu ziehen, der sollte gar nicht erst den Mund aufmachen, wenn es um Gott geht - und erst recht nicht, wenn es um Musikgeschmack geht.
Gott hat mir immer Angst gemacht. Ich habe in den letzten Jahren Gott in den Schlachthof meiner Koffeinsucht deportiert, um ihn dort zu zerstückeln - und dann nach unten zu transportieren ins Krematorium meines Ekels.
Die letzten Götter beginnen zu stolpern und wir stolpern über ihr Stolpern und sie stolpern wiederum über unser Stolpern und damit wäre es dann endgültig erledigt.
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Hochsommer im Nachmittag
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Ein Nachmittag. Das plumpe Poltern der Mülleimer im Hinterhof, ansonsten drückende Ereignislosigkeit. Ich schleiche an meinen Wänden entlang, unverwickelt in die Geschichte, unbeurteilt von allen Geschichtsträchtigen. Die aggressive Ruhe verspannt meine Schultern, neutralisiert mein Gesicht, keine Regung verrät alles über meinen grauen Frieden mit der Welt. Einzig der Vogelgesang bringt etwas Lust und Kontur in den Tag. Was sühne ich hier?
Die Freude auf den Herbst trägt mich durch den langweiligen Alptraum des Hochsommers. Ich habe keine Lust, Leute zu treffen, bald fahren Bagger durch meine Wohnung. Vielleicht kann ich tagsüber bei Felix im Keller schlafen. Ich mag die Ungewissheit der Zukunft, den kalten Druck gegen meine Brust. Je weniger feststeht, desto mehr ist möglich. Ich versuche mir so wenig wie möglich Hoffnung zu machen. Ein bisschen Angst, zu verblöden.
"Die gute Laune, die das Wetter über die Stadt ausbreitet, kann ich nicht mit meinem Gehirn vereinbaren.", sag ich in übertrieben selbstironischem Ton der Nachbarin, die mir einen schönen Tag wünscht und sagt, ich soll den sonnigen Sonntag genießen. Ich komm mir wie ein idiotischer Verlierer vor und der grüne Tee schenkt mir eine euphorische Stimmung, in der ich gern, von Herzen Herzen Herzen gern ein idiotischer Verlierer bin.
Mit einem leichten, arrogant leichten Grinsen sitze ich auf der wackligen Gartenbank, schnippe meine Fußnägel ins Blumenbeet und hoffe, dass man mir ansehen könnte, dass ich Glaube, etwas weitaus Sinnvolleres zu tun als alle anderen Leute in der Stadt. - Wie jeden Sonntag habe ich auch heute wieder das Gefühl, dass alle Anderen, indem sie den freien Tag genießen, zu Gast in der Welt sind, die ich jeden Tag bewohne. Ein Grund mehr, mich in mein Schlafzimmer einzuschließen. Ich will noch nicht die Zielscheibe des Universums sein.
Ich fühle mich, als wäre es mir verboten, zu leben wie ich lebe. Je weniger Schlaf ich bekomme, desto überzeugter bin ich, dass ich etwas derartig Verbrecherisches tue, dass es nur eine Frage der Zeit sein muss, bis ich erwischt werde. Ich glühe meine schamlose Ratlosigkeit in den Weltraum wie ein gesuchter Kinderschänder, der auf der Motorhaube eines Polizeiautos onaniert.
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Der Hochsommer hat alles Leben aus der Welt gezogen, alles ist ausgetrocknet. Stumpfe Grellheit und stumpfe Stille hat alles vergiftet. Von Ereignislosigkeit aufgeweicht sacke ich hinab in die nackte Existenz meines nutzlosen Körpers, dessen Gehirn nur noch in der Lage ist, mir Erinnerungen an peinliche Erlebnisse zu liefern. Dass ich im Angesicht all meiner Dummheiten, Verfehlungen und Trotteligkeiten keinen epileptischen Anfall bekomme, ist nur ein weiteres Symptom meiner Abartigkeit. Ich versuche krampfhaft nicht an mich zu denken - ich weiß nicht was ich mir davon erwarte, aber ich tu es und ich sehe, dass die Anderen, alle Anderen genau so verkommen sind wie ich. Jeder hofft irgendwas, jeder steckt irgendwo drin wo er nicht raus kommt, jeder bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, jeder lässt sich erniedrigen von seinem Ego, seinem Gewissen, seinen kleinen Sehnsüchten. Es gibt niemanden, der hinter seiner Fassade nicht ein dummes, gieriges Tier ist, das andere quält, weil es auch gequält werden will. Ich versuche mich mit meinem Musikgeschmack, mit meinem Schreibstil, mit meinem destruktiven Wohnen von allen anderen abzuheben, denn ich brauche das Gefühl, ein besseres Leben zu haben, aber im Grunde bin ich genau so ein verirrtes, inkonsequentes, schwaches, von Idealen und Haltungen abgestumpftes Insekt in einem verstopften Urwald, den eine unendliche Wüste von allen Seiten zerfrisst.
Warum die eigene Nichtsnutzigkeit nicht derart überladen, bis die Landesregierung daran zerbricht? - Ich pumpe fröhlich, ich pumpe überfröhlich, ich überpumpe überfröhlich überfröhlich.
Ich trinke einen Schluck Wasser und nehme nicht den Hammer neben mir und haue damit nicht gegen die Wand. Die Nichtexistenz des Loches in der Wand könnte eine Art Todesurteil sein. Mich hätte nur die Nichtexistenz des Hammers freisprechen können, aber der Hammer ist da, er liegt direkt neben mir und es gibt Gründe ihn zu benutzen und Gründe ihn nicht zu benutzen. Wer bin ich? Ich bin ein sehr feiger Mensch. Mein Leben ist ein Karton, in dem ich sitze.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ich gleich einen Herzinfark bekomme ist so groß wie meine Pupillen, die wie Tore einer Kathedrale sich öffnen und die Besucher hineinlassen. Es ist eine Kathedrale, in der Leute randalieren, herumficken und herumscheißen und Gift und Blut spucken können. Fotografieren ist aber verboten, denn dieser Ort ist dem heiligen Leben gewidmet. Ich bin nicht genial genug, um jetzt einen Herzinfarkt zu bekommen. Vielleicht habe ich irgendwann den Ehrgeiz, Menschen zu töten. Ich mag es, darüber nachzudenken. Es gibt wirklich unangenehmere Arten in dieser Stadt zu verschimmeln. Die Tatsache, dass ich die Möglichkeit habe, viele Menschen umzubringen, erfüllt mich mit einem absurden Stolz, ich kann ein dümmliches, aus Urtiefen hervorstoßendes Lachen nicht peinlich finden.
Die Angst erschreckt zu werden, läd jeden Gegenstand in meinem Zimmer mit einer unsinnigen Bedeutung auf. Je schneller das Herz schlägt, desto näher rücke ich dem Bewusstsein, dass es sinnlos schlägt.
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Wie ein wütender Stier versinke ich in der Ambiente-Musik meiner Schlaflosigkeit. Jeder Gedanke ein Schmetterling in einem Einmachglas. Ich existiere wie alles andere, das existiert. Es ist ein unentrinnbares Nebeneinander. Alles ist beisammen und auf sich geworfen. Meine Übermüdigkeit vereinigt alle Dinge. Es gibt kein Warten, kein Gedanke an etwas Kommendes. - Ich puste und puste, bis das Licht am Ende des Tunnels ausgeht. -
Bereits 35 Stunden wach. Allein die Tatsache, dass mein Körper fähig ist, Dinge zu zerstören, hält mich beisammen. Alles ist egal, die sozialen Gefühle, die Behörden, das schmutzige Geschirr, die Bedürfnisse von irgendwelchen Leuten, die mich nicht riechen können. Ich hab einen Popel in der Nase und hol ihn mit meinem linken kleinen Finger heraus.
Die Metaphern flutschen aus meinen Händen, der Straßenlärm ist kalt, will mich krank machen, unter meinem Kissen schläft eine Fleischsäge. Meine Mutter erwartet meinen Anruf, sie will mich morgen sehen. Ich habe Lust, ihre Finger zu brechen oder vom Stuhl zu stoßen. Allein die Tatsache, dass ich noch in der Lage bin mich selbst zu töten, hält mich beisammen.
Mein Gesicht ist bleich, immun gegen jede Ausrede dafür, warum ich mir die Bürde meiner Existenz leisten will. Ich muss noch ein paar Wochen wachbleiben. Alle Vergleiche mit mir hinken, weil ich ihnen den rechten Fuß weggeschossen habe. Es ist absolut nicht nötig, die apokalyptischen Stimmungen im Herz ernst zu nehmen, während man in einer kalten, schlaflosen Nacht eingeklemmt ist und den Kaugummi seiner Biographie kaut. Es reicht, alles wahrnehmen, was vor die Linse kommt und zu frieren; ruhig auf der Glasscheibe liegen bleiben, unter der das Denken brummt, hoffend, dass die Scheibe hält.
Bedrückt von der Unfähigkeit, meine Möglichkeiten zu nutzen, in einer Ecke des Zimmers, die lächelnde Rose meiner Lebensüberdrüssigkeit lässt den Krater des Daseins strahlen, alles was mir in dieser Wohnung, in meinen Selbstgesprächen nicht neu ist, zersetzt mein Ichgefühl. Derart ausgelaugt von meinem Hass auf Ideale, Überzeugungen und Werte kann ich mich nur noch dazu hinreißen lassen, in das bodenlose Gähnen dieser weißen Nacht eine weitere rote Fahne der Überheblichkeit zu hissen: das, was mir Rückenschmerzen macht, das was mich so entsetzlich bedrückt, ist meine Freiheit.
Zumindest in dieser Stunde habe ich vor nichts Angst. Das einzige, was mich jetzt noch vom Selbstmord trennt ist meine Faulheit, die - würde er mich ganz tief in sich spüren - dem Papst genügen würde, um mich heilig zu sprechen.
Ich habe alles gesagt, was ich weiß.
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Beton
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Ich bin nur einer von vielen Perversen in einer von vielen vergifteten Städten auf der Suche nach einem von vielen Engeln. Ich knie nieder vor dem einen, wahren, ewigen Gott, ich knie nieder vor seiner Unaussprechlichkeit, Undenkbarkeit, vor seiner Banalität, vor seiner Notwendigkeit, vor seiner Gleichgültigkeit, vor seiner Lieblosigkeit.
Mein Körper ist glühende, brodelnde, siedende Güte, ich esse kaum noch was und vegetiere durch die Monate und bete im Loch der Löcher für den alles entscheidenden Riss im Firmament, ich werde immer kälter und älter und verliere mein restliches Vertrauen, meine restliche Notwendigkeit und meine letzte Lust.
Es grenzt an ein Wunder, dass sich die Natur nach jedem Winter erneut nach draußen traut.
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Man überlebt eine Unendlichkeit Nichts, nämlich die vor der Geburt, aber nicht die ab dem Tod. Unser Alltag verhindert, dass wir ein Gefühl für die Unendlichkeit des Nichts, das auf uns wartet, entwickeln können. Wir nicken unkonzentriert ab, was uns die Naturwissenschaftler sagen, aber wir haben keinen Begriff davon.
Die Angst vor dem Nichts, könnte sie ihre unendliche Schönheit gegen den Alltag durchsetzen, würde uns niemals erlauben, mit beiden Beinen gerade aus zu gehen oder unseren Blick in den Himmel zu richten.
Eine Ewigkeit Nichts. Dann geraden Moleküle so aneinander, dass mein Bewusstsein entsteht, und mit diesem Bewusstschein schau ich mich um - und dann wieder eine Ewigkeit Nichts. Nur einmal leben. Danach nie wieder. Ich hab eben geträumt, dass ich deswegen weine, nachts auf einem verregneten Kirchdach, ein Freund umarmt mich und sagt "Oh bist du schön warm" und dann gehen wir weiter. Der Freund warnt mich vor Löchern im Dach: "Pass auf, ob du aufs Dach oder in den Tod trittst" und ich spring drüber und schau zurück und er fällt kerzengerade durch das Loch
Ich spüre wie mich das Universum in der Klemme hat und wache mit einem Schwindelgefühl auf und frage mich, warum niemand Tag ein, Tag aus heult wegen der dummen, unendlich kalten, trostlosen, skandalösen Tatsache unserer absoluten Sterblichkeit. Man lebt nur einmal kurz und danach nie wieder. Das Bewusstsein starrt in die unerreichbare Unendlichkeit, niemand der gern am Leben ist, will sterben und irgendwann ist alles für immer, für immer vorbei und nichts kommt wieder. Ich fühle mich den ganzen Tag so leer, so schwach, zerbrechlich, ausgeliefert, ich möchte all meine Freunde umarmen.
So wie ich hoffentlich irgendwann zu verkraften lerne, dass ich niemals die Lippen küssen werde, die ich küssen will, werde ich hoffentlich auch zu verkraften lernen, dass irgendwann mein Leben für immer vorbei ist. Vielleicht werde ich meinen Tod aber auch niemals verkraften können, weil ich niemals den, den ich lieb, küsse. Ich bin derart unvorbereitet auf den Tod, dass ich nur wütend sein kann, niemanden zu haben, den ich für meinen Alterungsprozess verantwortlich machen kann. Die Lüste, die das Leben bietet, sollen über den Tod kurzzeitig hinwegtrösten. Die Untröstlichen ziehen sich vom Leben zurück, verkriechen sich in einer abgedunkelten Wohnung, lassen sich mehr und mehr drangsalieren von ihrer Unfähigkeit, irgendeinen Fluch in den Weltraum zu spucken, werden immer kälter, leerer, dunkler, ihre Gesichtszüge werden immer neutraler, ihre Herzen ruhiger und in ihren Träumen liegen sie im warmen, weichen Gras, an den sprudelnden Quellen ihrer Kindheit. Nur das Imaginäre, das Falsche, das Unwesentliche, das Unnatürliche schützt vor dem Sterben.
Der Sinn des Lebens ist, Fingernägel zu knabbern.
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Man muss nicht immer etwas denken und fühlen. Man kann auch einfach ein bisschen tot sein. Das geht am schnellsten in irgendwelchen bunten Bars, aber so eilig hab ich es noch nicht. Ich mag es, ambivalent im Ungefähren zu wabern und irgendwann, wenn das Wetter günstig ist, ein bisschen fanatisch an irgendwas zu basteln, an einem Buch, an einem Lied, an einer Romanze...Alles wird katastrophal enden. Das ist die Gewissheit. Deshalb sind wir ja da, um es katastrophal enden zu lassen. Das mag dir zu pathetisch sein, mir scheint es sogar zu pathetisch, dem Leben gegenüber positiv oder gleichgültig eingestellt zu sein.
Für mich hat das Leben nur eine Rechtfertigung, wenn ich weiß, dass es irgendwann oder schon ganz bald katastrophal enden wird. Ohne meine Sehnsucht nach einer finalen Katastrophe könnte ich meine vielen Katastrophen der Vergangenheit und Gegenwart nicht rechtfertigen. (Keine echte Katastrophe kann gerechtfertigt werden - wenn etwas gerechtfertigt werden kann, ist es keine Katastrophe mehr. Bloß die finale Katastrophe kann für den, der sie erlebt, eine Rechtfertigung haben.)
Irgendwann werden alle Strukturen aufbrechen, es wird keine Bedürfnisse mehr geben, nur noch die Sehnsucht nach einer Ewigkeit Nichts - mit einem kleinen Klick, einem kleinen Schritt, einem kleinen Mut lässt sie sich erfüllen. Es ist so skandalös einfach, dass ich heulen könnte. Aber es könnte schlimmer enden - und ich will auch, dass es schlimmer endet.
Ich möchte keine Geschichte haben, ich möchte nicht an einer Vergangenheit hängen. Es wird nie mehr so schön werden wie früher... Mehr muss ich nicht wissen. Entweder alles bewegt sich auf einen großen Knall zu oder man verblasst und wird schwächer und stumpfer. -
Soll die finale Katastrophe im Altenheim stattfinden oder nicht? Das ist die zentrale Frage.
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Meine Sehnsucht, einen stabilen Körper zu umarmen, steht mir ins Gesicht geschrieben wie ein heftiger, sinnloser Kater, den mir meine Schlaflosigkeit aufgezwungen hat.
Erwachsen sein heißt, ständig angespannt sein. Der Wunsch sich zu entspannen ist das letzte Übrigbleibsel der Kindheit - ein Findling, der wie ein obskurer Obelisk auf dem Feld liegt und meist nur von saufenden Prolls als Sitzgelegenheit genutzt wird. Alles, was je ein Künstler äußern kann, ist die Art und Weise, wie er mit dem Trauma seiner verlorenen Kindheit umgeht.
Hab ich je richtig geschlafen? Ich fühl mich wie ein Gespenst, wenn ich von Unberührbarkeit niedergedrückt durch die Straßen ziehe und mir vorstelle, dass gleich tausende Leberflecken meine Haut überfallen. Der eine da an meinem linken Zeigefinger sieht schon dunkler aus als sonst. Abgetrennt von der Welt der Anderen suche ich Halt in der Uferlosigkeit meines ermatteten Körpers. Ich kann mir keine entspannte Zukunft vorstellen. Ich stecke im unannehmbar Gegenwärtigen, ein Loch, das die Vergangenheit gegraben hat. Seit Jahren immer wieder die selben Erschütterungen - unterschiedliche Auslöser, aber im Grunde ein und das selbe: die Gewissheit, dass ich aufgrund einer körperlichen und geistigen Behinderung inkompatibel bin mit einem normalen, glücklichen Leben an der Seite eines gemütlichen Menschen. Jedes kleine Missgeschick, jeder elende Zweifel, jede dumme Angst bläht diese Gewissheit stetig auf, bis sie mich total erfüllt und auf den Boden drückt.
Ich lege mir - es sieht wie ein mutiger Trotz aus, aber es ist nur ein Symptom meiner Krankheit - einen Dorn Easy-Listening-Musik in den Kopf und dreh mich im Kreis. Ich denke an meine Freunde, an ihre Gesichter, ich stelle mir ihre Intensionen vor, ich neide ihnen alles. Ich schäme mich dermaßen vor diesem Neid, dass ich in Tränen ausbrechen möchte, aber selbst dafür bin ich zu entartet. Ich sehe in allem, was mir nicht gleichgültig gegenübersteht, einen Grund, zu verschwinden - ich muss nur richtig hinsehen. Da! Siehst du?
Irgendwann hat man alle interessanten, kreativen Möglichkeiten der Schlaflosigkeit aufgebraucht. Irgendwann gibt es einfach nichts Neues mehr zu erkennen und schon garnichts mehr zu tun. Ich weiß, dass ich alles verstanden habe, was es an meinem Leben zu verstehen gibt. Ich lebe, um sinnlos zu leiden. - Warum steig ich nicht aufs Dach und werf mich runter? Weil meine Freunde es nicht verstehen würden? Weil meine Mutter weinen würde? Mein Selbstmord wäre nur der Gipfel meiner Abartigkeit, mit ihm würde ich alles Elend für immer und für alle sichtbar besiegeln. Nein, ich muss etwas viel Unerträglicheres, Unmöglicheres tun: am Leben bleiben.
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Pisse
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„Ich will mit meinem Leben nichts anfangen.“, tröste ich mein aufgepeitschtes Gehirn durch eine weitere schlaflose Nacht; werde plötzlich von Dylans "Subterrean Homesick Blues" erweckt: ich geh also in die Stadt und setz mich in ein kleines französisches Café, plötzlich kommt ein Freund um die Ecke, den ich lang nicht mehr getroffen habe. Ich freue mich, ihn zu sehen und grinse ganz automatisch und als er mich erkennt, fängt er auch zu grinsen an. Das automatische Lächeln, das wir austauschen, betäubt mich, ich bin unfähig ein Wort auszusprechen, mit einem festen Händedruck gibt er mir zu verstehen, dass er in Eile ist, aber mich bald wieder sehen will. Plötzlich bin ich wieder allein auf der Straße. Ich spüre, wie mein Lächeln schwächer wird, ich beobachte, wie ich langsam wieder ernst schaue. Traurig zu wissen, dass am Ende nichts bleiben wird.
Es ist alles so trocken und still und flach hier. Die Zeit ist öder, dickflüssiger Tran. Ich warte auf eine entscheidende Wende. Ich hätte gern eine getragene Unterhose von meinem süßen Nachbarn hier bei mir. Vielleicht hab ich auch bald mal den Schneid, mir einfach so in die Hosen zu pissen. Der Gedanke, dass mich das endgültig auf die schiefe Bahn bringt, ist nicht so schlimm wie das unschuldige Grinsen meiner Lust heiß ist. Mein Herz schlägt höher, wenn ich mir vorstelle, die Unterhose von Florian auf meinem Schoß zu haben oder mir einfach einzupissen. Wie könnte man mich in einer Stadt wie die hier davon abhalten, irgendwas zu tun was sich nicht gehört? Es ist so einfach, dass man kaum wagt, darüber zu schreiben, bevor man es getan hat..
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Romantikmuskel
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Es wäre so viel leichter, schöner, sinnvoller, im Unsicheren nach nichts zu fischen, wenn man nicht allein auf dem Boot wäre, wenn man jemanden hätte, mit dem man seine Unsicherheit, seine Weltferne, seine Angst, seine Schwammigkeit teilen könnte, jemand mit dem man gemeinsam in irgendeine Zwischenwelt versacken könnte, mit dem man das Stottern gegen Unsagbarkeiten vertiefen und ins Unendliche steigern könnte - einfach zusammen dumm aus der Wäsche gucken, den apokalyptischen Frühling vorbeiziehen lassen und an nichts denken und nichts erwarten. Heitere Gelöstheit, bodenloses Vertrauen. Eine feste Umarmung, ein Kuss, zusammen einschlafen, zusammen aufwachen, gähnen, strecken und wieder an Deck gehen und auf der Reling herumtrommeln, den dunklen Himmel anstarren. Ein gemütliches Schunkeln in die Ungewissheit. - Ich bin ein verliebtes Gespenst. - Noch an meinem letzten Tag würde ich alle verfügbare Manie aus meinem Körper zusammenkratzen können, um alles, was dich kleiner und unwirklicher macht, kleiner und unwirklicher zu machen.
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INSOMNIA NARRATIV
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New Scene 3
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New Scene 4
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New Scene 5
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Anmaßungen
1 unpersönlich
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0
Nicht schlafen können ist eine Kunstform, die über alle Werke erhebt. Erdrückende Ekstase. Die Wahrnehmung schneidet wie ein Messer durch die stehengebliebene Zeit und den Raum, in dem kein Gedanke hängen bleibt, nichts bleibt hängen an der hypnotischen Monotonie des Schneidens. Jede durchwachte Nacht verringert die Lebensspanne um etwa eine Woche.
Über 300.000 verlorene Seelen in einem Dorf. Über 300.000 Gründe, nichts zu tun.
Jemanden verstehen heißt, ihn besiegen. - Sich entscheiden heißt, verlieren.
Erst wenn man dem eigenen Leid keinen Sinn mehr geben kann, hat man es verstanden.
Jeder Gedanke ist ein Zwangsgedanke.
Es gibt für jedes Problem mindestens eine katastrophale Lösung, die sich lohnt.
Der Ängstliche sieht mehr als der Mutige, der Mutige ist fröhlicher als der Ängstliche. Je mehr der Ängstliche sieht, desto ängstlicher wird er. Je fröhlicher der Mutige ist, desto mutiger wird er.
Ob man die Dinge ernst nimmt oder nicht - man wird ihnen niemals gerecht.
Man kann sich so schnell und effektiv von allem Bedrückenden lösen, bloß nicht von der Lust, bedrückt zu sein.
Der Existenz ist es egal, warum sie existiert. Sie säuft einfach die halbe Bar leer und fällt irgendwann vom Hausdach.
Der Bordstein ist überzeugender als das Abendrot - solider, verlässlicher.
Der Lebenswille verkleidet sich oft als Verzweiflung - der Todestrieb trägt gemütlichere Klamotten.
Der Tod ist das einzige das man anfassen kann, ohne sich zu blamieren.
Wenigstens das, was nicht ewig ist, ist absolut nichts wert.
Man kann umso leichter sterben, je mehr man zurücklassen würde.
Denken ist ein Abreibungsprozess. - Bewusstsein ist der Sand im Getriebe des Körpers.
Alles Gewesene ist Brei. Die Zukunft ist eine Schüssel für noch mehr Brei. Und die Gegenwart ist das Rühren des Breis.
Alle Wahrheit versucht sich in einem Zwiespalt zu verstecken.
Warum ist Manie und Depression, Selbstsicherheit und Selbstunsicherheit, Aufmerksamkeit und Langeweile so dicht beieinander?
Wenn man alles durchschaut hat, kann man das Leben nur als Psychopath, Junkie oder Bettelmönch ertragen.
Leben und Tod kämpfen miteinander - das Resultat ist ein blühender und irgendwann ein welkender Körper.
Das Leben erfindet sich immer neue Mittel gegen den Tod und die Langeweile. Viele Mittel sind nicht mehr zu gebrauchen und einige werden bald wieder nützlich sein. Die Sensiblen suchen und finden zuerst, dann ihre Freunde, dann eine Subkultur, dann eine Gegenkultur.
Eine oder mehrere Meinungen zu haben ist genau so idiotisch wie gar keine Meinung zu haben.
Zwei Arten von Skeptikern: die einen sind von Zweifeln zerfressen, die anderen von Zweifeln erfüllt.
Warum kann man nicht allein leben? Warum muss man Andere bezeugen lassen, dass es einen gibt? Weil man selbst nichts glauben kann, man kann nur Andere glauben machen.
Arbeiten, etwas erschaffen, etwas bewirken heißt: das destruktive Potential des Geistes auf ein Abstellgleis umleiten, damit die Lust an der eigenen Verderblichkeit so lang wie möglich ausgekostet werden kann.
Wenn man nur noch an einer Sache hängt, werten man die Sache mit Inbrunst auf, damit das Festklammern nicht so lächerlich wirkt. ("Es ist meine Bestimmung, Schriftsteller zu werden! Es ist meine Bestimmung, mich hier in ein Tier zu verwandeln!" und so weiter.)
***
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"Man muss nicht jeden Tag leben.", dachte er sich und trat einen Schritt zur Seite.
Billiger Kaffee, warm und bitter, leuchtet mir den Weg durch die Nacht, wie eine Kalaschnikow mit angeschraubter Lampe. Meine kaltblütige Liebe krampft alle Poesie in den Widerstand gegen die Möglichkeit. Zerrissene Gefühle definieren die Kluft zwischen Abstumpfung und Besessenheit. Hysterische Ambivalenz. Aufschlussreiches Zyankali, erlösende Peitschenhiebe.
Sich vom Zweifel erfüllen lassen wie man sich nur noch von einer Utopie erfüllen lassen könnte, bedeutet, sich in den verbotenen Wald zurückzuziehen, während die anderen Kinder sich in der Wirklichkeit einer kleinen, grauen Stadt verzetteln. - Die schwarze Müdigkeit hinter meinen Augen rettet mich vor der gleißenden Müdigkeit, die die Sonne über Europa strahlt.
Je mehr ich über mein Eingeklemmtsein nachdenke, desto größer wird meine Lust, das Leben gegen den Baum zu fahren. Ich drücke meine Lust gegen das Leben - und versuche in einen Zustand zu gelangen, in dem ich nicht mehr wissen kann, wie diese Begegnung am wahrscheinlichsten endet - und verändere damit tatsächlich noch die Wahrscheinlichkeit.
Das Glück, geboren worden zu sein, erfüllt mich mit einer Scham, die kein Gott mir nehmen könnte.
Gefangen in meiner Materie verfüge ich nur über den Sinnestaumel oder das Nichts, sonst ist alles durchgekaut.
So wie ein Kind in der Nase bohrt und einen Popel isst, so verschwende ich mein Leben: der gleiche Eifer, die gleiche Neugier, der gleiche Gesichtsausdruck.
Der Gedanke, mein Leben einer höheren Idee zu widmen, kommt mir genau so absurd vor wie der Gedanke, meine sterblichen Überreste dem Bundespräsidenten zu vermachen.
Der Sinn des Lebens aus Sicht des weißen Kaninchens, dass ich seit Jahren verfolge: "Hahahahahaha lebensmüde werden".
Jeder Mut ist Anmaßung. Es steht nicht fest, wie ich sterben werde.Mut ist Diese Gewissheit baumelt wie ein Damokles-Schwer über meiner Unausgeglichenheit arabica. Meine Augen starren Phantasie und Wirklichkeit durchbohrend ins Nichts.
Da ist ein Loch in meinem Leben. Es dehnt sich langsam in meinem ganzen Körper aus. Es will mein ganzes Leben ausfüllen. Ich weiß wirklich nicht, was mit mir nicht stimmt. Jeden Tag verliere ich mehr von mir. Auf der Suche nach Substanz stürze ich immer tiefer. Nichts steht in Verbindung mit mir.
Die Zeit und ich zerdrücken uns gegenseitig die Kehle. Keinem Gedanken glauben wollend das Gehirn vergiften. Die Kälte meiner Füße ist das Zentrum der Welt. Anstatt ich das Haus anzünde, wackel ich auf meinem unbequemen Stuhl sachte hin und her. Ich kann nicht mehr aufhören: ich bin ans Ende der Zeit gekettet.
Mein Bewusstsein beschränkt sich einzig auf die Tatsache, dass ich nicht schlafe, dass ich jetzt gerade wach bin, dass ich ein Teil dieser Stadt bin und einfach nur wach bin. Ich bin zu wach, um mehr bekennen zu können. Ich habe Wäsche gewaschen und Schönberg gehört, aber das ist weit weg, es hat nichts mehr mit mir zu tun, nichts was ich jemals getan habe, hat einen Einfluss auf mein gegenwärtiges Ich. Ich bin einfach nur wach.
Ich habe vor einigen Jahren meinen roten Faden verloren. Wenn ihn jemand wiederfindet, kann ich nur noch versuchen, mich damit zu strangulieren und falls du mich aufhalten solltest, würde ich dich nur hilflos anstarren.
Ein Lüstling und ein Wüstling sitzen hinter meinem Gesicht, auf einem Pilz, der surrend und immer süßer werdend meinen Körper in immer höher werdenden Dosen mit Anhedonie versorgt.
Ich verachte die Menschen dafür, dass sie genau so wenig Lust zu sterben haben wie ich. Ich teile mein Bett nur mit Leuten, die nicht sonderlich am Leben hängen.
Alles dreht sich um mich, mein Elend ist das Maß aller Dinge. (So kommt man nur weiter, wenn man Freunde hat, die genau so pervers sind wie man selbst. Wenn ihr mich kennen würdet, wärt ihr vielleicht froh, dass ich so wenig Zuspruch von meinem sozialen Umfeld bekomme.)
Ich habe Freunde, die derart berechtigt verzweifelt sind, dass ich ihnen niemals Sprüche wie "Schau nach vorn" oder "Glaub an dich" um die Ohren hauen würde; viel eher würde ich ihnen sagen: "Schau bloß nicht nach vorn!" oder "Glaub bloß nicht an dich!".
Manisch-müde werden wir über die letzte Hoffnung triumphieren.
Steht meine Müdigkeit meinem Ausdruck im Weg oder mein Ausdruck meiner Müdigkeit?
Ohne zu reden und zu schreiben könnte ich mich nicht ernstnehmen. Ohne Worte ist alles tief und lachhaft zugleich. Der Mensch wird nicht von bestimmten Tatsachen deprimiert, sondern von bestimmten Lauten und Buchstaben.
Ein Ich ist nötig, damit der Körper die Ambivalenz seiner Triebe ertragen kann. - Der Wille authentisch zu sein ist der Schalk in meinem Nacken, ich würde ihn gern abschütteln, aber das wäre auch nicht authentisch.
Ich habe diese Nacht überlebt! Bin ich jetzt stabiler oder instabiler als gestern Abend?
Alles verändert sich fortwährend und ist nicht zu fassen - und wenn du dich auf nichts verlässt, wenn du an allem zweifelst, wenn du dir keine Regeln gibst, wenn dir alles zu jeder Sekunde anders erscheint, wenn dir zu jeder Sekunde alles egal ist, dann schaust du als Wahrheit in die Wahrheit und das Kaninchen singt:
deine hoffnung stellt dir ein bein,
deine entscheidungen fallen,
jesus sitzt auf der wolke
und nagelt einen engel, der aussieht wie ein affe,
der so eng ist wie du und
der bürgermeister schneidet ihm ein auge aus,
weil auf der wolke parkverbot ist
und wichst in einen mülleimer
um flaschensammler zu überraschen.
***
3
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Ich hasse es, wenn man mit dem Finger auf mich zeigt. Wenn man mich findet. Wenn man mir sagt, was ich bin.
Alles, was feststeht, bedrückt.
1
Warum sollte sich jemand bewegen, der unglücklich verliebt ist? Ich stelle mir vor, wie die Zimmerdecke über mir zusammenstürzt. Es gibt jemanden, den ich küssen will und ich werde ihn niemals küssen. Die Zimmerdecke stürzt nicht über mir zusammen, also muss ich mir überlegen, was ich mit diesem Tag anfange, der so sinnlos offen, betäubend geräumig, warm und grell und stickig vor mir liegt. Die Zeit vergeht einfach, häuft immer mehr Abwesenheit um mich herum an, alles was ich rede und tue und fühle ist nur noch eine fade, ironische Geste, weder dramatisch noch ästhetisch interessant.
Warum schreiben? Warum existieren wollen? Warum Lust empfinden wollen? Warum das Schöne und das Gute suchen? Merkt ihr nicht, dass das Leben euch als Wirt benutzt und die Lust nur ein Mittel ist, damit ihr wenigstens solang nicht sterben wollt, bis ihr euch reproduziert habt? Dem Leben liegt nichts an dir persönlich, deine Individualität ist nur eine schöne Blüte, die dich davon ablenken soll, dass du nur einen Sinn für das Leben hast, wenn du dich vermehrst. Wer sich nicht vermehren will, wer das Leben als Selbstzweck benutzt, steht außerhalb des eigentlichen Lebensstroms.
Hier gibt es wirklich nichts zu tun.
Wenn du dich hier aber zufällig "gefunden" hast, was bleibt dir anders übrig, als dich sofort wieder zu verleugnen?
Je mehr ich mir eine Alltagsstruktur versage, desto vergesslicher werde ich, desto unfähiger werde ich, schöne und schreckliche Erlebnisse einzuordnen und abzuspeichern, was dazu führt, dass ich mich an nichts gewöhnen kann, dass eine Verliebtheit oder eine Angst oder eine Niedergeschlagenheit immer wieder etwas Neues für mich ist. Ich habe das Gefühl, nicht zu altern, weil ich nichts zu lernen scheine, weil ich nicht abstumpfe, weil ich immer mit der gleichen Ratlosigkeit reagiere, ohne cool zu wirken.
Ich hasse es, so zu tun als würde mir dies und das etwas bedeuten; meine eigene Heuchelei widert mich so derart an.
Eines Tages werde ich mich adäquat ausdrücken können.
Das Elend, zu speziell zu sein, hält dem Elend, nichts besonderes zu sein, die Waage.
Individuum sein heißt einsam sein.
Alles, was uns besonders macht, trennt uns von der Menschheit; alles was uns mit Anderen gemein macht, drangsaliert uns.
An mir bleibt nichts kleben und ich werde trotzdem älter. Kannst du verstehen, wie erniedrigt ich mich deswegen fühle?
Es ist nicht möglich, das Leben nicht zu verschwenden. Leben heißt: offene Türen einrennen.
Mit einer einzigen Frage fing das ganze Elend an: was soll ich anfangen mit meinem Leben bis der Tod mir alles wieder nimmt?
Alles was ich mache, ist schlucken.
Hypersensibilität verzehrt.
Die Fähigkeit zu verneinen ist Grundlage jeder Persönlichkeit. Persönlichkeit ist das Ergebnis von Ja und Nein.
Die Lust am Nein ist süßer als die Lust zum Ja.
Was ich bejahe ist abhängig von dem, was ich verneine. Ich muss die Zügel in die Hand nehmen, bevor ich die Lust verliere, der Ratlosigkeit meine Stirn anzubieten.
Ich hab Lust, die sich zu absoluter Leere zusammenstauende Gereiztheit auszuhalten und dabei auszusehen wie ein unbeteiligtes Kind, das Herz aus Langeweile abgetötet und endlich Frieden geschlossen.
Die Musik erweitert das Möglichkeitsspektrum der Nacht.
***
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Desc:
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Ich verlange von mir über Schwellen zu stolpern, die es nicht gibt.
Das Leben ist ein Selbstgespräch in einem grusligen Garten. Ich zünde die Kerze meines Schweigens an, um mir den Weg zu leuchten zum Schafott meiner Gleichgültigkeit.
Skeptizismus ist die einzige Einseitigkeit, die ich ertragen kann.
Jedes Tier kann gleichermaßen brutal und zärtlich sein, genauso jeder Mensch. In misanthropischen Verstimmungen finde ich diese extremen Züge des Menschen so abstoßend, dass ich glaube, nur bei einem mittelmäßigen, sterilen, von allen Affekten und Bedürfnissen gereinigten Menschen zur Ruhe kommen zu können. Ich wünschte, ich wäre mit einem talentlosen Autisten befreundet, mit dem ich mich von Zeit zu Zeit in eine eigenschaftslose Zweisamkeit zurückziehen kann.
Zu sein und irgendwann nicht mehr zu sein. Der Apparat wird abgeschaltet.
Hier steh ich noch und behaupte, dass alles Illusion ist. Ich kratz mich im Nacken und rieche an einer bunten Blume. Mein Bewusstsein ist ein Setzkasten voller Störfaktoren. Als leidenschaftsloser Sammler nehme ich an der Welt teil. Ich beobachte den Sonnenaufgang und hoffe, heute niemandem über den Weg zu laufen, den ich kenne. Das Leben, das ich führe, ist ein tolles Ding, es baumelt im Raum und verliebt sich in die Unendlichkeit der Musik.
Experimentelle Musik kultiviert alternative Lebensentwürfe. Lasst es drauf ankommen und nehmt die Musik ernst, wie sie jedes Wort, das man ihr auf den Bauch malt, in eine Interjektion verwandelt. Nehmt teil an Eurem Innersten, haut einen Ziegel in die Glastür, die den Traumraum und den Nichttraumraum voneinander abtrennt.
Es gibt Dinge die man kann und Dinge die man nicht kann.
Ich möchte nicht im Moment vergehen. Ich möchte "mich" behaupten, also hinter mein Ich ein Ausrufezeichen setzen, so wie es die Musik mit jedem Wort des Liedtextes macht. Jeder Atemzug öffnet ein neues Zeitfenster. Meine Weigerung, mich geistig und ästhetisch und körperlich weiterzuentwickeln, erfüllt mich.
Nichts gehört mir, ich bin für nichts bestimmt, je mehr ich über etwas nachdenke, desto kälter werde ich, seht nur, wie ich immer mehr nachlasse, während die Musik lauter wird und das Licht heller und meine Wohnung immer größer.
Nur weil du das liest, bist du nicht im Zentrum. Nur weil du existierst, hat das Universum kein Interesse an dir. Ich hasse Leute, die über das Universum reden. Ich bin nur ein Soldat, der seinen Befehl sucht, ich bin nur ein Liebender, der ein Herz zum Brechen sucht. Ich hasse Leute, die über Herzen reden.
Wenn Musik kommt, dann setz dich hin und sei ruhig, Und wenn Worte kommen, dann versuch nicht zu urteilen, ich hasse Leute, die urteilen.
Mein Schreiben ist nicht das Zentrum dieses Textes, mein Ich ist nicht das Zentrum dieses Zimmers. Ich hasse es, wenn ich versuche, im Zentrum von irgendwas zu sein.
Versuch nicht erst, glücklich zu sein, versuch nicht erst, bei dir zu bleiben. Schau einfach in den Himmel; demonstriere deine Freiheit indem du dich auflöst.
Vertiefung
Bitter
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"Man ist umso weniger wählerisch, je erschöpfter man ist." - als Trost für unbegabte Künstler, als Warnung an Demokraten und als Inspiration für Tyrannen.
***
New Scene 2
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New Scene 3
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New Scene 4
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New Scene 5
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DEMIEN BARTOK
DEMIEN Songmaterial
Desc:
DEMIEN BARTOK
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Mein Schlupfwinkel wird bald ausgeräuchert, weil der SPD-Bürgermeister nichts dagegen hat.
Sie stehen schon mit ihren Baggern und Containern und Gerüsten um unser Haus,
richten ihre Schaufeln und Zementmischer und Presslufthammer wie Kriegsgerät auf uns
und warten auf den Schießbefehl des Chefarchitekten
Ich werde mich einfach auf den Boden legen,
wenn die Bauarbeiter kommen,
wie ein Kind, das nicht die Tür aufmachen will,
weil es das Bad überflutet hat
Niemals kooperieren, niemals die Tür öffnen.
Es lohnt sich nicht zu verstehen, was die Anderen wollen!
Wenn du nicht einsehen kannst, was hier vor sich geht, bist du in Sicherheit.
Du wirst hier rausgeschmissen. Warum solltest du kooperieren?
Warum solltest du deine Sachen packen?
Du kannst genau so gut liegenbleiben.
Was spricht dagegen? Die Anderen! Die Anderen in dir!
Schmeiß sie raus!
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Alle Grenzen sind zum Übertreten da,
Ein Leben in Zweifel, auf Distanz, in der Schwebe
muss möglich und genießbar sein
auf dem Kellerboden unseres Hauses,
das zwischen uns und der Regierung steht.
Die Angst, die die Stadt in unser Gehirn geschraubt hat,
verdüstert unsere Gesichter
und die Landschaften verblühen
und blühen und verblühen.
Wenn du dich selbst verändern kannst,
Kann sich auch die Regierung verändern.
Wenn du dich nicht verändern kannst,
Wird alles so bleiben wie bisher.
Nicht nur Regierungen sind veränderbar,
Auch dein Musikgeschmack ist veränderbar.
Alles was dich munter macht
ist richtig und gut
und die tägliche Verwirrung
in der Gartenlaube.
Alles was ich noch zu sagen habe,
fällt wie Laub von den Bäumen:
Jesus Christus ist nicht gestorben
für meine Sünden.
Ich könnt grundlos drauf vertrauen,
dass deine Lippen nicht vergiftet,
deine Absichten nicht kalt
und rechtwinklig sind.
Je kritischer deine Lage
desto näher bist du
dem Wesentlichen.
Und die violetten Naturstreifen
zwischen den brüllenden Hauptstraßen
duften der Innenstadt alles entgegen, was sie haben
denn ohne den Geruch der Blumen
und ohne das Rauschen der Bäume
und ohne das Plätschern des Springbrunnens
würden alle Menschen übereinander herfallen.
Je kritischer die Lage der Nation
desto näher ist sie
dem Wesentlichen.
-----
Nicht, was du erlebt hast,
bedrückt dich,
sondern die Worte,
mit denen du
über das Erlebte nachdenkst
Die Stimme deiner Mutter und
die Stimme deines Vaters,
die an gewissen Worten hängen,
bedrücken dich.
Bestimmte Laute und Buchstaben
bedrücken dich.
---
Du kannst mit deinem Magen und mit deinem Gehirn machen was du willst!
Du kannst dich an eine Idee anlehnen oder alle Ideen verwerfen.
Wenn du dich entspannen kannst, kann sich auch der Staat entspannen.
Du bist ein Vorbild für die ganze Bundesrepublik,
dieses unsichtbare Ungeheuer, verstrickt in sich selbst,
Wenn man das Bewusstsein verändern kann, kann man auch Busfahrpläne ändern.
Und du hallzinierst, wie ein schwarz weißer Tauben
kreischend über deinen Kopf hinwegrauscht,
es riecht nach Bioabfall, Kaffee, klammer Wäsche,
Weichspüler, Aschenbecher, Marzipan
Ich weiß, wo es hingeht, ich weiß, was gut und schlecht für mich ist,
mein Geschmack ist das Maß all meiner Dinge und
geschlagen an das gemütliche Kreuz der Ambivalenz
weiß ich vielleicht, warum du mich verlassen hast.
---
Sich vom Zweifel erfüllen lassen wie von einer Utopie.
Zieh dich zurück in den verbotenen Wald.
während die anderen Kinder sich verausgaben
in der Wirklichkeit einer kleinen, grauen Stadt.
Warum kann man die Welt nicht wie ein Hotel verwalten?
Warum gehen so wenig Putzfrauen in die Politik?
Warum werden nicht gemütliche Grundschullehrer
gemütliche Diktatoren?
"Man muss nicht jeden Tag leben.", dachte er sich
und trat einen Schritt zur Seite.
Können wir jemanden mögen,
der den ganzen Tag nichts tut?
Ich träume von einer Welt
In der es nichts mehr zu tun gibt.
"Wollen Sie sich nicht mal ein paar Jahre
um einen Garten kümmern? Neue Freundeskreise erschließen?
Die Menschheit soll Ihnen offen stehen,
es soll Ihnen an nichts fehlen."
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Ich bin aufgeladen von Aufmerksamkeit.
Ich bin aufgeladen von Aufmerksamkeit.
Ich bin aufgeladen von Aufmerksamkeit.
Ich bin aufgeladen von Aufmerksamkeit.
Etwas in mir nimmt den Körper wahr,
etwas in mir spürt Gegenwart
in schweren Strömen durch mich pumpen,
Die einzige Konstante meines Lebens
Ist der Automatismus meiner Biologie,
die gelangweilt von dieser Stadt ihre brave Pflicht tut;
Ich bin der Hirnstamm, der Hirnstamm!
Ich gebe keinen Ton an,
Kein Ton zieht mich in Bann.
Ich will nicht schunkeln mit dieser Nation,
Mein Zappeln und Schweben ist mein Beitrag
zum Weltfrieden.
---
Meine Lieder hab ich wie Haarknäule
Aus dem endlosen Abflussrohr geholt
In dem ich seit zehn Jahren sitze
Als Anwalt für alle, die keine Talente
Und keine großen Probleme haben,
Nur ein bisschen zu wenig Angst,
Ein bisschen zu entspannt und geduldig
warten wir, bis die Erwachsenen schlafen.
Wir reißen die Fenster auf.
Sobald du die Ehrfurcht vor deiner Familie verlierst,
kommst du aus dieser grauen Vorstadt raus,
die dich zerbrechen will:
nicht weil sie ein echtes Interesse daran hat, dass genau du zerbrichst.
Sie kennt dich nicht und will daran nichts ändern.
Es ist einfach der natürliche Lauf der Dinge, dass man hier zerbrochen wird.
Die Maschine läuft und sie fertigt auch dich ab.
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ich lass die Sprache entgleiten, denn ich, ich kann mich nicht ernst nehmen,
ich, ich kann mir am Kopf kratzen und an Geld denken,
ich kann auch zu einem unfreundlichen Kassierer nett sein,
aber ich kann nichts davon ernst nehmen.
Die Dinge sind wunderbar,
wenn sie keine Bedeutung haben;
wenn ich will, kann ich allen Leuten auf ihre Köpfe steigen
und in ihre Ohren rote und schwarze Flaggen stecken.
Es gibt so unendlich viele Räume zu bewohnen,
es gibt unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten
guter und stimulierender Dinge.
Alle tun nur so, als würden sie mich ernst nehmen,
sie wissen, dass jeder ernst genommen werden will.
Wenn es eine absolute Wahrheit geben sollte
Muss sie unbedingt abgeschafft werden.
---
Try and terror am Zaubersee
A
Alle Welt ist aufgebracht
Wir strahlen uns entgegen
In uns steckt mehr Hoffnung als im Neuen Testament
Am Zaubersee wollen wir uns drehen
im Kreis im Kreis im Kreis
wir fallen auf Eure Ordnung niemals rein
Die Stadt klafft in Europas Mitte
missvergnügt, aber leise,
noch unversehrt, abwartend, nervös.
Ein Junge läuft barfuß durch die Pfützen,
seine Lippe blutet,
die Sonne kommt hinter den grauen Wolken hervor.
Sein instabiles Bleichgesicht
leuchtet von Innen wie die Mangos,
die er eben auf dem Wochenmarkt gekauft hat.
Jeder sucht und mancher findet
Wege raus,
aber 20 Grad Celsius in der Mitte des Februars?
Weich ist das Denken und weit die Gedanken
die langsame Treppe nach unten,
niemand ist mehr zuständig für ihn.
Jeden Tag große Augen machend
Und atmend schwer
Die Blauäugigkeit reitend wie Krokodile
Flüche lallend, Zweifel stotternd
auf Dächern tanzend
an allen Blumen riechend im Mittelpunkt stehend
verteidigen wir unsren Musikgeschmack
wie das Augenlicht
und mit etwas Pech entsteht ein richtiges Lied
Ich schwitze aber habs nicht eilig
fütter mich mit Obst
Ich mal mir einen roten Punkt auf die Stirn.
Ich finde es nicht langweilig
immer an der selben Stelle
In den Fluss zu gehen und von ihm zu trinken.
Es ist gut und richtig, einen Körper zu haben,
es ist gut und richtig, ihn zu benutzen,
Doch ein Esel will ich nicht werden und ein Schmetterling auch nicht.
----
***
Alles verblüht
Desc:
DISTANZ UND SCHWEBE
(1)
Er blüht, er blüht,
der graue Regenschirm
erblüht, der graue Regenschirm erblüht
und die Garage wird aufgemacht,
die Garage wird wieder aufgemacht.
Die Morgengrauenkulisse
schiebt sich durch die Innenstadt hindurch
Dieselblutwind, Pech- und Rauch- und Schmerzwerbung,
hast du mal Feuer?
Auf dem Weg in die große Maschine
stöhnendes Gähnen erfüllt die Straßen
niemand bleibt stehen und atmet durch
die Maschine will immer mehr und
hat noch niemals geschlafen
Pumuckel wird aus dem Nachtkino gekehrt
oh kein Geld, kein Kaffee und kein Charme,
sind Gesichter wirklich lesbar?
Zu Mittag wird es wärmer und grauer,
es riecht nach Gewitter
niemand außer ich spürt die Gefahr
die am Stadtrand wartet
kaum noch warten kann,
und die große Maschine bleibt für alle da,
ihre ewige Liebe lässt sich niemals zähmen,
sie klebt an uns, sie trinkt unser Blut,
sie will mit uns eins werden,
oh die unbekannte Maschine
will immer immer mehr und immer mehr
und hat noch niemals geschlafen
und die Menschen spüren
dass ich was weiß, was sie nicht wissen
Schaut mich nicht so an!
Ich gehör nicht zu euch!
Alles was ich empfinde, gehört nur mir allein!
Ich räkel mich im feuchten Kompost rum,
bis mein Gehirn vollständig erigiert ist.
Ich will meine Seele in den Himmel spritzen,
damit Gott ausrutscht und ein Krüppel wird.
Koffeintabletten und
Grapefruitsaft und
Benzinkanister.
Mein Herz geht auf,
wenn ich weiß,
dass eure Sirenen
wegen mir heulen,
wegen mir,
wegen mir.
Ich komm davon, davon davon, komm immer davon,
fliehe in den schwarzen, unendlichen Kaffee,
es ist wirklich nicht möglich, echte Freunde hier zu finden,
und am Flussufer werden Bäume gefällt,
und Jungs und Mädchen halten sich
an den Händen selbstverständlich
wie fette, triefende Schwarzarbeiter
Burgerhackfleisch kneten nur
für fette, triefende Blauarbeiter
alle folgen den Programmen
die alle sich gegenseitig installiert haben
und jemand daneben mit beiden Beinen
erleuchtet von Nervositätigkeiten
Und die Polizisten stehen überall und sehen fast alles
und dürfen fast alles und flüstern misstrauisch
und tragen Maschinenpistolen.
So sehen Gewinner aus!
Du musst so tun, als hättest du nichts zu verbergen, Boy.
Du musst so tun, als hättest du keine Angst"
ALLES VERBLÜHT
1
Ich brech mir gleich die Nase,
ich habs verdient und ich weiß,
nicht zum letzten Mal.
Ich bin nicht grüner als ein Kleeblatt,
ich gebe mein Bestes, um
Brötchen zu verdienen.
Wir dürfen nie vergessen,
dass abgeschmackte Songs
uns töten wollen.
Oh alles geht
viel zu langsam kaputt.
2
Die Klemme in der ich sitze,
hält mir die Rush - Hour
vom Hals.
Wenn es wirklich soweit kommt, dass
er Präsident wird
ist alles erlaubt.
Alle Leute ahnen
was ihnen blühen wird.
3
Ich kippe um vor Freude
und deine Nüchternheit
ist Resignation.
Zu meinem Glück gehört,
dass es wirklich keinen gibt,
dem ich dankbar bin.
Wenn du ganz langsam aufhörst
deine Geburt zu bereuen,
kommst du auf die Bahn,
oh, die schiefe Bahn,
sie führt dich zu mir...
4
Mein Schlafanzug leuchtet im Dunkeln,
wenn ich 'ne Erektion hab
und Himbeereis.
Ich bin seit fast zehn Jahren neunzehn,
weil ich weder fluche
noch arbeite
und seit zwei Wochen hab ich
ein fünftes Brusthaar.
5
Wen will ich imitieren?
Bin ich ein Dichter
oder ein Journalist?
Jedenfalls, jedenfalls....
Es wird jetzt erstmal dunkel,
und wer zuletzt lacht,
das weiß man nie.
Die Stadt ist überall,
nicht nur da draußen,
auch in deinem Herz.
Wir brauchen keine
Orientierung
und alles verblüht.
DUBADIBU SAMPLE
Ich habe schon lang nichts mehr geklaut - oder irgendwem weh getan
ich war schon lang nicht mehr außerhalb des unendlichen Systems
dieses Kaff ist bloß ein Parkplatz - mit ein bisschen Grünzeug
und der Kehrmaschinen-Kapitän singt dubadubaba-dubabadabadibididau....
Du willst, dass jeder mit dir spielt - weil du mit allen spielst
solang die Nähe sich echt anfühlt - kann sie keine Illusion sein
ich trinke kalten Kaffee - aus deinen schlaflosen Augen
und meine Libido denkt sich dubadubaba-dubabadabadibididau
Ich bin der wählerischste Mensch hier - deshalb bin ich so bleich
oh es ist so wunderbar - was ich mir alles erspar
ich muss niemandem vertrauen hier - und niemanden berühren
ich will niemanden mehr reinlassen - nichtmal dich
und ganz Jerusalem singt uwubadubaba-dubabadabadibididau
und Sonneberg singt nichts.
Ich nehm die Musik ein bisschen ernster noch - als sie gemeint ist
ich esse massig Obst und Gemüse - und zersteche Autoreifen
die Zeit als ich mich noch so ekelte vor bestimmten Körperfunktionen ist endlich vorbei
und alle KInder singen dubdubdbudbbdbd
Ich fäll Entscheidungen mit Zahnseide, und nicht mehr mit der Axt
und die guten Zeichen kommen und gehen - wie Mücken
meine Verwirrung ist noch nicht lustig, denn ich bin noch nicht verwirrt genug
und Roger Willemsen singt für uns dubadubaba-dubabadabadibididau
DER FREUNDLICHE METZGER
missgeburten / sind auch geburten.
oh that's what she said.
wer darf was? / und wer bezahlt hier miete?
rauch nicht zu viel gras!
stupid faces / stupid expactations
Blablablha,
ich bin ronny, der fleischer
give me all / your stupid information
but first I have to eat
I can stand / this stupid situation
but first I have to sleep
gib mir mehr / als ungesüßte plauderei
ich will den ganzen speck.
achtung hart und fettig
achtung hart und fettig
natur macht spaß. / natur ist ein wunder.
komm zu mir ganz nach unten.
why don't you touch me? / touch me! touch me! touch me!
fleisch und fleisch ist fleisch!
kannst dich wehren / oder dich ergeben!
but you won't let me down!
achtung heiß und fertig
achtung heiß und fertig
stupid lies / stupid conclusion
ich bin never sicher
stupid songs / stupid information
I just want to sink
stupid pain / stupid illusions
freiheit macht mich müde
ich bin ronny, der fleischer
ich bin ronny, der fleischer
ich bin ronny made of honey
You Only Die Once
Hello Mr Bond. Willkommen zu deiner Hinrichtung.
Lass mich klarstellen: der Galgen, der gleich
dein Genick irritiert, ist symbolisch gemeint.
Ich töte dich nicht, weil du es verdient hast.
Sondern um deinem Typus den Krieg zu erklären.
Dem starken weißen immersiegreichen Helden
der genau weiß wer die Bösen sind und nur
im Alleingang seine Mission erfüllen kann.
Die Frauen sind stets zu deinen Diensten.
Du hast dir alles genommen, aber nun ist endlich schluss.
Aber glaub mir ich bin nicht geisteskrank
ich will dich nur ein bisschen verwirren
du gehörst jetzt mir und ich bestimme den Zeitpunkt
An dem du die Welt verlässt
Der Frühling hat diesmal nichts Gutes mitgebracht
die Hoffnung die er blühen lässt, stellt dir ein Bein
und gleich pisst du dir vor Angst in die Hose
Du kannst jammern und betteln und argumentieren wie du willst
Das ist das letzte Lied das du jemals hörst
Ich hoffe du stehst bequem
Das Seil ist hoffentlich nicht gar so eng gebunden, hm?
Wobei du weißt ja, Sicherheit geht vor.
Und alles was ich noch zu sagen hab
Fällt wie Laub durch die Bäume
Jesus Christus ist nicht gestorben für meine Sünden
I AM THE King...
Die schlaflosen Engel wüten auf allen Wolken
man muss ihnen die Augen ausschneiden
Nimm sie ernst oder nicht,
Du wirst ihnen niemals gerecht.
NICHT SCHLAFEN NICHT ESSEN NICHT REDEN
An mir zieht alles vorbei
Ich werde trotzdem älter
Leben verschwendet sich
Musik macht die Nacht breiter.
NICHT SCHLAFEN NICHT ESSEN NICHT REDEN
Die Lust am Nein ist süßer als die Lust zum Ja.
Niemand darf mich fotografieren
Niemand wird mich finden
Mich finden heißt mich lügen.
NICHT SCHLAFEN NICHT ESSEN NICHT REDEN
Ich hab Angst und du bist mutig.
Du bist fröhlicher als ich.
Ich hab Angst und du bist mutig.
Ich weiß mehr als du.
Je mehr ich weiß,
desto ängstlicher bin ich.
Je fröhlicher du bist,
desto mutiger bist du.
NICHT SCHLAFEN NICHT ESSEN NICHT REDEN
Die Engel im Himmel haben schwarzen krausen Pelz
und sie ficken wie Bonobos auf allen Wolken
der Bürgermeister von Gotha nimmt seine Möbelhaus-Eröffnungsschere
und schneidet einem Engel den Augapfel heraus
was für ein Geschrei! Nun hab dich nicht so, du weißt genau, dass hier
auf dieser Wolke nur ab 22Uhr geliebt werden darf
So steht es geschrieben im neuen Säuberungsplan der Administration,
ich bin auch nur ein kleines Licht im großen Spiel.
***
Hausfriedensbruch
Desc:
1XXX Der Morgen in einer schöneren Stadt (instrumental)
2XXXSo wie der Wolf
3XXX 925 Giftpilz
3XGermany Is Killing The European Youth
4xxRache / Spielsucht
5XXX The Fascists Take The Sky
6xxxStop In The Name Of Diana Ross
7XxxWobblehop
8Slow Kick
9xxxSunra
10xxxDisappoint Me, Quicksand
11Sonntagssperrgebiet
Joe der Wolf
so wie der wolf / in die schafsherde einbricht / so kommen wir
demokratie ist eine waffe / wir legen langsam alles lahm
ihr geht uns auf den leim / immer wieder
der leim ist heilig / deutscher leim
er hält uns im innersten zusammen
so wie der wolf / in die schafsherde einbricht / so kommen wir
wir sind nicht freundlich / und nicht neutral / wir kommen als feinde
demokratie ist eine waffe
dein vater lügt, deine mutter lügt, dein bruder lügt, dein freund lügt
sie zerstören die alte ordnung - doch nicht mit uns - nicht mit uns
das radio lügt, die kamera lügt, die uhr lügt, die sonne lügt
sie zersetzen unsere seele - immer weiter immer fort
so wie der wolf / in die schafsherde einfällt / so kommen wir
Disappoint Me, Quicksand
Ich will mich ganz weit öffnen
aber nicht hier
ich will dich wirklich küssen
aber nicht da
ich will mich so richtig ins Zeug legen
aber nicht so richtig
meine Ungeduld ist geduldiger Treibsand
am besten lass es uns verschieben
du bist nicht unerreichbar
nur ein kleines bisschen
ich hab dich gar nicht nötig
nur ein kleines bisschen
hast du was anderes heute vor?
dann lass es uns verschieben
Die Musik will dass ich mich fallen lass
aber nicht hier
die Musik will dass ich mich an dich schmeiße
aber nicht du
die Musik will dass ich mir vertraue
aber nicht ich
und wenn du wirklich nicht magst
können wir's auch verschieben
wir können alles verschieben
wir können alles verschieben
Ich habs nicht eilig
Nicht eilig, nur ein bisschen
Wobblehop
Wir wissen genau wo wir stehen,
Wir haben gesunde Körper.
Und einen frischen Geist.
Wir kennen eure Tricks.
Eure Ängste sollen unsere Ängste werden.
Wir kennen eure Tricks.
ihr habt euch Rechte gegeben, über uns
Eure Rechte sind unsere Pflichten
Ihr genießt eure Macht über uns.
ihr haltet uns in viel zu engen Räumen
vor dem Recht ist jeder Fleisch
Alle Gelassenheit gehört bestraft
Alle Empfindlichkeit wird unterdrückt.
Ihr jagt uns über den Hof
ihr bringt uns Kunststücke bei
ihr putscht uns mit Hoffnung auf
und dann ab in die Wüste mit uns.
Wir werden uns nicht krank und dreckig,fühlen
wenn wir die Tische und Stühle
Mit Benzin übergießen
wir sind noch nicht genug erniedrigt
Dieses Haus wird in wunderschönen Flammen stehen
alles was nötig ist, ist schön
So viele Häuser haben bisher nicht gebrannt
es hat an Schmerz und an Selbstachtung noch gefehlt
Aber heute fehlt es uns an nichts mehr!
Wir haben es am nötigsten! Am allernötigsten!
So viel zusammengestauter Schmerz,
heute ist der Tag, an dem der Damm bricht,
unsere Sehnsucht,
unsere Phantasie
und Empfindlichkeit
brachte uns durch alle Winter,
Der Wandel der Jahreszeiten,
der Wandel des Klimas,
der Wandel der Werte
ist nicht aufzuhalten,
Die Wälder stehen in Flammen,
die Meeresspiegel steigen,
und heute ist der Tag, an dem der Damm bricht.
***
So wie der Wolf
Desc:
Rache / Spielsucht
Brave old Mountain, foggy forest
river water tasty like blood
we live between our junk,
western wasteland, stupid face land
hide the gun in your pocket while
the earth dies screaming
Nobody can tame or
Stop the might river
Nobody explores
The endless blue sea
there comes a time
When nature will strike back
soon come the times
When nature is striking back again
we will explore the core of boredom
Capture everything we dream in a stream
Of sound and image and future
Dont need no car, I
Dont eat no meat, I
Need to connect with all my friends everytime
Someday we will have a beautiful plan
Dont need your dreams, we
Dont need your love, oh
Somewhere is a little crack
There is a light that goes out slowly
There is a light that goes out slowly
You can hear it as he sings on his brand new record:
"I wish Margreth Fatcher was alive again."
I am floating I am floating
In the wrong direction
but I can get my satisfaction
from the death of Mick Jagger
And Morrissey
Im floating in every direction
Only the fascist know exactly what to do
I am driffting in every direction
But I can get my satisfaction
from the death of Keith Richards
while Europe is killing the African youth
there's a light that never goes out
and the old people will be defeated
by the young people
they will arise
with new words
a new sound
new sexuality
New biology
New ideology
A brave new attitude
designed to fail and fail again,
fail worse and die
***
Die Möbelhauseröffnung / Nichtidentisch (Klavierlieder)
Desc:
Andere Lieder (fertig)
Desc:
Krieg
Du weißt es ist Krieg
in Afrika, Amerika, Asien, Europa
und Krieg in den Städten
Krieg unter der Brücke
Krieg im Kaufhaus
Krieg in der Schule
Krieg am Abendbrottisch
Er kommt immer näher
er zingelt dich ganz fest ein
Wer soll dir noch helfen?
Welcher Wahrheit willst du glauben?
Du weißt es ist Krieg und alle Polizisten sind Soldaten
nur ein paar Wenige geben die Marschrichtung vor
und die Künstler drehen sich nur um sich selbst
und alle Lehrer machen Werbung für den Krieg
und du willst an das Gute glauben
aber du brauchst an nichts glauben
und du könntest einknicken
und du könntest alles aufschieben
oder du könntest dich umprogrammieren
du darfst wahnsinnig werden
Alle sind wahnsinnig
und starren in den Himmel
und träumen von Atompilzen
in Gottes unendlicher Vagina
während das Haus der Kulturen zerstört
und mit einem Ikea-Parkplatz ersetzt wird
und du könntest an das Böse glauben
ins verbotene Zimmer schleichen
auf die schiefe Bahn gelangen
mit dem Feuer spielen
und beweisen dass es dich gibt
***
Vorwort Musik Demien
Desc:
Ich packe meinen Koffer und nehme mit: meine Pfeife, mein Telefon, meine Schreibmaschine, meine Uhr, mein Kopfkissen und ein paar Klamotten. Florian Silbereisen geht auf Tour mit den Blühenden Landschaften. Rostock, Dresden, Leipzig, Hof, Chemnitz, Mittweida, Erfurt, Weimar, Jena, Gera, Nürnberg, Kassel und zweimal in Berlin. Das ist meine einzige Aufgabe in diesem schönen Jahr 2019. Hin und wieder ein spontanes Nebengassenkonzert oder eine kleine Lesung als Demien Bartók. Drei Bücher hab ich unter dem Arm und geb ihnen regelmäßig zu fressen:
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Mehrere Musikalben entstanden im selben Zeitraum, eine Sammlung Noise, Plastikpop, Loops und Ambiente. Demien Bartók ist 2019 in den Blühenden Landschaften verschwunden. Worte hat er erstmal genug geschrieben. Will man über den Rand der Sprache hinaus, braucht es ein anderes Medium: Musik beispielsweise; ihre Grenzen sind andere als die Grenzen der Sprache. (Andere angenehme Mittel, das Jenseits der Sprache zu ertragen, ohne wahnsinnig zu werden: eine Liebesbeziehung, eine Cannabissucht, eine politische Agenda oder eine meditative Arbeit.)
Die Blühenden Landschaften sind nicht die Begleitband von Demien Bartók. Niemand hat den Hut auf, niemand hat die Hosen hat. Nicht die Musik oder die Sprache oder die Message oder die Performance oder die Videoclips, nicht das Geld oder der Ruhm oder das soziale oder politische Engagement oder das Unaussprechliche stehen bei uns im Mittelpunkt, sondern die Gesamtheit all dessen. Die Blühenden Landschaften sind sämtliche Aktivitäten sämtlicher Mitglieder. Wir sind beste Freunde und schlafen oft zusammen in unserem gemütlichen Baumhaus ein. Manchmal kommt jemand neu dazu, manchmal fällt einer runter und bricht sich das Genick. Niemand von uns ist auf eine bestimmte Rolle festgelegt. Niemand hat die Absicht, bestimmte Genre zu bedienen.
Die Blühenden Landschaften bestehen derzeit aus vier Leuten, die Hälfte aus den neuen, die Hälfte aus den alten Bundesländern. Wir sind zwischen 22 und 32 Jahre alt und kommen aus unterschiedlichen Berufsgruppen, etwa untere Mittelschicht, mit klaren antifaschistischen, konsumkritischen, liberal-sozialistischen Einstellungen, einem Faible für Trash, Unsicherheit und Genüsslichkeit. Buchen Sie uns noch heute und wir peppen Ihre Möbelhaus-Eröffnung so richtig auf. Wir nehmen nur Gage an, wenn wir mindestens 400 Euro bekommen. Andernfalls müssen wir das leider gratis machen. Wir wissen nicht immer was passiert, wenn wir auf die Bühne gehen. Wir proben selten, sind aber fast alle sehr talentiert.
Wer ist eigentlich Florian Silberfisch von den Vieren?
Das Ausbleiben einer klaren Antwort ist das Geheimnis der Blühenden Landschaften.
Lassen Sie sich überzeugen.
Auf diesem Blog befinden sich Liedtexte, diverse theoretische Skizzen und Manifestentwürfe von Demien, ein Tourtagebuch von Florian Silberfisch, und die Links zu allen Alben sowieso.
Auf der Seite "Die Blühenden Landschaften präsentieren" finden sich Links zu Arbeiten befreundeter Künstler oder Initiativen, die nur indirekt oder überhaupt nichts mit der Gruppe zu tun haben, doch unbedingt Beachtung verdienen.
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eineVision
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1
Ich
Hab
Eine Vision
Noch ein paar gute Jahre vor uns
Ich
Geh
Zum Arzt
Er
Sagt
Geh in die Sonne
Ich
Will
In die Sonne
Auf dem Weg
Überfährt mich fast
Ein Lastwagen
2
Noch ein paar gute Jahre vor uns
Das Licht des Tages macht uns müde
Das Licht der Nacht macht uns gierig
Angst und Freude zeitgleich zu empfinden
Macht uns gegenwartsuntauglich
Was dich nicht aufsteigen lässt
Ist Ballast
Das Straßenbild von Erfurt muss
Von Bord geworfen werden
Unsere Freunde müssen leichter werden
Ich blühe im Frühling
Ich brenne im Sommer
Ich sterbe im Herbst
Ich glühe im Winter
In fünf Jahren werden die Faschisten
Die Kontrolle über die Polizei und Justiz
Zurückgewinnen
So wie der Wolf in die Schafsherde
Ich verkuppel das Grinsen des Ministers
In Gedanken mit einem Hammer
Alles was blüht, schreit
Verkrampft sich, röchelt
Die Landschaften sind krank
Liegen mit Nasenbluten im Bett
Stehen paranoid auf der Bühne
Ausgetrocknet von Reue
Noch ein paar gute Jahre vor uns
Das Schrille vor dem Sturm
Weinen und Daliegen im grauen Abend
Dunkel werden die Häuser
Und Gesichter und Straßen
Dunkler noch sind die Bäume und die
Kinder die darauf spielen
Alle hecken etwas aus
Alle spielen in ihrer Freiheit herum
Bis die Sirene wiederkommt
Die Spannung muss entladen werden
Keinen interessiert es
Ob du zur Party gehst
Alle haben sich gewaschen
Alle wollen was abbekommen
Alle wollen leuchten
Hinter allem Lärm
Hinter allen Masken
Macht ein stiller Ernst große Augen
Die Stille wird im Laufe der Nacht
Zu einem Amboss
Die Zeit schmiedet Langeweile darauf
Die Spannung muss entladen werden
Ich will sehen was du anrichten kannst
Fütter die Vernichtungsmaschine
Mach dich heiß mit Wirklichkeit
Ich blühe im Frühling
Ich brenne im Sommer
Ich sterbe im Herbst
Ich glühe im Winter
Noch ein paar gute Jahre
Gebt Euch keine Mühe
Schreiben
Schreibtischtäter
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0
Es ist deshalb so schwer, hiermit fertig zu werden, weil ich nicht anders kann, als mich an meinen Beschluss, nicht über meine Freunde und meine Verwicklungen mit ihnen zu schreiben, zu halten. Ich bestimme, welche meiner Probleme in den öffentlichen Raum gehören, der mein Schreiben ist. Gerade das Interessanteste mach ich mit mir allein aus. Sowas schlaucht etwas, aber ich will mich nicht beschweren.
Ich leide nicht an einer Schreibblockade, wenn ich glücklich bin und mich in eine Privatsphäre zurückziehe, die keiner sprachlichen Äußerung bedarf. Sprache kommt niemals an das Wesentliche heran: eine Flasche Essigessenz vielleicht schon; also denn: ich gieß dir das erste Glas ein.
Vom Wesentlichen kann man nicht schreiben, man kann ihm nur erliegen oder nicht. Aber wie sollte man schreiben können, schreiben wollen, wenn man vom Wesentlichen angeturnt ist und sich nicht erklären will, nicht rechtfetigen kann, sich nicht mehr kommentieren oder moderieren muss, nichts mehr liefern muss.
Gerade verfolge ich ein Projekt, das viel komplizierter und existentieller ist als meine Erfurt-Trilogie. Es geht darum, zu jedem Menschen in meinen Freundeskreisen den optimalen Abstand zu finden und zu halten oder gegebenenfalls nachzujustieren. Manche Freunde sind zu nah, manche zu weit entfernt. Wenn alle am richtigen Platz sind, und es mag schon reichen, wenn niemand am falschen ist, können wir gemeinsam ein Ziel aushecken und uns die richtigen Werkzeuge und Schuhe besorgen. Ein Buch mag ein Werkzeug sein, eine Musikgruppe mag ein Werkzeug sein, eine Liebesbeziehung mag ein Werkzeug sein. Nun ja, alles der Reihe nach.
1
Indem ich es unterlasse, mich um den Erhalt der untergehenden Hochkultur zu kümmern, indem ich Notfall-Hilfe unterlasse, tu ich der Hochkultur einen größeren Gefallen, als wenn ich Gründe erkrampfen würde, die für ihren Erhalt sprechen.
Die Art wie jemand Worte benutzt, sagt nur etwas über sein Selbstbild aus. Jeder Autor verdient tiefstes, kältestes Misstrauen. Das, was zwischen den Zeilen steckt, hat wohl mehr noch mit meinem Gesicht und meinem Selbstgefühl zu tun als ich mir eingestehen könnte.
Stil wächst aus einer bestimmten Haltung zum Leben. Die individuelle Biographie färbt Stil ab. Es wäre total absurd, total blöd wenn ich jetzt plötzlich sterben würde. Ich versuche darüber sachlich zu lachen - so wie Blixa Bargeld lacht, wenn er interviewt wird.
Künstler, die an ihren Stil glauben, die meinen von ihrem Stil abhängig zu sein, haben keinen Sinn für das Wirkliche, bloß für das Ideal, dem sie sich verpflichtet fühlen. Ich mag die tollpatschigen Autoren, die von ihren Unzulänglichkeiten zu neuen Erkenntnissen und Haltungen getrieben werden.
Ich fühle mich erniedrigt von jeder Situation, in der ich nicht in der Lage bin, zu schreiben, so als würde ich, wenn ich nicht schreibe, nicht richtig, nur latent existieren.
Ein paar gute Sätze zu schreiben ist viel besser als ein philosophisches System oder eine Agenda auszuarbeiten. Mit vielen guten Sätzen mache ich mich zum Heiligen einer Religion, deren einziger Anhänger nur ich sein kann, dessen Glaube aber anderen Menschen in die Herzen strahlt.
Führe ich nicht seit Jahren nur einen repetitiven Monolog vor zukünftigen Verlegern, deren gegenwärtige Gesichtslosigkeit mir das Gefühl gibt, hinter Gespenstern herzusein? Vielleicht bin ich derart unbrauchbar, dass sogar meine Unbrauchbarkeit unbrauchbar ist.
Eigentlich habe ich dieses Jahr nur meine Liebe beim hoffnungslosen Blühen beobachtet und währenddessen versucht mich aus meinen Krämpfen zu meditieren: was übrigens - wie man vielleicht selbst diesem Satz anmerkt - nicht geklappt hat.
2
Alles, was Worte beweisen wollen, kann man ignorieren. Sie kommen niemals aus einem freien Geist. Wäre ich wirklich frei, würde ich nichts schreiben, mich in nichts verstricken, in keine Idee, keine Hoffnung, keine Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Wo es Wörter gibt, wo es Ideen gibt, kann es keine Freiheit geben. Auch wo es Gefühle gibt, wo es Wünsche und Ziele gibt, kann es keine Freiheit geben. Selbst wo es Hunger, Sattheit, Liebe, Hass, Musik, Stille, Schönheit, Ekel, Zweifel gibt, kann es keine Freiheit geben. Freiheit ist nur ein Wort, das so uneindeutig und verhängnisvoll ist wie jedes andere Wort.
Alles, was fest ist, ist unfrei. Allein, dass es das Wort Freiheit gibt, beweist, dass es keine Freiheit geben kann. Die Tatsache, dass ich mich in dieser Welt, in der es keine Freiheit gibt, verklemmt fühle, will irgendetwas beweisen und ich will es ignorieren.
Alles was ich schreibe, ist Ausdruck meiner Verklemmung. Das, worauf ich hinaus will, ist meine Distanz zur Welt, meine Distanz zu Worten, meine Distanz zu meinem Körper und meinem Ich-Gefühl. Ich kann nicht authentisch schreiben, ich habe keinen eleganten, unverkrampften Zugang zu Worten. Sie stehen mir unbeholfen im Weg, während ich außerhalb von allem stehe. Ich hätte gern einen natürlichen Zugang zu meinem Körper, ich würde mich wenigstens gern mit ihm identifizieren können.
Heute kommt es mir wieder vor, als wäre mein Atem verklemmt. Was würde ich tun, wenn ich mir nicht Texte abquälen, wenn ich nicht das Gefühl ignorieren würde, dass ich kein Recht habe, irgendwas zu tun, irgendwas zu sagen? Nicht zu wissen, wie ich mit ihr umgehen soll, läd die Verklemmung fast mystisch auf.
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Schreibblockade (Trostloser Trotz)
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1
Seit sieben Monaten insomnisch, seit sieben Monaten im kalten Fieber weißer Nächte, kaum mehr als zwei Stunden Schlaf, selbst wenn ich mich dazu durchringe, mehrere Tage keinen Kaffee oder Matetee zu trinken, kaum mehr als ein paar Stunden Schlaf, im weißen Fieber greller, ereignisloser Nächte, herumlungernd in stehengebliebener Zeit, unfähig mir angenehme Gedanken über die Zukunft zu machen, kein Gespräch kann mir genug Ruhe und Dunkelheit, kein Gesicht genügend Vertrauen spenden. Auf sich alleingestellt, weil grenzenlos misstrauisch und untätig, weil grenzenlos überfordert, verwandelt sich der Schlaflose in ein Biest, das - scheinbar um sich zu verteidigen - ständig gegen die Windmühlen der zu Schlaf befähigten Menschen kämpft, und zwar so lustlos, dass er während eines kalendarischen Jahres fünf biologische Jahre durchmacht. - In diesem Zustand zur Arbeit? In diesem Zustand mit Freunden kegeln gehen? In diesem Zustand an meinem Buch schreiben?
Das leere Papier ist fröhlich. Wenn Schweigen das Einfachste ist, erschleicht sich der Dichter seine Beute: wenn das Bewusstsein sich abstrampelt am Körper, der sich am Raum abstrampelt und an der Zeit, rücken wir von der Ausgangsfrage weg. - Jede Identität schützt in ewigen Wiederholungen vor allem, was am Dasein undefiniert ist. - Langeweile entfaltet den Kern des Selbst, der immer schrecklich ist, ein kalter, verklemmter, schiefer Tyrann, der gegen sein Wissen sich traut, aufrecht zu gehen. Die Dynamik des biologischen Systems, in dem wir stecken, arbeitet gegen unsere Lust auf komplette Selbsterkenntnis, und noch gegen unsere Angst davor, "auf die schiefe Bahn" zu kommen.
2
Es wäre uns sehr, sehr viel abscheuliche Literatur erspart geblieben, wenn sich ihre Erzeuger nicht durch ihre Schreibblockaden gezwungen hätten.
Eine Schreibblockade stellt sich naturgemäß ein, wenn man nichts mehr sagen kann, weil die Fülle dessen, was man noch sagen könnte, nichts mit dem augenblicklichen Stumpfsinn zu tun hat, den man nicht ausdrücken kann, ohne sich lächerlich zu machen. Die Schreibblockade schützt vor Lächerlichkeiten und Anmaßungen aller Art.
Ein leuchtender Lächerlicher sitzt auf dem Dach seiner Bruchbude und stammelt: "Alles drückt nur noch und dieses Drücken ist das einzige Selbstgefühl, das ich leisten kann und im Grunde alles, was ich noch zu erzählen habe. Vielleicht habe ich nun, unfähig über etwas anderes zu schreiben als über meine Unfähigkeit, etwas anderes zu tun als diese Schreibblockade aufzupumpen mit Worten die nicht mir gehören - das höchste Maß an Authentizität erreicht, das ein Mensch erreichen kann."
Ich bin so fest mit diesem Buch verbunden wie mein Bewusstsein mit meinem Gehirn. Ich sitze unbequem und kann daran nichts ändern, die Musik ist öde, aber ich kann sie nicht ändern, mir ist schwindlig, mir ist fast wie kotzen zumute, die Luft hier ist schlecht, das Licht nervt mich, flackert es oder zuckt mein Augenlid? Mein ganzes Leben ist ein fürchterlich zusammengekrampfter, affektierter Murks. Mein Ich ist nur das willkürliche Produkt von albernen Wiederholungen, mit denen niemand sich identifizieren sollte, denk ich mir.
Allem überdrüssig, finde ich die Klarheit und Festigkeit sämtlicher Kunstwerke frech, anmaßend, so als würden sie sich lächerlich über mich machen.
3
Eine der seltsamsten Genießbarkeiten: mit Ambientmusik (von Stars Of The Lid beispielsweise) eine angespannte, fast überspannte Schreibblockade sublimieren, aushebeln, sich in eine Unartikulierbarkeit hineinsteigern, die fest verbunden mit der eigenen Existenz ist, bis all die diffusen, uninteressanten, nervtötenden Bruchstücke von Gedanken und Halbgedanken, Gefühlen und Halbgefühlen beginnen mit den ätherischen Schwingungen der Musik zu verschmelzen. - Ich habe nichts zu schreiben, es gibt keinen mich überzeugenden Einwand gegen diese Schreibkrise, ich wüsste nicht, warum ich etwas schreiben sollte... Langsam verschwindet der Druck, mich auszudrücken... Die Erleichterung, die ihm folgt, ist das Höchstmaß an Aufrichtigkeit, das ich jemals werde leisten können. - Was tun, wenn nichts mehr zu sagen und erst recht nichts mehr zu tun, aber schlafen unmöglich ist? Versteck dich vor der Welt, reagiere auf nichts mehr, glotze den grauen Morgenhimmel an ... nähere dich so einer namenlosen Angst, die das endgültige Verschwinden der Individualität, der Kreativität, der Nützlichkeit ankündigen will.
Alle Worte, die ich für meinen Bericht aus dem Grenzbereich der Schlaflosigkeit benutzen kann, setzen das, was ich sagen will und das was ich sagen kann, in eine Beziehung, die es mir erschwert, genau die Aufrichtigkeit zu zeigen, die ich mir aus Mangel an Alternativen verschrieben habe; als drückte man auf den Schleudersitz-Knopf, während man in einer Sackgasse steckt und nichts mehr beurteilen kann.
Alles was ich als Schriftsteller kann, ist von einer Schreibkrise in die nächste zu fliehen, bevor meine Worte mich nötigen, vom Weg der Gerechten abzukommen.
Alles, was ich schreibe, entspringt der Unfähigkeit, bestimmte Prominente zu erschießen, sowie meiner Angst, bloß ein Hochstapler zu sein, der nichtmal John Lennon hätte ermorden können.
Es gibt Sätze, die will man umarmen, es gibt Sätze von denen will man umarmt werden. Solche Sätze sind die erste und letzte Rechtfertigung dafür, mittelmäßige Bücher zu lesen.
Da sitzt du und weißt nicht, ob du weiter weißt. Glaubst du eigentlich, du bist gerade nur das Produkt des Autors? Der Autor dieses Buches ist nur ein Bohrer, der dir ein Loch schenken will. Wenn du dir den Bohrer anschaust, kannst du auch den Willen zum Loch ahnen. Also sieh mich ruhig an. Es ist gerade Juli des Jahres 2013. Ich bin sehr euphorisiert von Damiana-Tee.
Mein Gehirn erbricht Gefühle, Gedanken, Worte, Wahrheiten, die nirgends kleben bleiben wollen. Sie bilden eine traurige Pfütze.
Alles muss durch den Häcksler! Erst wenn alles keinen Sinn mehr ergibt und alle Grenzen des Geschmacks zerstört sind, kann die Zivilisation aufatmen und alles neu verhandeln.
Ich bin zu wach, als dass ich mich auf meine Karriere als Schriftsteller konzentrieren könnte. Jeder Satz in meinem Kopf scheint mir derart banal, dass ich mich frage, ob ich jemals das Recht erlangen werde, aus dieser Sackgasse herauszukommen.
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Alle natürlichen Regungen werden unterdrückt von einem Panzer der Gewohnheit. Man erlaubt nur denen, die ihn nicht sprengen können, ihn zu sprengen.
Die Idee eines festen Selbst hält das Tier in Zaum, solang bis die Idee selbst zum Tier wird. Wenn der Mensch nicht mehr an seiner Menschlichkeit hängt, nicht mehr von ihr abhängig ist (da er nicht mehr mit anderen Menschen Umgang pflegen muss), gewinnt seine animalische Natur eine unheilvolle Präsenz. Im Hintergrund dieser Überlegungen schimmert die Vorstellung, dass mir meine Mutter entsetzt eine Ohrfeige verpasst und mich in mein Zimmer sperrt. "Es reicht!", brüllt sie und etwas in mir fühlt sich entsetzlich schwach, ich bin kaputt und niemand wird mich reparieren können, ich bin krank und werde niemals jemanden küssen, den ich liebe. - Ich glaube, ein Massenmord würde mich genau so verderben wie die Unterdrückung der Lust einen zu begehen.
Schwarzer Kaffee macht schwarze Gedanken. Das Rauschen des Laptops bohrt mir ein Loch in die Stirn, Soldaten hissen auf einem Leichenberg eine Flagge, wieder sind hunderte Menschen aus Afrika im Mittelmeer ertrunken, weil sie sich bei uns ein schönes Leben machen wollten. Ich will mir irgendetwas abpflücken von der Zimmerdecke, aber da ist nicht mehr als eine Glühbirne, die nicht im Wind hin- und herbaumelt, sondern gerade herunterhängt wie ein Penis, der aufgegeben hat, sich die Schuld für die permanente Abwesenheit von Vaginas zu geben. Das Leben ist ein alter Dampfer, auf dem man Glücksspiele spielt, um sich davon abzulenken, dass man dem Wasserfall entgegenrast. Indem ich nicht das Haus verlasse und mich jeder Beschäftigung verweige, wirke ich dem Alterungsprozess meines Körpers entgegen. Über wieviel Atemzüge verfüge ich noch?
„Es muss noch mehr geben!“, spricht die Eitelkeit, sucht meinem Körper ein Alibi: und hier bin ich: der Schriftsteller vor dem Fleisch, vor den Knochen, vor der Ego-Perspektive. Ich sehe, wie ich etwas darstellen will, wie ich als Elektriker meiner Nervenbahnen die Außenwelt gestalten will, die Gesellschaft, die das Zwischenergebnis eines immerwährenden Prozesses menschlichen Kommunizierens und Kräftemessens ist.
Ich versteh nicht, warum mich immer noch Leute besuchen; es sind keine Freunde, wir haben nichts voneinander, bringen es aber fertig, ein paar Stunden auf meinem Balkon zu sitzen und die rauschenden Bäume und den hellgrauen Himmel und die schwarzen Vögel zu betrachten und etwa alle fünf bis zehn Minuten sagt einer irgendeine Banalität oder einen sinnlosen Halbsatz. Wir schauen uns kaum an. Ich glaube, es kommt bald wieder jemand vorbei. Sebastian wollte mir ein altes Klavier vorbeibringen, das er auf dem Dachboden seiner Mutter gefunden hat. Ich mag es, mich in falsche Akkorde hineinzusteigern, in dissonanter Trance Halt zu suchen, denn an guten Tagen finde ich ihn.
Lang nichts mehr gegessen, hab noch einen sehr faden Eintopf in der Küche, der darauf wartet, meinen Körper noch ein bisschen gesünder zu machen. Meine Gesundheit ist ein Fluch: mein Körper ist zu allem bereit, aber ich will nicht am Tagesgeschäft teil haben. Mein Ich ist ein asketischer Parasit. Die Sehnsucht, mir in meiner Wohnung ein Loch auszuheben und darin einen Hund abzuschlachten, frisst wie ein süßer Tumor an meiner Depression und verwandelt allmählig mein staatlich allimentiertes Leben in ein freches Grinsen, das selbst den eifersüchtigsten, bösartigsten Gott hinreißen kann. Ich breite meine Arme aus und verfluche die Abwesenheit von Menschen, denen ich hysterisch an die Kehle springen würde wie ein Affe.
Mich töten oder jemand anderes, das ist nur eine Frage der Koffeinkonzentration im Gehirn. Ich möchte meinen Kopf solang schütteln, bis ich meine Wohnung nicht mehr wiedererkenne, bis Rauch aus meiner Wohnung tritt und ein Gespräch mit der grauen, bitteren Kälte der Straße anfängt. Jeder möchte sich irgendwie einbringen in dieses Leben.
Ich habe tiefe, dunkle Wurzeln in meiner Wohnung geschlagen. Ich bin mehr als diese Wohnung, diese Sackgasse, diese Stadt! Haltlos werdend muss all meine Realität auf ihre Kosten kommen: und ich werde noch mehr als der Sturz, mehr als die Geschlagenheit, mehr als der Verlust gewesen sein!
Die Ausdehnung des Himmelgrau ist messbar, die der Fassungslosigkeit nicht.
Ein Mensch der keine Bedeutung hat, bewirkt genau so wenig wie ein Mensch, der sich nicht äußert, wie ein Mensch, der gar nicht vorhanden ist. Man muss wirken, um Lust am Leben zu haben. Dem Einen reicht ein Kind, das er von sich abhängig machen und erziehen kann, der Andere möchte einen ganzen Staat unter seine Kontrolle bringen. Mir reicht es, vor den Augen aller Menschen dieser trostlosen Stadt meine Verwirrung zu feiern und Krach und Freude zu verbreiten. Jetzt, wo ich meine Eltern nicht mehr erreichen kann (das Erfurt-Syndrom hat all ihre Hoffnungen und all ihre Liebe ausradiert und mit einem bösen, wirklich bösen Brief an sie hab ich jede Chance auf ein entspanntes Verhältnis zu ihnen vernichtet), muss ich mich an alle Menschen wenden.
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Wie kann ich mich bloß getraut haben, etwas zu sagen? Wie kann ich alles, was ich von mir weiß, so furchtbar ignoriert und mich so furchtbar weit aus dem Fenster gelehnt haben? Ich hab immer Lust jemanden zu umarmen, wenn ich das Wort Herz lese oder schreibe. Ich habe eine sexuelle Ausstrahlung, die niemand sieht, der nicht etwas von mir gelesen hat. Ich habe etwas mitzuteilen, aber muss notwendigerweise Mittel benutzen, die gegen meinen Geschmack sind. Wer bezahlt mich denn dafür, aufrichtig zu sein? Wer klopft mir auf die Schulter, wenn ich etwas schreibe, mit dem ich mich ganz fest identifizieren kann?
Aus Mangel an Zuversicht und Disziplin kann ich nur die Substanz verlieren, die mich auf einem bestimmten Kurs hält. Es kommt mir so falsch vor, etwas Bestimmtes zu tun; ein Gefühl ist wie ein Urteil, das ich respektiere, weil der Richter schöne Augen hat. Es kommt mir so falsch vor, Kaffee zu trinken. Jede Droge belügt den Körper. Ich stampfe wie ein dummes Kind um meinen zukünftigen Tod herum, ich wundere mich, wer dieses Loch gegraben hat, in das ich fallen werde, wenn mein Herz nicht mehr schlagen kann und hätte gern tropische Pflanzen in meiner Wohnung.
Plötzliche Bauchschmerzen erscheinen mir sieben Mal realer als die Tatsache meiner Geburt und unzählige Male realer als meine Fähigkeit meine Einsamkeit zu überwinden. Ich werde nie wieder Musik hören. Ich werde mich nie wieder erwachsen fühlen. Ich werde niemals mit diesem Buch fertig. Ich werde mich niemals trauen, meine Schwester da zu berühren, wo sie nicht berührt werden will. Ich stell mir vor, wie mir jemand den Schädel einhaut. Ich werde niemals die Klinken all meiner Hintertüren putzen können. Ich schaffe es immer wieder, mit all den Sätzen, die ich nicht schreibe, die Literaturgeschichte aus den Angeln zu heben. Ich bin ein Emu und mit jedem meiner Flügelschläge erhöht sich der Schmerz, den der Gehirntumor meiner Mutter erzeugt, um sie vom Schlafen abzuhalten und die Bundesregierung hat einen furchtbaren Plan.
Rausch und Wahrheit
New Scene 1
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Warum war die Kassiererin heute so böse und biestig? Ich habe keine Lust sie jemals wiederzusehen. So viel ekelhafte Biester überall! Wann immer sie an meinem Haus vorbeigehen, treten sie die schönen Blumen kaputt, die ich vor Jahren mit meiner Mutter angepflanzt habe. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich nochmal Lust habe, neue Leute kennenzulernen.
Das muss alles nicht so weitergehen, behauptet ein Grafitti an der Wand. Banale Sätze sind verdächtig. Manches ist banal und trotzdem wahr, auch wenn der eigene Geschmack sich dagegen sträubt. Das ist die ganze Tragik: zu leiden und zu wissen, warum, aber nichts gegen dieses Leid unternehmen zu können, nichts Grundlegendes. Wenn man sich jahrzehntelang die Welt als unveränderbar erlebt hat, fällt es schwer, sich von der Banalität der Tatsache erleuchten zu lassen, dass alle Gesetze veränderbar, alle Grenzen löslich sind, dass alles immer in Frage gestellt, verbessert oder verworfen werden kann.
Die konservativen Regierungen ernähren sich von der Unfähigkeit des Wahlvolkes, die Veränderbarkeit der Verhältnisse zu denken.
Ihre notwendige Angst vor Experimenten, das ungeschriebene Verbot sich gründlich zu entspannen, die fehlende Phantasie engt die Wirklichkeit auf eine ideologische Schaubühne ein, die das Publikum und die Darsteller vermengt.
Deshalb: alles muss in Bewegung bleiben können! Es darf auf keinen Fall eine absolute Wahrheit geben! Das Absolute muss abgeschafft werden! Sollte die absolute Wahrheit gefunden werden, muss sie unbedingt vernichtet werden.
Die Künstler müssen dafür sorgen, dass die Demokratie, die Umwelt, die Identität, die Wahrheit immerzu gestaltbar bleibt, dass nichts verhärtet zu einer Heiligkeit, einer Alternativlosigkeit. Die Künstler verteidigen die Vielfalt gegen die Monotonie, die Multikultur gegen die Monokultur. Rüdiger Safranski wirft mir vor, dass dies ein typischer Wunsch für Menschen ist, die keinen Ton angeben und auch von keinem Ton in Bann gezogen sind. Nun, wenn ich schon nicht mit der Nation mitschunkeln kann, will ich wenigstens mein Zappeln, mein Schweben, mein falsches Spucken und falsches Predigen zur Diskussion stellen.
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Mit jedem Wort, was ich schreibe, ziehe ich Fazit aus Erfurt, wobei ich mir vorkomme, als zöge ich einen Haarknäul aus einem unendlichen Abflussrohr, in dem ich seit zehn Jahren als Anwalt aller Stubenhocker wohne, die nun wirklich keine besondere Gabe haben, keinen besonderen Spleen, die nur ein bisschen zu wenig Angst haben, ein bisschen zu entspannt im Abseits sitzen und warten und begreifen, während ich im Licht einer Bio-Glühbirne meine zarten, nackten Füße betrachte und mir mit der gelben Schere, die ich schon seit der ersten Klasse habe, die Hornhaut vom Zeh raspelrapselraspel. Es ist, als hätte ich mutwillig ein Fester aufgerissen, um die davor befindlichen Blumenkästen nach unten zu befördern.
Seit ich verstanden habe, dass niemand sich wirklich ernst nehmen kann, ohne manisch zu werden, fühle ich mich erwachsen - erwachsen genug, um einen Blog über den Skandal der personalen Identität zu schreiben. Die schlimmste Eigenschaft des Menschen ist, dass er glaubt, ein festes Ich zu haben, das nicht veränderbar ist, das nicht verändert werden darf.
Wenn ich mich nicht mehr ernst nehme und andere mich folglich nicht ernst nehmen können, wenn ich also grundsätzlich nicht ernst gemeint bin, steige ich aus dem allgemeinen Theater aus: taumelnd über hunderte Buchseiten, tausende Blogseiten entfliehe ich dem Theater und kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden.
Sobald du die Ehrfurcht vor Worten verlierst, kommst du aus dieser grauen Vorstadt raus, die dich zerbrechen will: nicht weil sie ein echtes Interesse daran hat, dass genau du zerbrichst. Sie kennt dich nicht und will daran nichts ändern. Es ist einfach der natürliche Lauf der Dinge, dass man hier zerbrochen wird. Die Maschine läuft und sie fertigt auch dich ab. Es gibt nur einen Grund, warum sie dich nicht in Ruhe lässt: deine Gewohnheit an den bürokratischen Automatismus, der dein Ich im Innersten zusammenhält. Du könntest auch ganz anders denken und handeln.
Etwas in mir nimmt den Körper wahr, etwas in mir spürt Gegenwart in schweren Strömen durch mich pumpen, ich lass die Sprache entgleiten, denn ich, ich kann mich nicht ernst nehmen, ich, ich kann mir am Kopf kratzen und an Geld denken, ich kann auch zu einem unfreundlichen Kassierer nett sein, aber ich kann nichts davon ernst nehmen.
Obwohl mein Atem nur ein harter, biologischer Reflex ist, kann kein Ego ihn verwüsten: vielleicht ist das einzig Konstante mein biologischer Automatismus, der gelangweilt von dieser Stadt seine brave Pflicht tut; das bin ich: der Hirnstamm.
Im Rausch findet man nicht sein eigentliches Ich, man erfährt, dass es niemals ein festes, verantwortliches, wahres Ich geben kann und man hört - wenn man den richtigen Rausch erwischt hat - auf, sich mit irgendwas zu identifizieren. Die Unsicherheit, die Paranoia, die Peinlichkeiten, die Gereiztheiten, die bizarren, von Ikea-Werbung unterbrochenen Verrenkungen sind Nebenwirkung einer generellen Revitalisierung frühkindlicher Aufmerksamkeit.
Die Dinge sind wunderbar, wenn sie keine Bedeutung haben; wenn ich will, kann ich allen Leuten auf ihre Köpfe steigen und in ihre Ohren rote und schwarze Flaggen stecken. Es gibt so unendlich viele Räume zu bewohnen, es gibt unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten guter und stimulierender Dinge. Nichts davon kann man ernst nehmen. Alle tun nur so, als würden sie mich ernst nehmen, sie wissen, dass jeder ernst genommen werden will, aber wie kann ich ihnen glauben, dass sie mich nicht missverstehen, wo ich doch selbst weiß, dass es niemanden in mir gibt, der ernst gemeint und verstanden werden könnte?
3
Mein Schlupfwinkel wird bald ausgeräuchert, weil der SPD-Bürgermeister nichts dagegen hat. Sie stehen schon mit ihren Baggern und Containern und Gerüsten um unser Haus, richten ihre Schaufeln und Zementmischer und Presslufthammer wie Kriegsgerät auf uns und warten auf den Schießbefehl des Chefarchitekten. Hier soll jetzt alles moderner werden und vor allem sauberer. Ich könnte mich an Anwälte kleben oder mir überlegen, was werden soll, aber was soll es bringen? Wieder in eine Wohnung? Wieder in das gleiche, zu nichts führende Leben?
Leg dich doch einfach auf den Boden, wenn die Bauarbeiter kommen, wie ein Kind, das nicht die Tür aufmachen will, weil es das Bad überflutet hat und nicht weiter weiß. Kooperiere nicht! Öffne nicht die Tür! Verliere jedes Verständnis für die Anderen! Es lohnt sich nicht zu verstehen, was die Anderen wollen! Indem du dir vorstellst, dass sie mächtiger sind, sind sie es auch. Wenn du nicht einsehen kannst, was hier vor sich geht, bist du in Sicherheit. Du wirst hier rausgeschmissen. Warum solltest du kooperieren? Warum solltest du deine Sachen packen? Du kannst genau so gut liegenbleiben. Was spricht dagegen? Die Anderen! Die Anderen in dir! Schmeiß sie raus!
Wenn man das Bewusstsein verändern kann, kann man auch die Gesellschaft verändern. Das eigene Gehirn ist ein Modell für das Gehirn der Gesellschaft. Lerne dich gehen zu lassen und sei damit ein gutes Vorbild für deine Mitmenschen. Wenn du dich beruhigen kannst, kann auch die Gesellschaft, dieses unsichtbare, in sich selbst verstrickte Ungeheuer da draußen sich beruhigen! Ich sitze auf der Türschwelle zwischen hellblauem Abend und dunkelblauer Nacht im Schneidersitz, die Augen geschlossen halluziniere ich fröhlich-kreischende Vögelschwärme über mich rauschen, es riecht nach Bioabfall, Kaffee, klammer Wäsche, Weichspüler, Aschenbecher, Marzipan. Meine Entspannung weißt jede Relevanz und Dringlichkeit von sich, ein Lastwagen kracht in Berlin in einen Weihnachtsmarkt, mutmaßlich ein terroristischer Anschlag, während ich auf einer Grünen-Demonstration gegen Abschiebungen für die Musik zuständig bin. Der süße Veranstalter kommt, als ich gerade Coltrane spiele, zu mir und ihm ist peinlich, dass er mir sagen muss, dass es Beschwerden über die Musik gibt, ich hab Lust ihn zu umarmen, mach aber stattdessen einfach ein anderes Lied an. Warum sind selbst Progressive so festgefahren in ihren musikalischen Gewohnheiten? Wenn man die Gesellschaft verändern kann, kann man auch seinen Musikgeschmack ändern. Wir müssen den nationalistischen Grießgrämern etwas Entspannung verordnen. Oder wir warten einfach auf einen barbarischen Bürgerkrieg: der gottlose Pöbel gegen die gebildeten Weicheier, Law and Order gegen Multikultur, die brutale Depression gegen weichgewordene Demokratie! Ich wische mir den Erdbeer-Schweiß meiner Metapherngläubigkeit mit einer meskalinweißen Serviette von der Stirn und rufe den Kellner, ich möchte zahlen und noch den nächsten Bus zurück nach Erfurt erwischen. Wenn man das Bewusstsein verändern kann, kann man auch Busfahrpläne ändern.
Ambivalenz ist eine magische Kraft, der man auf die Schliche kommen muss. Alles ist zugleich angenehm und unangenehm, alle Kategorien und Werte werden in einem Topf zu grauen Schleim zusammengekocht und als absolute Wahrheit verkauft, die angeblich unverwundbar machen soll. Alles was ich tu ist richtig, jede Überdosis Koffein oder Cannabis oder Dextromethorphan reduziert mich auf meine Essenz: solang ich keine Entscheidungen treffe, bin ich frei. Ich kann tun was ich will, ich kann aushecken was ich will, denn keiner sieht mich, keiner bewertet mich, keiner braucht mich.
Jonas hat Recht: in einer Stadt in der nichts passiert, ist alles möglich, weil alles nötig ist, das Publikum ist nicht wählerisch, hier nehmen sie, was wie kriegen können. Wann habt ihr euch zuletzt in diesen Schaukelstuhl gesetzt? Stellt euch nur vor, wie wir in diesem Zustand Politik machen würden! Gras macht die Welt so einseitig schön, wie die Klarsicht des Depressiven die Welt einseitig schlecht macht. Die Frage, was plausibler ist, hängt von deiner Ernährung ab. Du kannst mit deinem Magen und mit deinem Gehirn machen was du willst! Ich möchte, dass es kein Zentrum gibt, ich möchte die Regierung in mir remixen, die man installiert hat, bevor man wusste, was ich bin, bevor man wusste, wozu ich im Stande sein will. Ich weiß, wo es hingeht, ich weiß, was gut und schlecht für mich ist, mein Geschmack ist das Maß all meiner Dinge und geschlagen an das gemütliche Kreuz der Ambivalenz vollziehe ich meinen Körper und damit alles, was ich habe.
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Der Genuss von THC führt unter Umständen, die näher zu untersuchen sind, dazu, dass konservative Werte ihren Reiz verlieren. Wenn der Konservative an der Macht bleiben will, muss er unbedingt dafür sorgen, dass Cannabis illegal bleibt.
Der Staat ist menschenfeindlich, denn jemand der sich gern ausbeuten lässt, gilt als nützlicher als jemand, der gern für sich bleiben möchte. Wer allein bleiben will und den Anderen keinen Nutzen bringen will, gilt als parasitär und gefährlich, wer aber unter den unwürdigsten Bedingungen lang und hart arbeitet und sich mit einer geringen Bezahlung zufrieden gibt und sein ganzes Leben so bescheiden und friedlich wie möglich verlebt, wird als gesund und wertvoll angesehen. Die Gesellschaft hat kein Interesse am Glück des Einzelnen.
"Das Leben kann auch bloß ein Rummel sein, wenn du magst, mein Kindchen! Du musst nicht mitmachen, wenn du nicht willst!" Welche Eltern haben noch genug Liebe übrig, um so zu reden?
Die Menschen haben schon immer ihr Bewusstsein mit Substanzen verändert. Die Menschen haben sich schon immer Dinge gegönnt und Dinge verboten.
Wenn man sich verändern will, wenn man auf andere Gedanken, auf andere Handlungen kommen will, muss man sich neue Gewohnheiten ins Haus holen, Cannabis rauchen beispielsweise. Cannabis ist ein Nutzgegenstand wie ein Stuhl, eine Heizung, eine Nase, ein Pfirsich, eine Türklingel, ein Schaukelpferd, ein Helm, ein kleinerer Helm, ein Schaf und ein Pumpspeicherwerk. Zu manchem zu gebrauchen, zu manchem nicht zu gebrauchen.
Wer Freiheit will, muss auch die Freiheit der Nichtsnutze, der Ratten, der Perversen wollen. Alles andere ist Wortklauberei. Freiheit an sich ist immer ungerecht, immer unberechenbar, immer abenteuerlich. Mich hält keine Mauer und kein Schießbefehl auf, nach Spanien oder Irland zu fliegen, aber meine Armut.
Was ist Nüchternheit anders als der unwirtliche Boden, auf dem wachsen soll, was nicht wachsen kann! Der Staat als Institution der Nüchternheit macht jede Bewusstseinserweiterung zu einem terroristischen Akt und also behaupte ich, dass dieses Buch sich zu einer Kalaschnikow verhält wie ein Realschulabschluss zu einer lebenslangen Haftstrafe.
Schlafgestörte Menschen werden paranoid, verlieren ihre Empathie und ihre Orientierung. Die Nationalkonservativen profitieren natürlich davon. Wenn die Menschen nicht richtig schlafen, stehen sie auch nicht wirklich hinter den Werten, die unsere Zivilisation zusammenhalten. Jeder liberale Sozialstaat sollte ein Interesse daran haben, dass seine Bevölkerung gut schlafen kann. Schlaflosigkeit kennt kein Erbarmen.
Die Schlaflosigkeit hat die Depression geweckt, die mir meine Eltern in meine Knochen vererbt haben; wen werde ich anschreien und demütigen und terrorisieren? An wen lass ich meine Depression aus? Werde ich so kaltblütig sein, wie es mein Stammbaum mir befiehlt?
Je nüchterner ich bin, desto kaltblütiger bin ich; Cannabis ist die Droge gegen meine Kaltblütigkeit, der Gong gegen meine Überforderung mit der Innenstadt; ich spüre wie ich über den Schrottplatz gleite, den ich bewohne.
Gras ist verboten, weil es paranoid machen kann, sagen sie. Aber wäre es nicht verboten, würden viele Konsumenten nicht paranoid werden. Die Polizei sieht alles und weiß alles. Sobald man sich außerhalb der Gesetze bewegt, ticken die Uhren anders. Eine Entkriminalisierung der Droge würde auch große Teile ihrer Gefahren auf die Psyche verschwinden lassen.
Es bleibt überhaupt noch zu fragen, ob das, was Mediziner heute unter Gefahren verstehen, in einer anderen, besser funktionierenden Gesellschaft nicht eher Chancen, Werkzeuge oder einfach Charakterzüge sind, und ob bestimmte Symptome von Dauerkonsumenten wie Angst, Isolation, Wahnvorstellungen in einer anderen Gesellschaft gar nicht auftauchen würden. Wichtig ist klarzustellen: wer die Drogenpolitik liberalisiert, verändert die Gesellschaft. Junkies sind auf jeden Fall Subversive, Systemkritiker, vielleicht Propheten einer neuen Zeit, vielleicht nur Symptome einer untergehenden Ära.
Es gibt viele Vorurteile und Vorurteile sind zum Überwinden da. Cannabis macht nicht glücklich, bloß dem Glücklichen sein Glück bewusster, wenn die Unsicherheit darüber, ob man sich des Lebens freuen kann oder nicht, verschwinden. Natürlich kannst du dich freuen: du bist gesund und hast was zu tun und steckst in keiner Zwickmühle und hast wirklich keine Eile damit, dich auszuleben. Cannabis macht nicht faul, bloß für Gründe empfänglich, nichts zu tun. "Die Entspannung ist angebracht, weil mein Leben schön ist!", flüstert sich der fröhliche Grasraucher auf der Hängematte in den Mittagsschlaf. Wenn es wirklich noch etwas zu tun gäbe, würde das Kraut ihn nicht davon abhalten können. Mancher Irrenarzt behauptet das jedoch, offensichtlich aus Mangel an Erfahrung oder aus purer Bosheit. Bewusst angewandt hilft Cannabis, Ordnung und Struktur zu finden und Gewohnheiten zu ändern und damit sich selbst. "It takes a lot of time, to push away all the nonsense!": David Byrne hat es geschafft und ich hab es auch geschafft, aber du schaffst es nicht, wenn du immer noch an dich selbst glaubst!
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Mein Ich ist nur ein Programm, das dieser Organismus, in dem es steckt, entwickelt hat, um auf einer bestimmten Bahn zu bleiben. Leugne ich die bestimmte Bahn, verändert sich das Programm.
Zwingt mich ein Gesetz, ich selbst zu bleiben? Niemand kann mich zwingen, ich selbst zu bleiben. Ich kündige hiermit den Vertrag mit meinem Ich-Gefühl.
Mein Ich ist umzingelt von unendlich vielen alternativen Ichs, die alle das gleiche Recht haben wie du. "Du sitzt hier nur, weil wir dich lassen... Warum? Weil du eh bald von selbst gehst." Ich hatte gerade die intensive Vorstellung, dass mich eine alte, böse Frau mit furchtbar tiefen Falten vorwurfsvoll anschaut. Mein Schuldgefühl setzt meine Körpertemperatur auf die eines Herbst-Frosches herab. Ich starre meine Unfähigkeit, den Satz besser zu formulieren, in die Luft und beschließe, darüber einen Satz zu schreiben. Ich belächel meine Fähigkeit, alles in einem Satz ausdrücken zu wollen.
Man muss den Selbsthass pflegen, um sich niemals von einem Charakter beugen zu lassen.
Charakterzüge entgleißen, wenn man niemanden mehr imitiert.
"An wen könnte ich mich noch anpassen?", leuchtet eine sternenklare Melancholie aus meinem Gesicht.
Alles was wir unterdrücken, arbeitet in uns weiter, nimmt Anlauf, bleibt trotzdem noch aus, wartend, Kraft sparend, den richtigen Moment abwartend.
Indem ich mir nicht am Kopf kratze, weil ich nicht weiß, wer mir hier zuschaut, kratze ich mir in meiner Phantasie um so heftiger an den Kopf.
Ich genieße es, bei lauter Musik zu denken. Nur giftige Wahrheiten können sich gegen laute Musik behaupten. Philosophie und Literatur und Religion und Drogen sind nur Ersatz für laute Musik. Mit Worte kann man vielleicht überreden, aber überwältigen kann nur das Unaussprechliche der Musik.
Kaputte Musik will die Alltagssprache des Zuhörers zersetzen. - Wer sich zu stottern schämt, wer nicht in Interjektionen und Imperativen vom Frühling reden will, sollte keinen experimentellen Jazz und keine serielle Musik hören wollen.
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Ich möchte die zur Pyramide aufgebauten Sektgläser meiner Gewissheiten in einen Scherbenhaufen Ungewissheit verwandeln und zu einem quadratischen Kristall verdichten.
Nur die unvollständige Verwirrung bedrückt, die vollständige erfrischt, belebt und macht unter Umständen wild und unbeherrschbar fröhlich.
Der Künstler zeigt nie, was er ist, sondern was er sein will, also was er sucht. Wenn er sich gefunden hat, wird er eine Ware.
Man kann sich wirklich nur mit Leuten identifizieren, die auf der selben Stufe sind wie man selbst oder dort sind, wo man hin will. Deshalb macht es für die meisten Menschen keinen Sinn, Leuten wie Mick Jagger oder Tom Yorke zuzuhören.
Ja, man belügt das Gehirn, wenn man es unter Drogen setzt, aber man belügt es auch, wenn man es einem geregelten, verantwortungsbewussten, zielgerichteten Alltag aussetzt.
Frei von der Unterscheidung, was normal und nicht normal ist, befindet man sich in einem permanenten Rausch.
Wo werde ich bald wohnen? Es geht bald zu Ende hier. Ein intensives Versacken in den bunten, weichen Moment am Rand des Bettes, am Rand des Tages, am Rand einer Ära.
Das Leben wird gleich viel angenehmer, wenn man sich vorstellt, was man sich alles sparen kann.
Dass es in deinem Leben nichts zu tun gibt, ist das Fundament deiner Freiheit.
Drogen warum? Weil irgendwann die Realität aufgebraucht ist.
Alle Drogen sind ein Werkzeug, um den Intensitätsgrad des Wirklichen zu regulieren.
Die Lust, nicht zu sein, gibt es nicht. Nur die Lust, nicht man selbst zu sein.
Das grundlegende Gefühl, entfremdet zu sein, kann man sich nur abgewöhnen, wenn man Drogen nimmt, die die Gehirnsubstanz schädigen: willst du das?
Erst wenn dir alles egal ist, siehst du die Welt so, wie sie wirklich ist.
Ein Nüchterner hat nichts in den letzten Fragen zu suchen.
Den Beweis, dass du nicht verstanden hast, was es bedeutet, dass dieses Leben das Einzige ist, was dir zur Verfügung steht, erbringst du in jedem Moment, in dem du die Fassung behältst.
Wer sich an alles erinnern kann, kann unmöglich sozial und optimistisch sein.
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Das Irreale ist bedeutender als das Reale, deswegen reden so viele über das Reale und schweigen so viele über das Irreale. - Es kann nicht gut sein, so viel angestaute Kraft zurückzuhalten.
Ich glaube nicht, dass die schlimmste Eigenschaft des Menschen die Ignoranz gegenüber fremden Unheil ist, sondern die Ignoranz gegenüber dem eigenen.
Es stehen große Veränderungen bevor. Im Cannabis-Taumel gelange ich scheinbar zum grundlegenden Taumel meines Existierens, ein weiches, träumerisches, hypersensibles Taumeln.
Je tiefer die Narben sind, die unsere Paranoide Revolution unserem Heimatland zufügt, desto stabiler, weil unbestechlicher und enttäuschungsfester kann Europa werden.
Cannabis-Entzugserscheinungen sollte man am besten mit Cannabis bekämpfen.
Heißt es, meine Erlebnisse "auf" oder "unter" Cannabis haben mich stärker geprägt als mein tägliches Umfeld, zum Vorteil aller?
"Kunst hat die Aufgabe, den Menschen an seine Möglichkeiten zu erinnern.", steht an der steinernen Eingangstür meiner Träume.
Man kann sich etwas Hässliches nicht schön saufen, man kann sich nur hinter sämtliche ästhetische Kategorien saufen und alles annehmen was da ist und JA zum Hässlichen sagen. Nüchtern sein heißt: empfänglich sein für Illusionen, auf die das Ego angewiesen ist.
Nur weil man sich für seine Kunst opfert, der Kunst alles unterordnet, ist man nicht gleich ein wertvoller Künstler ist. Es ist nie gut, sich für irgendwas zu opfern, die Künstler sollten das nicht vormachen. Trotzdem würde ich gern ein absolutes Recht darauf haben, erfolgreich zu sein.
Als heiliger Nichtsnutz, dessen Verkrampftheit immer ekelhafter wird, empfinde ich jede Sekunde, in der ich empfänglich für die Erwartungen der Anderen bin, als großes Unglück. - "Drücken Sie sich mal ein bisschen missverständlicher aus! Macht ja gar keinen Spaß Ihnen zuzuhören!" - Ich liebe dich." - "Na also... huch!" - Den nächsten Gedanken schon könnte ich für immer vergessen. Überall in meinem Gehirn wartet Einmaliges aus seine Gelegenheit, alles zu verändern.
Der skeptische Künstler hat die Aufgabe, die Menschen an ihre Fähigkeit zu erinnern, sich von allem zu distanzieren, sich in Verwirrung zu verlieren und sich immer in neue Richtungen zu drehen, indem er konsequent ambivalent und losgelöst im Taumel seiner Selbstzerfleischung alle Fundamente zum Schwanken bringt und wie ein giftspuckender Kobold unter allen Brücken lauert, die uns mit den Anderen verbinden sollen. Ein Knochen und Fleisch und Blut und Seele gewordenes Vielleicht in greller, kalter Nacht, ein nihilistischer Schamane der sich über das ganze Dorf, das ganze Land erhebt.
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Ich kann mich nur leiden, wenn Leute um mich herum sind, die ich leiden kann. Der Sonntagsbraten riecht nach Ausländerfeindlichkeit. Ich schnippe mit einem Streichholz gegen das Kleinbürgertum. Panikattacken sind dicke Nachbarn, die aufgeplustert im Türrahmen stehen und vorwurfsvoll glotzen, wenn du dich eigentlich nur hinlegen möchtest.
Du hast im Leben nur eine Aufgabe: Leute zu finden, die es dir erträglich machen, ein Versager zu sein, Leute mit denen es Spaß macht, mit Pauken und Trompeten gegen die graue Mauer der Verhältnisse zu krachen. Wer unabhängig ist, hat nur eine Chance, wenn er unabhängig bleibt. Ich muss skeptisch gegenüber meinem Beruf, meinem Handwerk und meinem Arbeitsmaterial bleiben können! Mehr wünsche ich mir gar nicht, jetzt am Ende meiner Lust, auf irgendetwas anderes einzugehen als auf meine Lust, auf nichts mehr einzugehen, was mir in den Sinn kommt. Das Auslassen von Worten, das Verschweigen von Gedanken und eine plötzliche, unerklärliche, unumkehrbare Entscheidung, mich völlig loszulassen.
Meine Lederjacke versteckt meine Verzärtlichung, meine Biegbarkeit, meine Instabilität. Bloß nicht zu viel Gefühl blicken lassen.
Die selben endlos grauen, leeren Tage, jeden Tag alle Unvermeidbarkeiten von oben bis unten durchlebt. Der Rausch vergrößert die Anzahl der Möglichkeiten, die man im Leben zur Verfügung hat. Deshalb muss man sich berauschen, wenn man mit wichtigen Fragen, mit existentiellen Problemen konfrontiert ist, wenn man entscheiden, wenn man arbeiten muss. Ich stecke in keinem Beruf mehr, ich erfülle keine Wünsche mehr, ich spiele nicht mehr mit eurer Phantasie. Ich schreibe nicht durch die Brille eines Studenten oder eines Künstlers, ich bin kein Gelehrter, ich bin nicht der Sohn einflussreicher Eltern, ich stehe in keinem Lexikon, ich stecke in keiner Celebrity-Parallelwelt fest, ich bin für jeden erreichbar.
Ich fahre aus verschwommener Vergangenheit in ein dunkles Morgen hinein auf einem fiktiven Jetzt-Luftkissen. Schau! Die Gegenwart ist nur eine Idee, die du niemals festhalten wirst: deshalb kannst du auch dein Ego nicht festhalten.
Ich spüre, wie mein Bedürfnis zu entscheiden, ob der berauschte oder der nüchterne Zustand als der normale, grundlegende Hauptstrom des Lebens gelten soll, von mir davonflattert und mein Herz zieht sich etwas Gemütliches an und legt sich in das herbsttrübe Wirrwarr, das wie ein sanftes Unwetter in diesen hellen Tag zieht, den ich in meinem blauen Zimmer verbringe. Ich spüre, dass ich mit Leib und Seele Schriftsteller bin, die Musik schiebt mir Wellen der Selbstgenügsamkeit rüber wie entspannende Drinks ohne Alkohol. Aufgeregtes Nirgendsein am Rand der immerwährenden Kindheit. Was hält mich fest so zu sein wie ich bin? Hier hinten ist einfach nichts mehr! Ich lache. In dieser Kammer namens Kopf ist einfach nichts mehr!! Ich lache so heftig, dass ich mich nicht wundern würde, wenn die Wände Risse bekämen. Woher kommt diese idiotische Freude? Ich hab ein gelbes Gesicht und falle wie ein riesiger, lustiger, plantschwütiger Hund mit dem Gesicht in einen Eimer gelber Götterspeise.
Drogen verändern den inneren Spielraum wie eine Weltreise oder ein gutes Buch: manchmal kann man das, was daraus folgt, für sich nutzen oder wenigstens dulden, und manchmal nicht, je nach Droge, Dosis, Nutzer und Umgebung. Ich rechne damit, dass gleich jemand ausrastet. Vielleicht finde ich eine Wohnung, wenn nicht, wohne ich bald mit Alkoholikern und Kindergärtnern und Katzennarren auf einer höllischen Baustelle - ich werde von der Dummheit getragen, dass alles gut wird, dass sich alles schon irgendwie zum Positiven wendet. Was habe ich den Eidechsen zu geben außer diese psychedelische Kapitulation? Einfach zusammensacken und weggetragen werden. Aufhören mit Handeln, das Nirvana heraufbeschwören mit einem Holzhammer. In die Ecke gedrängt, kann der Mensch nur noch aus der Haut fahren.
Wer sind wir, wenn wir in einer Welt leben würden, in der die bisherigen Begriffe nicht mehr nötig sind? Womit könnten wir unsere alltäglichen Worte ersetzen? Denn klar ist ja, dass die Worte vom Schreibtisch eines soliden Ich-Gefühls kommen. Die Gewissheit, dass man mit dem Ego einen Wirklichkeits-Stabilisator verlieren würde, weckt in mir eine dunkle Lust; diese Stadt lässt mir nichts anders übrig, als dieser Lust auf Zehenspitzen nachzugehen. Das Ego subtrahiert Möglichkeiten. Ich möchte aus dem Katapult genommen werden und die Leute, die mit mir diese dissoziierende Droge nehmen, empfangen mich freundlich, nehmen mich vom Katapult und klopfen mir das alte Selbstverständis wie Dreck vom Anzug.
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´THC wirft das Gehirn in den Zustand zurück, in dem man war, bevor man verstanden hat, welche Funktion das Ich-Modell hat. Mit meinem rechten Zeigefinger kann ich meinen ganzen Körper zum Schwanken bringen.
Das, was der Rausch offenlegt, kann schriftlich nur komprimiert und konserviert werden, wenn das Schreiben dem Rausch auch standhalten kann. Deshalb üben, üben, üben!
Stil wächst aus einer bestimmten Haltung zum Leben. Die individuelle Biographie färbt Stil ab. Es wäre total absurd, total blöd wenn ich jetzt plötzlich sterben würde. Ich versuche darüber sachlich zu lachen - so wie Blixa Bargeld lacht, wenn er interviewt wird.
Führe ich nicht seit Jahren nur einen repetitiven Monolog vor zukünftigen Verlegern, deren gegenwärtige Gesichtslosigkeit mir das Gefühl gibt, hinter Gespenstern herzusein? Vielleicht bin ich derart unbrauchbar, dass sogar meine Unbrauchbarkeit unbrauchbar ist.
Ich fühle mich erniedrigt von jeder Situation, in der ich nicht in der Lage bin, zu schreiben, so als würde ich, wenn ich nicht schreibe, nicht richtig, nur latent existieren.
Ich muss nicht funktionieren, aber ich darf auch nicht. Andere dürfen eine Funktion übernehmen, ich darf nicht, denn man erkennt an meinem Gesicht, dass ich unzuverlässig bin und nur darauf warte, mich danebenzubenehmen, um die Aufmerksamkeit von bestimmten Jungs und Mädchen zu bekommen.
Wie lange kann mein Gehirn diese Realität halten? - Solange wie die Realität mein Ichgefühl unterhält. Das Ich verankert das Gehirn in eine bestimme Realität. Zerstöre das Ich - entspanne des Gehirn - erweitere die Realität.
Ich muss meine Unfähigkeit, das zu beschreiben, was ich beschreiben will, als Freiheit begreifen lernen. Ich darf mich nicht dafür hassen, dass mein Taumel in keine Poesie, keine Ideologie, kein Ziel passt. Solang ich genügend Grenzen habe, bin ich nicht völlig abwesend. - Mich loswerden wollen, um mehr von der Welt zu sehen und gleichzeitig mit dem Stift auf der Lauer zu liegen, funktioniert einfach nicht.
All meine Texte sind nur als Hintergrundmusik zu verstehen, die das Gespräch, dass der Leser während des Lesens mit sich selbst führt, angenehm beeinflussen sollen. Ich will nur abfärben, nicht überzeugen. Will man es wagen, mich in die Manege zu lassen? Ich wäre aber auch zufrieden, wenn ich nur ums Zelt schleichen und hier und da einen Raub begehen würde und vielleicht bastel ich an ein paar echten Schandtaten für euch und für mich. Können Krimi-Fans echte Verbrechen kunstvoll finden?
"Wichtig ist nicht, was man sagt, sondern was man nicht sagt.", behauptest du müde auf meinem Schoß fallend, die blaue Dämmerung liegt uns in den Knochen, von Ereignislosigkeit geschlagen klammern wir uns an den goldenen Plüsch unserer Selbstgespräche, die wir manchmal, so wie jetzt wie zwei sich drehende Zahnräder zusammenbringen, ich flüstere: "Aber alles was man nicht sagt, wird beeinflusst von dem was man sagt, und das was du sagst, lässt auf das schließen, was du nicht sagst. Aus dem, was du gesagt hast, spinnt man sich Dinge zurecht, die du vielleicht sagen würdest, aber nie gesagt hast. Je mehr man sagt, desto weniger wird man von Anderen zu einem runden, vollständigen Charakter fingiert." und du bist eingeschlafen.
"Wir müssen die Menschen in Arbeit bringen.", brüllt der Minister für Arbeit in die Nachrichtenkamers und mein Hund schaut mich an, grinst, als wüsste er, was ich denke, bellt und sagt brav: "Wer die Menschen in Arbeit steckt, bevormundet sie, nimmt sie an die Leine, drückt ihnen einen Sinn auf, den sie vielleicht gar nicht haben wollen, weil sie ihn nicht nötig haben, weil sie sich eben selbst drum kümmern oder gerne drauf verzichten können und auf keinen Fall einen Minister brauchen, der ihnen einen Lebenssinn beschafft, nicht wahr?" Ich kraule ihm seinen süßen Schädel und schau mir Werbung aus den 1980ern an, die Retro-Gabi67 freundlicherweise ins Internet hochgeladen hat.
Der Genuss eines psychotischen Erlebnisses kann zu neuen Erkenntnissen, Haltungen und Charakterzügen führen, die dafür sorgen, dass das Leben in eine andere Bahn kommt. Während man seinem sozialen Umfeld ausgeliefert ist und kaum wirklich entscheiden kann, wer man ist, entfernt man sich mithilfe einer Psychose aus der Welt, die zu dieser Psychose geführt hat. Drogen, die Psychosen induzieren, indem sie auf unser Neurotransmittersystem wirken, sind Werkzeuge, um das Leben psychotisch zu erweitern und zu vertiefen. Die nicht substanzinduzierten Psychosen kommen, wenn man sie nicht gerufen hat; aber wenn man eine Psychose braucht, kann man sie rufen. Es waren nicht die Götter, die man durch Drogenkonsum angerufen hat, sondern man hat umgekehrt via Gott mit den Drogen kommuniziert, also mit Möglichkeiten, die Welt zu sehen und zu verstehen und mit ihr umzugehen. In der Hoffnung, dass wir uns alle zusammensetzen und gemütlich und psychotisch werden, schicke ich dieses Buch auf die Reise.
Oft soll die Ausschüttung von Sexualhormonen bloß gegengeschlechtliche Feinde anlocken, um sie dann töten und fressen zu können. Mordlust ist lebensnotwendig, wenn man allen Glauben verloren hat. "Naja, bei dem einen so, bei dem anderen so", sag ich mit einem gelangweilten Lächeln, da das Publikum immer leiser werdend Anlauf für einen brüllenden, giftigen Wutausbruch zu nehmen scheint.
Bin ich schon so heruntergekommen, dass ich nur noch das als real bezeichne, was ich formulieren kann? Niemand kann mich zwingen, ein festes Ego anzunehmen wie einen Hochzeitsring! Jetzt erkenne ich, dass das hier ein utopischer Roman ist. Der Gedanken musste abgebrochen werden, da ich mit Grausen feststellte, dass Google ein paar meiner Cannabis-Texte verschluckt hat. Alles was ich während des Schreibens erlebt und gedacht und gewusst hab, ist für immer weg. Wenn man sich die Nutzerrechtsseiten von Google anschaut, wird einem übel. Wir sollen heimlich vernetzt werden und dann an Konzerne verkauft werden. Wirf den Drang zu Schreiben endgültig über Bord! Du musst dich komplett gehen lassen können.
Psychedelische Kunst hat in einem Land, in dem psychedelische Drogen legalisiert sind, lediglich die Aufgabe, Menschen an psychedelische Zustände zu erinnern. Psychedelische Kunst würde nicht mehr sein als eine Werbung für einen Alltagsgegenstand, wie z.B. einem Fensterputzmittel. Wenn man psychedelische Drogen konsumiert, will man sich und die ganze Welt anders wgera ed dd wdDEder und psssyychcheDKunst "is da nur im Weg,#+""""/"" pPsychedelische Kunst ist auch für nüchterne Menschen nur ein Urlaubstipp, eine psychedelische Erfahrung kann sie nicht ersetzen.
Ich lunze schonmal über den Rand der Klippe, in die ich später stürzen werde, und denke mit einem naiven Seufzer untermalt: "Och nööö!" und krieche wieder zurück ins Haus. - Ich bin eine Stoffsammlung, die sich am Leben abreiben muss. Was wird aus dem reibungsbedürftigen Körper, wenn das Leben, das ihn führt, leer ist? Kann man wissen, wer man ist, wenn man sich derartig um sich selbst dreht?
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Der Mensch ist das einzige Tier, das sich permanent beobachtet fühlt. Selbst ein Löwe im Zoo vergisst für Momente sein Ausgeliefertsein. Der Mensch spürt es jede Sekunde. Was er Selbstkontrolle nennt, ist bloß der Versuch, seine Nervosität auf einem Level zu halten, auf dem er sich nicht zum Feind seiner Mitmenschen macht. So kriecht er verbuckelt von Überreiztheit und seinem Hass auf seine Affekte durch die Ödnis, die er über fast den ganzen Erdball ausgebreitet hat..
Ein Überzeugter wirkt, wenn ich mit ihm rede, frei und stark und klug und gesund, während er, wenn ich mit ihm schreibe, oberflächlich, kaltherzig, engstirnig und wahnhaft wirkt. Bei einem Skeptiker ist es genau umgedreht.
Ein paar gute Sätze zu schreiben ist viel besser als ein philosophisches System oder eine Agenda auszuarbeiten. Mit vielen guten Sätzen mache ich mich zum Heiligen einer Religion, deren einziger Anhänger nur ich sein kann, dessen Glaube aber anderen Menschen in die Herzen strahlt.
Wahrheit ist wie Musik bloß ein Werkzeug, um bestimmte Früchte zu ernten, bestimmte Wege freizumachen und bestimmte Ärgernisse aus dem Herzen zu waschen.
Die Vögel im Park haben die selbe Bedeutung wie die Leute, mit denen ich unterwegs bin.
Faulheit darf nicht bescheiden machen.
Die Frage die sich jeder Künstler stellen muss: „Welchem Klientel willst du etwas vormachen?“
Als Musiker sollte man sich die Frage stellen, welche Wirkung die Musik, die man machen will, im Supermarkt hätte. Willst du den Leuten ein entspanntes Einkaufen geben? Willst du sie trösten? Willst du sie abhalten, bestimmte Dinge zu kaufen? Die Musik im Supermarkt verrät viel darüber, wie die Geschäftsführung die Kunden sieht.
Kunst hat die Aufgabe, die Einsamkeit der Menschen zu polstern, das Grauen der Sinnlosigkeit in eine Wonne der Sinnlosigkeit umzuwandeln mit so viel Liebe und Bosheit wie nötig.
Kunst wird erst richtig erfahren, wer keine Funktion mehr in der Welt hat. Wenn man von der Großen Maschine ausgespuckt wird, kann die Kunst den Seelenfrieden ersetzen und den ganzen Rest auch.
Jedes Lied klingt so, als würde es den Moment untermalen, bevor ich von der Polizei angegriffen werde. Ich versuche mein Diktiergerät zu erwischen, bevor alles aus ist. Ich weiß, dass mir nichts passieren kann. Das hier ist kein Traum. Fühl ich mich grad, als würde sich jemand anschleichen? Würde ich mich erschrecken, wenn ich jetzt von irgendwem überwältigt werden würde? Bodenlose Aufregung.
Nur dumme Leute haben auf Cannabis Panik-Attacken. Sie haben nichts im Kopf, was sie der Phantasie und Empfindlichkeit, die durch den Rausch verstärkt wird, entgegenhalten können, um zu verhindern, dass der ganze Laden umkippt. Sie kommunizieren nicht gut mit sich selbst. Sie machen keine Selbstgespräche, sie sind Sklaven ihrer Gewohnheiten und wissen nichts anders zu machen als ihre Energie zu verschwenden. Sie wissen nicht, dass man unter THC in Situationen gelangt, in denen es gefährlich ist, ein mehr oder weniger rationales Gewohnheitstier zu sein.
Dumme Kiffer können sich, wenn sie berauscht sind, über ihre Dummheit nicht mehr hinwegtäuschen und es gibt nichts, was sie dagegen tun können, und wenn sie Glück haben zwingt sie jemand, mit dem Kiffen aufzuhören und ihr Leben auf die Reihe zu kriegen.
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Zwischen zwei Unendlichkeiten Nichts eingeklemmt, weiß niemand wozu das Leben gut ist. Das hier ist die Kiste, in der ich lebe, aus der ich nicht rauskomme.
Das Irrationale braucht keinen Grund, um Angst zu machen.
Unter Cannabis ist man so wie man wäre, würde man seine Selbstgespräche und Gedichte und Bekenntnisse wirklich ernst nehmen würde.
Unter Cannabis nimmt man die Worte ernster - zum Nachteil der Worte.
Es gibt keinen Gedankengang, den es nicht zu unterbrechen lohnt. Je unkonzentrierter man ist, desto größer die Chance, etwas zu finden, das wenigstens für ein paar Stunden Trost gibt.
Jede zurückgewiesene Möglichkeit arbeitet im Hintergrund des Geschehens an ihrer Durchsetzung.
Das Gefühl, irgendjemanden anflehen zu müssen und das Gefühl, sterblich zu sein, verschmelzen zu einem blauen Stern hinter meiner Stirn, der sich immer mehr aufbläht, je mehr ich an ihn denke. Wenn er platzt, bin ich aus dem Gröbsten raus.
Das Karussell meiner Vergesslichkeit will mir den Magen umdrehen, ich würde gern kotzen, stattdessen bin ich euphorisch.
Künstler, die an ihren Stil glauben, die meinen von ihrem Stil abhängig zu sein, haben keinen Sinn für das Wirkliche, bloß für das Ideal, dem sie sich verpflichtet fühlen. Ich mag die tollpatschigen Autoren, die von ihren Unzulänglichkeiten zu neuen Erkenntnissen und Haltungen getrieben werden.
Die Sensibilisierung unter Cannabis macht das Gehirn vielleicht verwundbarer - was aber kein Einwand gegen Cannabis, sondern gegen das Gehirn wäre.
Wenn ich mal alt bin, werde ich mich nur vom Selbstmord abhalten können, indem ich meinen Körper nicht ernst nehme. Meine Aufgabe ist es, heute schon den Sturz abzufedern, den ich später erleiden muss.
Todesangst distanziert vom Leben.
.Wer sich bei „Help the lonely child“ von Sevage Rose nicht vorstellen kann, eine dicke, schwarze, herzlich-traurige Frau zu sein, der hat absolut kein Recht, über Rassismus zu reden. Ich schwenke meinen dicken, schwarzen Arsch und trällere meine echte Traurigkeit in die Nacht und gleich muss ich heulen... Help the lonely child... help the lonely child...
Der Sprung von „Rock around the clock“ zu „Lucy in the sky with diamonds“ ist bedeutend kleiner als der Sprung von „Like A Rolling Stone“ zu „Dazed and Confused“. Heute sagt Robert Plant, Rockmusik ist nur noch ein lasches Plagiat ohne gegenkulturellen Anspruch und ich denke mir: das hätte er auch nach dem Ende von Nirvana schon sagen können.
"Alles nur eine Frage der läppischen Geduld.", hat jemand in unser Treppenhaus geschrieben. Ich schreibe darunter: "Brian Eno hat ein neues Album veröffentlicht."
Was nach dem Tod passiert, passiert sowohl nach dem Selbstmord wie auch nach dem unfreiwilligen Tod. Der Verweis darauf, dass es ungewiss ist, was nach dem Tod kommt, hat noch niemanden abgehalten, sterben zu wollen. Im Gegenteil.
Wirre, experimentierfreudige, undefinierbare Musik mit Leib und Seele verinnerlichen heißt, hinzunehmen, dass die Welt chaotisch ist und das Chaos die stabilste aller Harmonien ist, heißt unempfänglich zu werden für Ideale, heißt toleranter und freier zu werden, heißt über mehr Möglichkeiten zu verfügen.
Traue keinem Depressiven, der dir übel nimmt, dass du dich nicht runterziehen lässt.
Nur der Schlaflose versteht, dass die Qualität eines Raumes allein von seinen Lichtverhältnissen abhängig ist.
Wie ein kleines Kind heulend alles zurückweisen, worin man sich bisher verstrickt hat. Nur der Tod ist ein besserer Trost.
Es scheint, dass manche Drogen dich von der Illusion, dass das Leben manchmal banal sein kann, befreien wollen.
Alles kann man biegen.
Der Mut zum Wahnsinn wird genährt von der Überzeugung, mit dem Wahnsinn etwas besseres anfangen zu können als die anderen Irren.
Wenn man ein echtes Problem hat, sollte man Cannabis rauchen und herauszufinden, ob das Problem behoben werden sollte oder nicht.
Wichtig: nicht Scham verwechseln mit dem Ärger darüber, dass die Anderen nicht akzeptieren wollen, dass man sich verändern muss.
Ich hab Lust mir vorkzumachen, dass die Realität nur eine Fiktion ist, die als Ruhepolster dient, damit das Gehirn die eigentliche Realität, die in den Träumen stattfindet, ertragen kann.
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Nicht zu wissen was man schreiben soll, ist die beste Ausgangsposition. Das Schreiben dieses Satzes soll meinen Lebensstil legitimieren. Du musst loslassen, du musst nicht immer der Dichter sein, lass los, nein ich halte mich hier fest, ich versacke nicht, ich erkenne, dass ich die Klugheit meiner Mutter habe und mich an dieses Schreiben wie an eine aus einem fliegenden Helikoptor wirbelnde Strickleiter klammere und mein Herz aufgeregt höherspringt, wenn ich daran denke, dass ich nichts mehr zu schreiben habe.
Alles trifft. Jedes Wort gräbt sich wie eine Beleidigung in mein Herz, jede Behauptung ist eine Last, jede Aussage will meine körperliche Substanz ruinieren, jeder noch so banal daherkommende Liedtext scheint mich brechen zu wollen, alles was ich sehe erinnert mich an das, was ich nicht bin, alles woran ich mich erinnere und alles was ich mir wünsche erinnert mich an das, was ich nicht bin. Meine Kopfschmerzen, meine Langeweile erinnern mich an das, was ich nicht bin. Wo stecke ich? Es ist unmöglich zu wissen, wo man steckt.
Ich fühle mich wie dicker Mann, der auf einem weichen Feld läuft. Der Park kommt mir wie ein riesiges Wohnzimmer vor,der Rasen ist der Teppich, die Bäume sind die Möbel, der dunkelblaue Himmel die Zimmerdecke, alles wirkt so, als wenn man sich hinlegen soll. Flimmerndes Graublau lässt den präfrontalen Kortex zittern und glühen, die Euphorie die dabei entsteht zwingt mich dazu, etwas zu trinken. Ist das die Polizei dort vorn? Gehen wir grad wo hoch oder wo runter? Wir werden belauscht von den Leuten, die auf einem der Balkons da oben eben mit eeden aufgehört haben. Ich rufe laut: „Herr Lehrer, krieg ich ne 1, wenn ich meinen Wortschatz kaputt mache?“ und Jakob antwortet: „Ja klar, sowas sollte belohnt werden.“ und ich sag: „Dankiiii. Tadatadata-dadankus mankus.“
Auf der Suche nach Gedanken, die den Ausweg aus dieser cannabinoiden Euphorie für immer verstopfen. - Und auf der anderen Seite die Gelassenheit eines insomnischen Schulschwänzers, der süchtig nach guten Büchern in den grauen Himmel starrt. Jede meiner Drogenerfahrung ist gekoppelt an Gedanken über die Drogenerfahrungen berühmter Schriftsteller und Musiker. Ohne Orientierung komm ich mir dumm und leer vor.
Man hat ja nur etwas gegen die Rechte Homosexueller, weil man sich nicht vorstellen kann, in jemanden vom gleichen Geschlecht verliebt zu sein. Dieses Unvermögen interpretieren die Leute als Beweis der absoluten Unnatürlichkeit von Homosexualität. Als gäbe es in der Natur bloß den einzig wahren Geschmack, das einzig wahre Tun!
Die Frage,warum ich Drogen nehme, offenbart unter Drogeneinfluss einen Abgrund, der dem Rausch erst seine Struktur gibt.
Von Vergangenheit geblendet und von Zukunft erdrückt. Der taumelnde Innenraum.
Mit Ausrufezeichen der Katatonie um mich schlagend, geschmückt mit einem aus seiner Balance gerutschtem Gesicht, das gestempelt werden will, getragen von weicher Einsamkeit zum fröhlich-sprudelnden Wasserfall im Stadtpark unter einem rosa-glühenden Himmel.. Ich fühle mich wie in einem alten Element-Of-Crime-Song, den ein schlafloser Ambient-Tüftler durch den psychedelischen Wolf gekurbelt hat. Hier gibt es nichts zu reipßen, hier kannst du nicht tanzen.
Ein freundliches Gesicht nickt den Tag zurück in das Körbchen, aus dem er geschlürft kam.
Versuche dich durch was auch immer zu deinen schönsten Hoffnungen und schönsten Verzweiflungen zu ermutigen.
Wer alles gesehen hat, verwandelt sich - abhängig vom Musikgeschmack - in einen apokalyptischen Engel oder einen anämischen Dämon. Sie entscheiden aktiv oder passiv über die Struktur des andrängenden Zusammenbruchs der Zivilisationen.
Beschwöre so verkrampft und ausdauernd wie möglich deine Unsicherheit, die abartige Leere jenseits der Worte, dein teilnahmsloses Gesicht und das Loch, das deine kalte Sucht nach Begriffen in deine Seele gefressen hat - da es mit nichts mehr zu stopfen ist, bist zu für immer zum Taumel verdammt.
Deine Einsamkeit panzert deine Gefühle in ihrem Widerstand gegen die Welt.
Der Unterschied zwischen Anfällen von Übersensibilität und Anfällen von Paranoia ist subjektiv. Erstere wecken das Gefühl, erweitert zu sein: ich fühle mich klüger, feiner, tiefsinniger als vorher. Der medizinische Begriff "Paranoia" funktioniert nur unter der Annahme, dass ein Mensch bestimmte, klar beschreibbare Grenzen der Wahrheit überschreiten kann, ohne die dabei erfahrene Irreationalität als solche zu begreifen und zu handhaben. Die Definition dieser Grenze ist subjektiv und bleibt es, solang die Gemeinschaft, der Staat, die Medien, die Religion, die Wissenschaft keinen Weg gefunden haben, allen Menschen das gleiche Erleben einer gleichen Grenze zwischen Realität und Irrationalität zu ermöglichen. - Leider kann man als skeptischer Mensch nur mit anderen skeptischen Menschen darüber entspannt und offen reden. Wenn ein Mensch mit Überzeugungen unter Seinesgleichen einen Gesprächspartner sucht oder an einen Skeptiker gerät, finden Beide im Anderen nur Konkurrenten oder mögliche Mitstreiter, während es dem Skeptischen nicht um ein Endziel, nicht um feste Begriffe, nicht um Regeln und Formeln geht.
Wie traurig, dass ich niemandem die Schuld geben kann, dass ich nicht böse genug bin. Es ist die Unfähigkeit, einen Schritt nach vorn zu gehen, aus Angst davor, alles zu verlieren. Nicht zu wissen, warum man nicht augenblicklich zum Monster wird, ist ein gutes Zeichen. Die Angst vor dem Zusammenbruch ist ein Notausgang-Schild, das nicht immer leuchtet. Mit meiner Einsamkeit schneide ich ein böses Grinsen in diese schöne Welt.
Eigentlich habe ich dieses Jahr nur meine Liebe beim hoffnungslosen Blühen beobachtet und währenddessen versucht mich aus meinen Krämpfen zu meditieren: was übrigens - wie man vielleicht selbst diesem Satz anmerkt - nicht geklappt hat.
Sammle genug Drogen-Erfahrungen, damit du weißt, unter welcher Droge du sterben willst.
Bekifft sein heißt, eine Negativversion eines Schlafwandlers zu sein: du wachschlummerst. Du bist ein Träumender in einer Wachwelt, während du im gewöhnlichen Traum ein Träumender in einer Traumwelt bist.
Man muss schwelgerisch urteilen, nicht rational. Mit den Werkzeugen, die dir die bürgerliche Gesellschaft gegeben hat, kannst du dir nur ein bürgerliches Leben zimmern. Wenn du zu wenig Geld und genug Anstand hast, wirst du dich nach anderen Werkzeugen umsehen. Warum nicht solang wachbleiben, bis es dir falsch erscheint, irgendein Werkzeug zu benutzen.
Erst wenn jedes Problem an einem guten Platz ist, hat man das Leben im Griff.
Echte Euphorie führt zu Gleichgültigkeit dem Tod gegenüber. Es ist nicht schlimm, dass dieses tolle, unsichere, Spaß und Ärger bereitende Leben in den nächsten Sekunden aufhören könnte. Ob das hier nun eine Ewigkeit oder nur noch ein paar Sekunden geht, ist total egal. Wenn man ekstatisch lebt, hat der Tod keine Bedeutung. (Die Schwärze des ganzen Universums ist nötig, um dies adäquat zu unterstreichen.) Es gibt keinen Grund, den Abgrund zu fürchten.
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Die Realität ist ein open-source-Programm. Entweder du schaltest "dich" in das Programm oder nicht. Die Gesellschaft bohrt Löcher in das organische, virtuose System deiner Potentiale oder reduziert dich immer mehr zu einem Roboter, der sich von der Energie ernährt, die die Verwesung der schwarz in seinen Zellen drückenden Lebensgier freilässt.
Hab ich mich geöffnet oder verschlossen? Wenn man sich nicht mag und versucht, von sich loszukommen, mit Worten, mit lieben Freunden, mit einer Karriere, und es nicht funktioniert, weil man zu schwer, zu sperrig, zu verklemmt ist, wenn man sich mit 29 Jahren immer noch von seinen Eltern beobachtet, abgewertet, lächerlich gemacht fühlt, wenn ein warmes, leuchtendes Zentrum im Leben fehlt, ein Fleckchen Sicherheit, Ruhe, Liebe, kann man sich tatsächlich mit Haschisch oder Gras oder Hustenstiller oder Butandiol entkrampfen, beruhigen, erwärmen. Das Königreich ist in dir! Lass deine Sehnsucht nicht in den Himmel oder ins Erdreich steigen, denn tief in dir ist dein heller, unzerstörbarer Mittelpunkt, von dem alles ausgeht." Wann hat das Zitat begonnen? Aus wessen Mund kommt es?
Es ist nicht mehr so angenehm, mich treiben zu lassen im Rausch. Das Schreiben hilft, den Rausch auf einer bestimmten Bahn zu halten, um nicht angegriffen zu werden von wirklich bösen Gedanken. Ich spüre mit jedem Wort, wie ich mich von etwas in mir ablenke, das ich hasse und das mich hasst. Und je weiter ich von mir entfernt bin, desto weniger Lust habe ich, etwas zu schreiben, etwas darzustellen, jemanden zu belügen. Ich bin glücklich, wenn ich mit dem Kater im Garten spiele, mich um die Hühner im Hof kümmere und mit Fabian, den Unberührbaren, etwas unternehme. Liebe ist eine Brücke ins Unbekannte. Ich würde ein Massaker veranstalten, wenn es mich dazu befähigen würde, einen Text zu schreiben, der meine Traurigkeit angemessen wiedergibt, aber ich bin nichtmal in der Lage, meine Eltern anzuschreien.
Meine Schlaflosigkeit, mein Cannabis-Konsum, mein Unvermögen, eine klare Funktion im Bürgertum zu übernehmen sind die drei wichtigsten Faktoren, die verhindern, dass ich abstumpfe. Vielen Menschen mag mein Lebenstil destruktiv, krank, dumm oder böse erscheinen, doch er verschafft mir einen unverfälschten, ideologiefreien, intuitiven Zugang zu meinen Gefühlen und damit zu meinem Körper. Die Härte und Kälte, die man mir anerzogen hat, verlieren im insomnischen, cannabinoiden und anarchistischen Rausch ihre Selbstverständlichkeit, ihre Allgemeingültigkeit. Wenn man über zwei Jahrzehnte mit Müh und Not an gewisse Standards, Ideale und Gefühle gewöhnt wurde und sich damit niemals mit Herz und Blut identifizieren konnte (weil immer irgendein Widerstand von Innen gewirkt hat), kann man nur daran leiden und hoffen, dass man immer mehr abstumpft, oder man kann sich mit einer plötzlichen oder allmählichen Hypersensibilität aus seiner vorbestimmten Bahn hebeln. - Die Frage, welche Alternative sich zur emotionalen Abflachung bietet, ist die wichtigste Frage, die man sich gegen Ende seiner zwanziger Jahre stellen kann.
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Rausch und Wahrheit Lyyyrics
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"Das Leben kann auch bloß ein Rummel sein, wenn du magst, mein Kindchen! Du musst nicht mitmachen, wenn du nicht willst!" Welche Eltern haben noch genug Liebe übrig, um so zu reden?
Der Staat ist menschenfeindlich, denn jemand der sich gern ausbeuten lässt, gilt als nützlicher als jemand, der gern für sich bleiben möchte. Wer allein bleiben will und den Anderen keinen Nutzen bringen will, gilt als parasitär und gefährlich, wer aber unter den unwürdigsten Bedingungen lang und hart arbeitet und sich mit einer geringen Bezahlung zufrieden gibt und sein ganzes Leben so bescheiden und friedlich wie möglich verlebt, wird als gesund und wertvoll angesehen. Die Gesellschaft hat kein Interesse am Glück des Einzelnen.
Der Genuss von THC führt unter Umständen, die näher zu untersuchen sind, dazu, dass konservative Werte ihren Reiz verlieren. Wenn der Konservative an der Macht bleiben will, muss er unbedingt dafür sorgen, dass Cannabis illegal bleibt.
Die Menschen haben sich schon immer Dinge gegönnt und Dinge verboten.
Sie haben schon immer mit ihrem Gehirn gespielt. Alle Kultur ist ein Spiel.
Wenn man sich verändern will, wenn man auf andere Gedanken, auf andere Handlungen kommen will, muss man sich neue Gewohnheiten ins Haus holen, Cannabis rauchen beispielsweise. Cannabis ist ein Nutzgegenstand wie ein Stuhl, eine Heizung, eine Nase, ein Pfirsich, eine Türklingel, ein Schaukelpferd, ein Helm, ein kleinerer Helm, ein Schaf und ein Pumpspeicherwerk. Zu manchem zu gebrauchen, zu manchem nicht zu gebrauchen.
Wer Freiheit will, muss auch die Freiheit der Nichtsnutze, der Ratten, der Perversen wollen. Alles andere ist Wortklauberei. Freiheit an sich ist immer ungerecht, immer unberechenbar, immer abenteuerlich. Mich hält keine Mauer und kein Schießbefehl auf, nach Spanien oder Irland zu fliegen, aber meine Armut.
Was ist Nüchternheit anders als der unwirtliche Boden, auf dem wachsen soll, was nicht wachsen kann! Der Staat als Institution der Nüchternheit macht jede Bewusstseinserweiterung zu einem terroristischen Akt und also behaupte ich, dass dieses Buch sich zu einer Kalaschnikow verhält wie ein Realschulabschluss zu einer lebenslangen Haftstrafe.
Schlafgestörte Menschen werden paranoid, verlieren ihre Empathie und ihre Orientierung. Die Nationalkonservativen profitieren natürlich davon. Wenn die Menschen nicht richtig schlafen, stehen sie auch nicht wirklich hinter den Werten, die unsere Zivilisation zusammenhalten. Jeder liberale Sozialstaat sollte ein Interesse daran haben, dass seine Bevölkerung gut schlafen kann. Schlaflosigkeit kennt kein Erbarmen.
Die Schlaflosigkeit hat die Depression geweckt, die mir meine Eltern in meine Knochen vererbt haben; wen werde ich anschreien und demütigen und terrorisieren? An wen lass ich meine Depression aus? Werde ich so kaltblütig sein, wie es mein Stammbaum mir befiehlt?
Je nüchterner ich bin, desto kaltblütiger bin ich; Cannabis ist die Droge gegen meine Kaltblütigkeit, der Gong gegen meine Überforderung mit der Innenstadt; ich spüre wie ich über den Schrottplatz gleite, den ich bewohne.
Gras ist verboten, weil es paranoid machen kann, sagen sie. Aber wäre es nicht verboten, würden viele Konsumenten nicht paranoid werden. Die Polizei sieht alles und weiß alles. Sobald man sich außerhalb der Gesetze bewegt, ticken die Uhren anders. Eine Entkriminalisierung der Droge würde auch große Teile ihrer Gefahren auf die Psyche verschwinden lassen.
Es bleibt überhaupt noch zu fragen, ob das, was Mediziner heute unter Gefahren verstehen, in einer anderen, besser funktionierenden Gesellschaft nicht eher Chancen, Werkzeuge oder einfach Charakterzüge sind, und ob bestimmte Symptome von Dauerkonsumenten wie Angst, Isolation, Wahnvorstellungen in einer anderen Gesellschaft gar nicht auftauchen würden. Wichtig ist klarzustellen: wer die Drogenpolitik liberalisiert, verändert die Gesellschaft. Junkies sind auf jeden Fall Subversive, Systemkritiker, vielleicht Propheten einer neuen Zeit, vielleicht nur Symptome einer untergehenden Ära.
Es gibt viele Vorurteile und Vorurteile sind zum Überwinden da. Cannabis macht nicht glücklich, bloß dem Glücklichen sein Glück bewusster, wenn die Unsicherheit darüber, ob man sich des Lebens freuen kann oder nicht, verschwinden. Natürlich kannst du dich freuen: du bist gesund und hast was zu tun und steckst in keiner Zwickmühle und hast wirklich keine Eile damit, dich auszuleben. Cannabis macht nicht faul, bloß für Gründe empfänglich, nichts zu tun. "Die Entspannung ist angebracht, weil mein Leben schön ist!", flüstert sich der fröhliche Grasraucher auf der Hängematte in den Mittagsschlaf. Wenn es wirklich noch etwas zu tun gäbe, würde das Kraut ihn nicht davon abhalten können. Mancher Irrenarzt behauptet das jedoch, offensichtlich aus Mangel an Erfahrung oder aus purer Bosheit. Bewusst angewandt hilft Cannabis, Ordnung und Struktur zu finden und Gewohnheiten zu ändern und damit sich selbst. "It takes a lot of time, to push away all the nonsense!": David Byrne hat es geschafft und ich hab es auch geschafft, aber du schaffst es nicht, wenn du immer noch an dich selbst glaubst!
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Meine Lederjacke versteckt meine Verzärtlichung, meine Biegbarkeit, meine Instabilität. Bloß nicht zu viel Gefühl blicken lassen.
Alles trifft. - Jedes Wort gräbt sich wie eine Beleidigung in mein Herz, jede Behauptung ist eine Last, jede Aussage will meine körperliche Substanz ruinieren, jeder noch so banal daherkommende Liedtext scheint mich brechen zu wollen, alles was ich sehe erinnert mich an das, was ich nicht bin, alles woran ich mich erinnere und alles was ich mir wünsche erinnert mich an das, was ich nicht bin. Meine Kopfschmerzen, meine Langeweile erinnern mich an das, was ich nicht bin. Wo stecke ich? Es ist unmöglich zu wissen, wo man steckt.
Die selben endlos grauen, leeren Tage, jeden Tag alle Unvermeidbarkeiten von oben bis unten durchlebt. Der Rausch vergrößert die Anzahl der Möglichkeiten, die man im Leben zur Verfügung hat. Deshalb muss man sich berauschen, wenn man mit wichtigen Fragen, mit existentiellen Problemen konfrontiert ist, wenn man entscheiden, wenn man arbeiten muss. Ich stecke in keinem Beruf mehr, ich erfülle keine Wünsche mehr, ich spiele nicht mehr mit eurer Phantasie. Ich schreibe nicht durch die Brille eines Studenten oder eines Künstlers, ich bin kein Gelehrter, ich bin nicht der Sohn einflussreicher Eltern, ich stehe in keinem Lexikon, ich stecke in keiner Celebrity-Parallelwelt fest, ich bin für jeden erreichbar.
Der skeptische Künstler hat die Aufgabe, die Menschen an ihre Fähigkeit zu erinnern, sich von allem zu distanzieren, sich in Verwirrung zu verlieren und sich immer in neue Richtungen zu drehen, indem er konsequent ambivalent und losgelöst im Taumel seiner Selbstzerfleischung alle Fundamente zum Schwanken bringt und wie ein giftspuckender Kobold unter allen Brücken lauert, die uns mit den Anderen verbinden sollen. Ein Knochen und Fleisch und Blut und Seele gewordenes Vielleicht in greller, kalter Nacht, ein nihilistischer Schamane der sich über das ganze Dorf, das ganze Land erhebt.
Als heiliger Nichtsnutz, dessen Verkrampftheit immer ekelhafter wird, empfinde ich jede Sekunde, in der ich empfänglich für die Erwartungen der Anderen bin, als großes Unglück. - "Drücken Sie sich mal ein bisschen missverständlicher aus! Macht ja gar keinen Spaß Ihnen zuzuhören!" - "Ich liebe dich." - "Na also... huch!" - Den nächsten Gedanken schon könnte ich für immer vergessen. Überall in meinem Gehirn wartet Einmaliges auf seine Gelegenheit, alles zu verändern.
Nur weil man sich für seine Kunst opfert, der Kunst alles unterordnet, ist man nicht gleich ein wertvoller Künstler ist. Es ist nie gut, sich für irgendwas zu opfern, die Künstler sollten das nicht vormachen. Trotzdem würde ich gern ein absolutes Recht darauf haben, erfolgreich zu sein.
Mit Ausrufezeichen der Katatonie um mich schlagend, geschmückt mit einem aus seiner Balance gerutschtem Gesicht, das gestempelt werden will, getragen von weicher Einsamkeit zum fröhlich-sprudelnden Wasserfall im Stadtpark unter einem rosa-glühenden Himmel.. Ich fühle mich wie in einem alten Element-Of-Crime-Song, den ein schlafloser Ambient-Tüftler durch den psychedelischen Wolf gekurbelt hat. Hier gibt es nichts zu reißen, hier kannst du nicht tanzen. FINGER WEG VON MEINER PARANOIA!
Der Genuss eines psychotischen Erlebnisses kann zu neuen Erkenntnissen, Haltungen und Charakterzügen führen, die dafür sorgen, dass das Leben in eine andere Bahn kommt. Während man seinem sozialen Umfeld ausgeliefert ist und kaum wirklich entscheiden kann, wer man ist, entfernt man sich mithilfe einer Psychose aus der Welt, die zu dieser Psychose geführt hat. Drogen, die Psychosen induzieren, indem sie auf unser Neurotransmittersystem wirken, sind Werkzeuge, um das Leben psychotisch zu erweitern und zu vertiefen. Die nicht substanzinduzierten Psychosen kommen, wenn man sie nicht gerufen hat; aber wenn man eine Psychose braucht, kann man sie rufen. Es waren nicht die Götter, die man durch Drogenkonsum angerufen hat, sondern man hat umgekehrt via Gott mit den Drogen kommuniziert, also mit Möglichkeiten, die Welt zu sehen und zu verstehen und mit ihr umzugehen. In der Hoffnung, dass wir uns alle zusammensetzen und gemütlich und psychotisch werden, schicke ich dieses Buch auf die Reise.
Der Unterschied zwischen Anfällen von Übersensibilität und Anfällen von Paranoia ist subjektiv. Erstere wecken das Gefühl, erweitert zu sein: ich fühle mich klüger, feiner, tiefsinniger als vorher. Der medizinische Begriff "Paranoia" funktioniert nur unter der Annahme, dass ein Mensch bestimmte, klar beschreibbare Grenzen der Wahrheit überschreiten kann, ohne die dabei erfahrene Irreationalität als solche zu begreifen und zu handhaben. Die Definition dieser Grenze ist subjektiv und bleibt es, solang die Gemeinschaft, der Staat, die Medien, die Religion, die Wissenschaft keinen Weg gefunden haben, allen Menschen das gleiche Erleben einer gleichen Grenze zwischen Realität und Irrationalität zu ermöglichen. - Leider kann man als skeptischer Mensch nur mit anderen skeptischen Menschen darüber entspannt und offen reden. Wenn ein Mensch mit Überzeugungen unter Seinesgleichen einen Gesprächspartner sucht oder an einen Skeptiker gerät, finden Beide im Anderen nur Konkurrenten oder mögliche Mitstreiter, während es dem Skeptischen nicht um ein Endziel, nicht um feste Begriffe, nicht um Regeln und Formeln geht.
Wie traurig, dass ich niemandem die Schuld geben kann, dass ich nicht böse genug bin. Es ist die Unfähigkeit, einen Schritt nach vorn zu gehen, aus Angst davor, alles zu verlieren. Nicht zu wissen, warum man nicht augenblicklich zum Monster wird, ist ein gutes Zeichen. Die Angst vor dem Zusammenbruch ist ein Notausgang-Schild, das nicht immer leuchtet. Mit meiner Einsamkeit schneide ich ein böses Grinsen in diese schöne Welt.
Es ist nicht mehr so angenehm, mich treiben zu lassen im Rausch. Das Schreiben hilft, den Rausch auf einer bestimmten Bahn zu halten, um nicht angegriffen zu werden von wirklich bösen Gedanken. Ich spüre mit jedem Wort, wie ich mich von etwas in mir ablenke, das ich hasse und das mich hasst. Und je weiter ich von mir entfernt bin, desto weniger Lust habe ich, etwas zu schreiben, etwas darzustellen, jemanden zu belügen. Ich bin glücklich, wenn ich mit dem Kater im Garten spiele, mich um die Hühner im Hof kümmere und mit Fabian, den Unberührbaren, etwas unternehme. Liebe ist eine Brücke ins Unbekannte. Ich würde ein Massaker veranstalten, wenn es mich dazu befähigen würde, einen Text zu schreiben, der meine Traurigkeit angemessen wiedergibt, aber ich bin nichtmal in der Lage, meine Eltern anzuschreien.
Hab ich mich geöffnet oder verschlossen? Wenn man sich nicht mag und versucht, von sich loszukommen, mit Worten, mit lieben Freunden, mit einer Karriere, und es nicht funktioniert, weil man zu schwer, zu sperrig, zu verklemmt ist, wenn man sich mit 29 Jahren immer noch von seinen Eltern beobachtet, abgewertet, lächerlich gemacht fühlt, wenn ein warmes, leuchtendes Zentrum im Leben fehlt, ein Fleckchen Sicherheit, Ruhe, Liebe, kann man sich tatsächlich mit Haschisch oder Gras oder Hustenstiller oder Butandiol entkrampfen, beruhigen, erwärmen. Das Königreich ist in dir! Lass deine Sehnsucht nicht in den Himmel oder ins Erdreich steigen, denn tief in dir ist dein heller, unzerstörbarer Mittelpunkt, von dem alles ausgeht." Wann hat das Zitat begonnen? Aus wessen Mund kommt es?
Ich spüre, wie mein Bedürfnis zu entscheiden, ob der berauschte oder der nüchterne Zustand als der normale, grundlegende Hauptstrom des Lebens gelten soll, von mir davonflattert und mein Herz zieht sich etwas Gemütliches an und legt sich in das herbsttrübe Wirrwarr, das wie ein sanftes Unwetter in diesen hellen Tag zieht, den ich in meinem blauen Zimmer verbringe. Ich spüre, dass ich mit Leib und Seele Schriftsteller bin, die Musik schiebt mir Wellen der Selbstgenügsamkeit rüber wie entspannende Drinks ohne Alkohol. Aufgeregtes Nirgendsein am Rand der immerwährenden Kindheit. Was hält mich fest so zu sein wie ich bin? Hier hinten ist einfach nichts mehr! Ich lache. In dieser Kammer namens Kopf ist einfach nichts mehr!! Ich lache so heftig, dass ich mich nicht wundern würde, wenn die Wände Risse bekämen. Woher kommt diese idiotische Freude? Ich hab ein gelbes Gesicht und falle wie ein riesiger, lustiger, plantschwütiger Hund mit dem Gesicht in einen Eimer gelber Götterspeise.
Drogen verändern den inneren Spielraum wie eine Weltreise oder ein gutes Buch: manchmal kann man das, was daraus folgt, für sich nutzen oder wenigstens dulden, und manchmal nicht, je nach Droge, Dosis, Nutzer und Umgebung. Ich rechne damit, dass gleich jemand ausrastet. Vielleicht finde ich eine Wohnung, wenn nicht, wohne ich bald mit Alkoholikern und Kindergärtnern und Katzennarren auf einer höllischen Baustelle - ich werde von der Dummheit getragen, dass alles gut wird, dass sich alles schon irgendwie zum Positiven wendet. Was habe ich den Eidechsen zu geben außer diese psychedelische Kapitulation? Einfach zusammensacken und weggetragen werden. Aufhören mit Handeln, das Nirvana heraufbeschwören mit einem Holzhammer. In die Ecke gedrängt, kann der Mensch nur noch aus der Haut fahren.
Wer sind wir, wenn wir in einer Welt leben würden, in der die bisherigen Begriffe nicht mehr nötig sind? Womit könnten wir unsere alltäglichen Worte ersetzen? Denn klar ist ja, dass die Worte vom Schreibtisch eines soliden Ich-Gefühls kommen. Die Gewissheit, dass man mit dem Ego einen Wirklichkeits-Stabilisator verlieren würde, weckt in mir eine dunkle Lust; diese Stadt lässt mir nichts anders übrig, als dieser Lust auf Zehenspitzen nachzugehen. Das Ego subtrahiert Möglichkeiten. Ich möchte aus dem Katapult genommen werden und die Leute, die mit mir diese dissoziierende Droge nehmen, empfangen mich freundlich, nehmen mich vom Katapult und klopfen mir das alte Selbstverständis wie Dreck vom Anzug.
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Aphorismo
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Nicht zu wissen was man schreiben soll, ist die beste Ausgangsposition. Das Schreiben dieses Satzes soll meinen Lebensstil legitimieren. Du musst loslassen, du musst nicht immer der Dichter sein, lass los, nein ich halte mich hier fest, ich versacke nicht, ich erkenne, dass ich die Klugheit meiner Mutter habe und mich an dieses Schreiben wie an eine aus einem fliegenden Helikoptor wirbelnde Strickleiter klammere und mein Herz aufgeregt höherspringt, wenn ich daran denke, dass ich nichts mehr zu schreiben habe.
"Wir müssen die Menschen in Arbeit bringen.", brüllt der Minister für Arbeit in die Nachrichtenkamers und mein Hund schaut mich an, grinst, als wüsste er, was ich denke, bellt und sagt brav: "Wer die Menschen in Arbeit steckt, bevormundet sie, nimmt sie an die Leine, drückt ihnen einen Sinn auf, den sie vielleicht gar nicht haben wollen, weil sie ihn nicht nötig haben, weil sie sich eben selbst drum kümmern oder gerne drauf verzichten können und auf keinen Fall einen Minister brauchen, der ihnen einen Lebenssinn beschafft, nicht wahr?" Ich kraule ihm seinen süßen Schädel und schau mir Werbung aus den 1980ern an, die Retro-Gabi67 freundlicherweise ins Internet hochgeladen hat.
Mit meinem rechten Zeigefinger kann ich meinen ganzen Körper zum Schwanken bringen.
"An wen könnte ich mich noch anpassen?", leuchtet eine sternenklare Melancholie aus meinem Gesicht. Indem ich mir nicht am Kopf kratze, weil ich nicht weiß, wer mir hier zuschaut, kratze ich mir in meiner Phantasie um so heftiger an den Kopf. Ich möchte die zur Pyramide aufgebauten Sektgläser meiner Gewissheiten in einen Scherbenhaufen Ungewissheit verwandeln und zu einem quadratischen Kristall verdichten.
Oft soll die Ausschüttung von Sexualhormonen bloß gegengeschlechtliche Feinde anlocken, um sie dann töten und fressen zu können. Mordlust ist lebensnotwendig, wenn man allen Glauben verloren hat. "Naja, bei dem einen so, bei dem anderen so", sag ich mit einem gelangweilten Lächeln, da das Publikum immer leiser werdend Anlauf für einen brüllenden, giftigen Wutausbruch zu nehmen scheint.
Es gibt keinen Gedankengang, den es nicht zu unterbrechen lohnt. Je unkonzentrierter man ist, desto größer die Chance, etwas zu finden, das wenigstens für ein paar Stunden Trost gibt.
Wo werde ich bald wohnen? Es geht bald zu Ende hier. Ein intensives Versacken in den bunten, weichen Moment am Rand des Bettes, am Rand des Tages, am Rand einer Ära.
Ich fahre aus verschwommener Vergangenheit in ein dunkles Morgen hinein auf einem fiktiven Jetzt-Luftkissen. Schau! Die Gegenwart ist nur eine Idee, die du niemals festhalten wirst: deshalb kannst du auch dein Ego nicht festhalten.
Die Vögel im Park haben die selbe Bedeutung wie die Leute, mit denen ich unterwegs bin.
Ich kann mich nur leiden, wenn Leute um mich herum sind, die ich leiden kann. Der Sonntagsbraten riecht nach Ausländerfeindlichkeit. Ich schnippe mit einem Streichholz gegen das Kleinbürgertum. Panikattacken sind dicke Nachbarn, die aufgeplustert im Türrahmen stehen und vorwurfsvoll glotzen, wenn du dich eigentlich nur hinlegen möchtest.
Auf der Suche nach Gedanken, die den Ausweg aus dieser cannabinoiden Euphorie für immer verstopfen. - Und auf der anderen Seite die Gelassenheit eines insomnischen Schulschwänzers, der süchtig nach guten Büchern in den grauen Himmel starrt. Jede meiner Drogenerfahrung ist gekoppelt an Gedanken über die Drogenerfahrungen berühmter Schriftsteller und Musiker. Ohne Orientierung komm ich mir dumm und leer vor.
Zwischen zwei Unendlichkeiten Nichts eingeklemmt, weiß niemand wozu das Leben gut ist. Das hier ist die Kiste, in der ich lebe, aus der ich nicht rauskomme.
Ich lunze schonmal über den Rand der Klippe, in die ich später stürzen werde, und denke mit einem naiven Seufzer untermalt: "Och nööö!" und krieche wieder zurück ins Haus. - Ich bin eine Stoffsammlung, die sich am Leben abreiben muss. Was wird aus dem reibungsbedürftigen Körper, wenn das Leben, das ihn führt, leer ist? Kann man wissen, wer man ist, wenn man sich derartig um sich selbst dreht?
Das Gefühl, irgendjemanden anflehen zu müssen und das Gefühl, sterblich zu sein, verschmelzen zu einem blauen Stern hinter meiner Stirn, der sich immer mehr aufbläht, je mehr ich an ihn denke. Wenn er platzt, bin ich aus dem Gröbsten raus.
Das Karussell meiner Vergesslichkeit will mir den Magen umdrehen, ich würde gern kotzen, stattdessen bin ich euphorisch.
Ein Überzeugter wirkt, wenn ich mit ihm rede, frei und stark und klug und gesund, während er, wenn ich mit ihm schreibe, oberflächlich, kaltherzig, engstirnig und wahnhaft wirkt. Bei einem Skeptiker ist es genau umgedreht.
Die Frage,warum ich Drogen nehme, offenbart unter Drogeneinfluss einen Abgrund, der dem Rausch erst seine Struktur gibt.
Es scheint, dass manche Drogen dich von der Illusion, dass das Leben manchmal banal sein kann, befreien wollen.
Ich hab Lust mir vorzumachen, dass die Realität nur eine Fiktion ist, die als Ruhepolster dient, damit das Gehirn die eigentliche Realität, die in den Träumen stattfindet, ertragen kann.
Wenn ich mal alt bin, werde ich mich nur vom Selbstmord abhalten können, indem ich meinen Körper nicht ernst nehme. Meine Aufgabe ist es, heute schon den Sturz abzufedern, den ich später erleiden muss.
Es stehen große Veränderungen bevor. Im Cannabis-Taumel gelange ich scheinbar zum grundlegenden Taumel meines Existierens, ein weiches, träumerisches, hypersensibles Taumeln.
Das, was der Rausch offenlegt, kann schriftlich nur komprimiert und konserviert werden, wenn das Schreiben dem Rausch auch standhalten kann. Deshalb üben, üben, üben!
Ich muss skeptisch gegenüber meinem Beruf, meinem Handwerk und meinem Arbeitsmaterial bleiben können! Mehr wünsche ich mir gar nicht, jetzt am Ende meiner Lust, auf irgendetwas anderes einzugehen als auf meine Lust, auf nichts mehr einzugehen, was mir in den Sinn kommt. Das Auslassen von Worten, das Verschweigen von Gedanken und eine plötzliche, unerklärliche, unumkehrbare Entscheidung, mich völlig loszulassen.
Ich muss nicht funktionieren, aber ich darf auch nicht. Andere dürfen eine Funktion übernehmen, ich darf nicht, denn man erkennt an meinem Gesicht, dass ich unzuverlässig bin und nur darauf warte, mich danebenzubenehmen, um die Aufmerksamkeit von bestimmten Jungs und Mädchen zu bekommen.
Wie lange kann mein Gehirn diese Realität halten? - Solange wie die Realität mein Ichgefühl unterhält. Das Ich verankert das Gehirn in eine bestimme Realität. Zerstöre das Ich - entspanne des Gehirn - erweitere die Realität.
Ich muss meine Unfähigkeit, das zu beschreiben, was ich beschreiben will, als Freiheit begreifen lernen. Ich darf mich nicht dafür hassen, dass mein Taumel in keine Poesie, keine Ideologie, kein Ziel passt. Solang ich genügend Grenzen habe, bin ich nicht völlig abwesend. - Mich loswerden wollen, um mehr von der Welt zu sehen und gleichzeitig mit dem Stift auf der Lauer zu liegen, funktioniert einfach nicht.
All meine Texte sind nur als Hintergrundmusik zu verstehen, die das Gespräch, dass der Leser während des Lesens mit sich selbst führt, angenehm beeinflussen sollen. Ich will nur abfärben, nicht überzeugen. Will man es wagen, mich in die Manege zu lassen? Ich wäre aber auch zufrieden, wenn ich nur ums Zelt schleichen und hier und da einen Raub begehen würde und vielleicht bastel ich an ein paar echten Schandtaten für euch und für mich. Können Krimi-Fans echte Verbrechen kunstvoll finden?
Bin ich schon so heruntergekommen, dass ich nur noch das als real bezeichne, was ich formulieren kann? Niemand kann mich zwingen, ein festes Ego anzunehmen wie einen Hochzeitsring! Jetzt erkenne ich, dass das hier ein utopischer Roman ist. Der Gedanken musste abgebrochen werden, da ich mit Grausen feststellte, dass Google ein paar meiner Cannabis-Texte verschluckt hat. Alles was ich während des Schreibens erlebt und gedacht und gewusst hab, ist für immer weg. Wenn man sich die Nutzerrechtsseiten von Google anschaut, wird einem übel. Wir sollen heimlich vernetzt werden und dann an Konzerne verkauft werden. Wirf den Drang zu Schreiben endgültig über Bord! Du musst dich komplett gehen lassen können.
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unpersönlich
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Alles kann man biegen.
Ein freundliches Gesicht nickt den Tag zurück in das Körbchen, aus dem er geschlürft kam.
Von Vergangenheit geblendet und von Zukunft erdrückt. Der taumelnde Innenraum.
Der Mensch ist das einzige Tier, das sich permanent beobachtet fühlt. Selbst ein Löwe im Zoo vergisst für Momente sein Ausgeliefertsein. Der Mensch spürt es jede Sekunde. Was er Selbstkontrolle nennt, ist bloß der Versuch, seine Nervosität auf einem Level zu halten, auf dem er sich nicht zum Feind seiner Mitmenschen macht. So kriecht er verbuckelt von Überreiztheit und seinem Hass auf seine Affekte durch die Ödnis, die er über fast den ganzen Erdball ausgebreitet hat..
Die schlimmste Eigenschaft des Menschen ist nicht seine Ignoranz gegenüber fremdem Unheil, sondern die Ignoranz gegenüber dem eigenen.
Das Irreale ist bedeutender als das Reale, deswegen reden so viele über das Reale und schweigen so viele über das Irreale.
Es kann nicht gut sein, so viel angestaute Kraft zurückzuhalten.
Nur die unvollständige Verwirrung bedrückt, die vollständige erfrischt, belebt und macht unter Umständen wild und unbeherrschbar fröhlich.
2
Drogen warum? Weil irgendwann die Realität aufgebraucht ist.
Ja, man belügt das Gehirn, wenn man es unter Drogen setzt, aber man belügt es auch, wenn man es einem geregelten, verantwortungsbewussten, zielgerichteten Alltag aussetzt.
Die Realität ist ein open-source-Programm.
Faulheit darf nicht bescheiden machen.
Ein Nüchterner hat nichts in den letzten Fragen zu suchen.
Das Leben wird gleich viel angenehmer, wenn man sich vorstellt, was man sich alles sparen kann.
Die Lust, nicht zu sein, gibt es nicht. Nur die Lust, nicht man selbst zu sein.
Erst wenn dir alles egal ist, siehst du die Welt so, wie sie wirklich ist.
Frei von der Unterscheidung, was normal und nicht normal ist, befindet man sich in einem permanenten Rausch.
Alle Drogen sind ein Werkzeug, um den Intensitätsgrad des Wirklichen zu regulieren.
Erst wenn jedes Problem an einem guten Platz ist, hat man das Leben im Griff.
Wer sich an alles erinnern kann, kann unmöglich sozial und optimistisch sein.
Das Irrationale braucht keinen Grund, um Angst zu machen.
Jede zurückgewiesene Möglichkeit arbeitet im Hintergrund des Geschehens an ihrer Durchsetzung.
Der Mut zum Wahnsinn wird genährt von der Überzeugung, mit dem Wahnsinn etwas besseres anfangen zu können als die anderen Irren.
Wichtig: nicht Scham verwechseln mit dem Ärger darüber, dass die Anderen nicht akzeptieren wollen, dass man sich verändern muss.
Traue keinem Depressiven, der dir übel nimmt, dass du dich nicht runterziehen lässt.
Nur der Schlaflose versteht, dass die Qualität eines Raumes allein von seinen Lichtverhältnissen abhängig ist.
Wie ein kleines Kind heulend alles zurückweisen, worin man sich bisher verstrickt hat. Nur der Tod ist ein besserer Trost.
Was nach dem Tod passiert, passiert sowohl nach dem Selbstmord wie auch nach dem unfreiwilligen Tod. Der Verweis darauf, dass es ungewiss ist, was nach dem Tod kommt, hat noch niemanden abgehalten, sterben zu wollen. Im Gegenteil.
Wer alles gesehen hat, verwandelt sich - abhängig vom Musikgeschmack - in einen apokalyptischen Engel oder einen anämischen Dämon. Sie entscheiden aktiv oder passiv über die Struktur des andrängenden Zusammenbruchs der Zivilisationen.
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cannabis unpersönlich
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Unter Cannabis ist man so wie man wäre, würde man seine Selbstgespräche und Gedichte und Bekenntnisse wirklich ernst nehmen.
Unter Cannabis nimmt man die Worte ernster - zum Nachteil der Worte.
Die Sensibilisierung unter Cannabis macht das Gehirn vielleicht verwundbarer - was aber kein Einwand gegen Cannabis, sondern gegen das Gehirn wäre.
Wenn man ein echtes Problem hat, sollte man Cannabis rauchen und herauszufinden, ob das Problem behoben werden sollte oder nicht.
Nur hohle Leute haben auf Cannabis Panik-Attacken. Sie haben nichts im Kopf, was sie der Phantasie und Empfindlichkeit, die durch den Rausch verstärkt wird, entgegenhalten können, um zu verhindern, dass der ganze Laden umkippt. Sie kommunizieren nicht gut mit sich selbst. Sie machen keine suggestiven Selbstgespräche, sie sind Sklaven ihrer Gewohnheiten und wissen nichts anders zu machen als ihre Energie zu verschwenden. Sie wissen nicht, dass man unter THC in Situationen gelangt, in denen es gefährlich ist, ein mehr oder weniger rationales Gewohnheitstier zu sein.
Dumme Kiffer können sich, wenn sie berauscht sind, über ihre Dummheit nicht mehr hinwegtäuschen und es gibt nichts, was sie dagegen tun können, und wenn sie Glück haben zwingt sie jemand, mit dem Kiffen aufzuhören und ihr Leben auf die Reihe zu kriegen.
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Musik und Kunst
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Der Sprung von „Rock around the clock“ zu „Lucy in the sky with diamonds“ ist bedeutend kleiner als der Sprung von „Like A Rolling Stone“ zu „Dazed and Confused“. Heute sagt Robert Plant, Rockmusik ist nur noch ein lasches Plagiat ohne gegenkulturellen Anspruch und ich denke mir: das hätte er auch nach dem Ende von Nirvana schon sagen können.
.Wer sich bei „Help the lonely child“ von Sevage Rose nicht vorstellen kann, eine dicke, schwarze, herzlich-traurige Frau zu sein, der hat absolut kein Recht, über Rassismus zu reden. Ich schwenke meinen dicken, schwarzen Arsch und trällere meine echte Traurigkeit in die Nacht und gleich muss ich heulen... Help the lonely child... help the lonely child...
"Alles nur eine Frage der läppischen Geduld.", hat jemand in unser Treppenhaus geschrieben. Ich schreibe darunter: "Brian Eno hat ein neues Album veröffentlicht."
Wirre, experimentierfreudige, undefinierbare Musik mit Leib und Seele verinnerlichen heißt, hinzunehmen, dass die Welt chaotisch ist und das Chaos die stabilste aller Harmonien ist, heißt unempfänglich zu werden für Ideale, heißt toleranter und freier zu werden, heißt über mehr Möglichkeiten zu verfügen.
"Kunst hat die Aufgabe, den Menschen an seine Möglichkeiten zu erinnern.", steht an der steinernen Eingangstür meiner Träume.
Ich genieße es, bei lauter Musik zu denken. Nur giftige Wahrheiten können sich gegen laute Musik behaupten. Philosophie und Literatur und Religion und Drogen sind nur Ersatz für laute Musik. Mit Worte kann man vielleicht überreden, aber überwältigen kann nur das Unaussprechliche der Musik.
Kaputte Musik will die Alltagssprache des Zuhörers zersetzen. - Wer sich zu stottern schämt, wer nicht in Interjektionen und Imperativen vom Frühling reden will, sollte keinen experimentellen Jazz und keine serielle Musik hören wollen.
Jedes Lied klingt so, als würde es den Moment untermalen, bevor ich von der Polizei angegriffen werde. Ich versuche mein Diktiergerät zu erwischen, bevor alles aus ist. Ich weiß, dass mir nichts passieren kann. Das hier ist kein Traum. Fühl ich mich grad, als würde sich jemand anschleichen? Würde ich mich erschrecken, wenn ich jetzt von irgendwem überwältigt werden würde? Bodenlose Aufregung.
Wahrheit ist wie Musik bloß ein Werkzeug, um bestimmte Früchte zu ernten, bestimmte Wege freizumachen und bestimmte Ärgernisse aus dem Herzen zu waschen.
Die Frage die sich jeder Künstler stellen muss: „Welchem Klientel willst du etwas vormachen?“
Als Musiker sollte man sich die Frage stellen, welche Wirkung die Musik, die man machen will, im Supermarkt hätte. Willst du den Leuten ein entspanntes Einkaufen geben? Willst du sie trösten? Willst du sie abhalten, bestimmte Dinge zu kaufen? Die Musik im Supermarkt verrät viel darüber, wie die Geschäftsführung die Kunden sieht.
Kunst hat die Aufgabe, die Einsamkeit der Menschen zu polstern, das Grauen der Sinnlosigkeit in eine Wonne der Sinnlosigkeit umzuwandeln mit so viel Liebe und Bosheit wie nötig.
Kunst wird erst richtig erfahren, wer keine Funktion mehr in der Welt hat. Wenn man von der Großen Maschine ausgespuckt wird, kann die Kunst den Seelenfrieden ersetzen und den ganzen Rest auch.
Der Künstler zeigt nie, was er ist, sondern was er sein will, also was er sucht. Wenn er sich gefunden hat, wird er eine Ware.
Man kann sich wirklich nur mit Leuten identifizieren, die auf der selben Stufe sind wie man selbst oder dort sind, wo man hin will. Deshalb macht es für die meisten Menschen keinen Sinn, Leuten wie Mick Jagger oder Tom Yorke zuzuhören.
Man kann sich etwas Hässliches nicht schön saufen, man kann sich nur hinter sämtliche ästhetische Kategorien saufen und alles annehmen was da ist und JA zum Hässlichen sagen. Nüchtern sein heißt: empfänglich sein für Illusionen, auf die das Ego angewiesen ist.
Psychedelische Kunst hat in einem Land, in dem psychedelische Drogen legalisiert sind, lediglich die Aufgabe, Menschen an psychedelische Zustände zu erinnern. Psychedelische Kunst würde nicht mehr sein als eine Werbung für einen Alltagsgegenstand, wie z.B. einem Fensterputzmittel. Wenn man psychedelische Drogen konsumiert, will man sich und die ganze Welt anders wgera ed dd wdDEder und psssyychcheDKunst "is da nur im Weg,#+""""/"" pPsychedelische Kunst ist auch für nüchterne Menschen nur ein Urlaubstipp, eine psychedelische Erfahrung kann sie nicht ersetzen.
Je tiefer die Narben sind, die unsere Paranoide Revolution unserem Heimatland zufügt, desto stabiler, weil unbestechlicher und enttäuschungsfester kann Europa werden.
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duu
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Dass es in deinem Leben nichts zu tun gibt, ist das Fundament deiner Freiheit. - Nutze es, um Leute zu finden, die es dir erträglich machen, ein Versager zu sein, Leute mit denen es Spaß macht, mit Pauken und Trompeten gegen die graue Mauer der Verhältnisse zu krachen. Wer unabhängig ist, hat nur eine Chance, wenn er unabhängig bleibt.
Das grundlegende Gefühl, entfremdet zu sein, kann man sich nur abgewöhnen, wenn man Drogen nimmt, die die Gehirnsubstanz schädigen: willst du das?
Den Beweis, dass du nicht verstanden hast, was es bedeutet, dass dieses Leben das Einzige ist, was dir zur Verfügung steht, erbringst du in jedem Moment, in dem du die Fassung behältst.
Deine Einsamkeit panzert deine Gefühle in ihrem Widerstand gegen die Welt.
Versuche dich durch was auch immer zu deinen schönsten Hoffnungen und schönsten Verzweiflungen zu ermutigen.
Bekifft sein heißt, eine Negativversion eines Schlafwandlers zu sein: du wachschlummerst. Du bist ein Träumender in einer Wachwelt, während du im gewöhnlichen Traum ein Träumender in einer Traumwelt bist.
Beschwöre so verkrampft und ausdauernd wie möglich deine Unsicherheit, die abartige Leere jenseits der Worte, dein teilnahmsloses Gesicht und das Loch, das deine kalte Sucht nach Begriffen in deine Seele gefressen hat - da es mit nichts mehr zu stopfen ist, bist zu für immer zum Taumel verdammt.
Man muss schwelgerisch urteilen, nicht rational. Mit den Werkzeugen, die dir die bürgerliche Gesellschaft gegeben hat, kannst du dir nur ein bürgerliches Leben zimmern. Wenn du zu wenig Geld und genug Anstand hast, wirst du dich nach anderen Werkzeugen umsehen. Warum nicht solang wachbleiben, bis es dir falsch erscheint, irgendein Werkzeug zu benutzen.
Echte Euphorie führt zu Gleichgültigkeit dem Tod gegenüber. Es ist nicht schlimm, dass dieses tolle, unsichere, Spaß und Ärger bereitende Leben in den nächsten Sekunden aufhören könnte. Ob das hier nun eine Ewigkeit oder nur noch ein paar Sekunden geht, ist total egal. Wenn man ekstatisch lebt, hat der Tod keine Bedeutung. (Die Schwärze des ganzen Universums ist nötig, um dies adäquat zu unterstreichen.) Es gibt keinen Grund, den Abgrund zu fürchten.
Das Recht auf Dissoziation
Ichsubjekt Aphorismen
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Mein Ich ist nur ein Programm, das dieser Organismus, in dem es steckt, entwickelt hat, um auf einer bestimmten Bahn zu bleiben.
Leugne ich die bestimmte Bahn, verändert sich das Programm.
Zwingt mich ein Gesetz, ich selbst zu bleiben? Niemand kann mich zwingen, ich selbst zu bleiben.
Ich kündige hiermit den Vertrag mit meinem Ich-Gefühl.
Alles was wir unterdrücken, arbeitet in uns weiter, nimmt Anlauf, bleibt trotzdem noch aus, wartend, Kraft sparend, den richtigen Moment abwartend.
Mein Ich ist umzingelt von unendlich vielen alternativen Ichs, die alle das gleiche Recht haben wie du. "Du sitzt hier nur, weil wir dich lassen... Warum? Weil du eh bald von selbst gehst." Ich hatte gerade die intensive Vorstellung, dass mich eine alte, böse Frau mit furchtbar tiefen Falten vorwurfsvoll anschaut. Mein Schuldgefühl setzt meine Körpertemperatur auf die eines Herbst-Frosches herab. Ich starre meine Unfähigkeit, den Satz besser zu formulieren, in die Luft und beschließe, darüber einen Satz zu schreiben. Ich belächel meine Fähigkeit, alles in einem Satz ausdrücken zu wollen.
Man muss den Selbsthass pflegen, um sich niemals von einem Charakter beugen zu lassen.
Charakterzüge entgleißen, wenn man niemanden mehr imitiert.
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Lächelnd stolpern
Belletristisches Kompostangebot
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Ich fühle mich wie dicker Mann, der auf einem weichen Feld läuft. Der Park kommt mir wie ein riesiges Wohnzimmer vor,der Rasen ist der Teppich, die Bäume sind die Möbel, der dunkelblaue Himmel die Zimmerdecke, alles wirkt so, als wenn man sich hinlegen soll. Flimmerndes Graublau lässt den präfrontalen Kortex zittern und glühen, die Euphorie die dabei entsteht zwingt mich dazu, etwas zu trinken. Ist das die Polizei dort vorn? Gehen wir grad wo hoch oder wo runter? Wir werden belauscht von den Leuten, die auf einem der Balkons da oben eben mit eeden aufgehört haben. Ich rufe laut: „Herr Lehrer, krieg ich ne 1, wenn ich meinen Wortschatz kaputt mache?“ und Jakob antwortet: „Ja klar, sowas sollte belohnt werden.“ und ich sag: „Dankiiii. Tadatadata-dadankus mankus.“
"Wichtig ist nicht, was man sagt, sondern was man nicht sagt.", behauptest du müde auf meinem Schoß fallend, die blaue Dämmerung liegt uns in den Knochen, von Ereignislosigkeit geschlagen klammern wir uns an den goldenen Plüsch unserer Selbstgespräche, die wir manchmal, so wie jetzt wie zwei sich drehende Zahnräder zusammenbringen, ich flüstere: "Aber alles was man nicht sagt, wird beeinflusst von dem was man sagt, und das was du sagst, lässt auf das schließen, was du nicht sagst. Aus dem, was du gesagt hast, spinnt man sich Dinge zurecht, die du vielleicht sagen würdest, aber nie gesagt hast. Je mehr man sagt, desto weniger wird man von Anderen zu einem runden, vollständigen Charakter fingiert." und du bist eingeschlafen.
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Vorwort
Vorwort zur Erstausgabe
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Dieses Buch ist Zwischenprodukt eines Prozesses, der ohne Ziel und ohne Wahrheit abläuft. Schicht für Schicht wächst der Komposthaufen, immer fester die Substanz, immer dichter die Sprache.
Das Goldene Licht hinter meiner Stirn.
Früher meine unförmige Stimme. Mein unförmige Familie. Mein unförmiger Sozialismus. Mein unförmiger Glaube. Meine unförmige Liebe. - Heute mein tiefstes Geschrei. Meine geliebten Freunde. Meine gemütliche Skepsis. Mein kindischer Wunsch berühmt zu sein für meine Freundlichkeit. Deine Lippen.
Für dieses Buch musste ich meine Tage sehr diszipliniert strukturieren, um zu verhindern, dass ich ein weiteres Jahr an Schreibwut, Paranoia und Überdruss verliere:
ich stehe täglich gegen 8 Uhr auf, trinke einen starken Mate-Ingwer-Tee, frisch aufgebrüht; auf meinem Sofa liegend öffne ich das Schreibprogramm meines Notebooks und falle in die Unübersichtlichkeit der Texte, die ich seit Jahren mit mir herumschleppe. Noch nie habe ich einen Text fertigstellen können: alles ist Fragment. Überfordert von den unendlichen Kombinationsmöglichkeiten meiner Sätze fühle ich mich genötigt, gewalttätig zu sein gegen die wilde Schwammigkeit und Uferlosigkeit meiner Texte.
Alles ist recht, was meine Disziplin und Konzentration fördert.
Ich habe alles, was ich in den letzten Jahren geschrieben habe, thematisch organisiert. Ursprünglich wollte ich streng chronologisch vorgehen und die zerstörerischen Kräfte der Schlaflosigkeit exemplarisch dokumentieren und die heilsamen Prozesse psychedelischer Krisen darstellen und beides zusammenschnüren und daraus eine politische Theorie des freundlichen Sozialismus ableiten. Die Arbeit daran empfand ich aber als zu dogmatisch, zu konstruiert, zu eindeutig. Ein aphoristischer, assoziativer, essayistischer Stil kommt meinem Freiheitsideal (und meinen Fähigkeiten) viel näher als ein streng wissenschaftlicher oder belletristischer.
Trotzdem: mein Wunsch, gelesen zu werden, ist größer als mein Bedürfnis, authentisch zu sein: nur deshalb ist es mir möglich, mich mit diesem Buch so weit aus dem Fenster zu lehnen, denn wäre ich dem Authentischen verpflichtet, müsste ich auf Worte verzichten und mich in Musik auflösen.
Es ist ein großes Glück, dass ich Freunde gefunden habe, mit denen ich Musik machen kann. "Die blühenden Landschaften" verstehen sich als offenes Netzwerk, als experimenteller Wanderzirkus, als monolithisches Kloster. Die Tiefe, die wir unter gewissen Bedingungen erreichen, ist das Zentrum meines künstlerischen Lebens; meine Worte sind nur grobe, ungerechte Werkzeuge, um diese Tiefe in Begriffe zu packen und damit Bibliotheken umzukippen.
Erfurt, 14. Februar 2019.
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Morgenstimmung veralbert
Erster Teil
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"Die höchste Stufe des Sehens, der Beziehung ganz allgemein zu einem Objekt und zur Aussenwelt überhaupt, ist dann erreicht, wenn die Grenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachter und Betrachtetem, zwischen mir und der Aussenwelt bewusstseinsmäßig aufgehoben ist, wenn ich mit der Welt und ihrem geistigen Urgrund eins geworden bin. Das ist der Zustand der Liebe. Die höchste Stufe des Sehens ist Liebe. Umgekehrt kann Liebe definiert werden als die höchste Stufe des Sehens." - Albert Hofmann in "Lob des Schauens".
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Mein Sozialismus
Die schöne Stadt
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Die Städte wachsen und drohen, zu zerfallen in Schickeria und Slums, fest verschnürt vom Autoverkehr und hämisch dekoriert mit lieblosen Stiefmutterbeeten und Parks. Die Menschen laufen aneinander vorbei, sie verdächtigen sich alle, böse Absichten zu haben.
Urbanes Leben muss schöner werden, damit die Menschen nicht abstumpfen. Je unsensibler, depressiver, aggressiver der Einzelne, desto weniger Reiz haben für ihn die Ideen der Zivilisation, der Humanität und der Demokratie. Wer Jahrzehnte in der Großen Maschine gemahlen wurde, wird schlimmstenfalls nicht mehr die für die offene Gesellschaft nötige Empfindlichkeit aufbringen können und sich verbeißen in marktradikalen Dogmen oder sich in völkische Ideale verirren.
Das Alte muss weg.
So wie die garstigen Omas und kalten Opas bald sterben werden, werden ihre Enkel die Macht übernehmen.
Schon jetzt werden wir ihnen verbieten, mit unserer Zukunft zu spielen.
Politische Entscheidungen müssen überwiegend von denen getroffen werden, die am längsten mit den Konsequenzen zu leben haben.
Die mächtigen Alten wollen sich die Welt so gestalten, dass sie entspannt ergrauen und erlöschen und erblinden und erlahmen und versterben können. Es gibt natürlich viele Alte, die sich mit den Jungen solidarisch fühlen, liebende Großväter, gebildete Großmütter, die sich in Umweltbewegungen engagieren oder einen guten Draht zu einem Gott haben.
Die arrogante Macht der kalten Alten wiegt jedenfalls schwerer als der Übermut der Jungen und ihrer Freunde und Helfer.
Ich kann erstmal nicht viel mehr tun, als die Jungen daran zu erinnern, dass man Strukturen verändern kann. Ob mit den Alten oder gegen sie.
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Erfurt muss aus den Köpfen raus. Alles muss neu gemacht werden.
Es braucht den Ortsnamen nicht mehr, wenn alles neu ist.
Es wird eine Zeit geben, in der dieser Raum keinen Namen haben wird. In dieser Zeit werden die Städte Eisenach, Erfurt, Weimar, Jena, Nordhausen und Gera miteinander verbunden und in Weimar unbenannt. Der Rest Thüringens wird in Weimar umbenannt. Der Wald Ringsherum wird massiv aufgeforstet, die Massentierhaltung abgeschafft, Windräder und Solarfelder aufgebaut und eine sanktionsfreie Mindestsicherung von 500 Euro eingeführt, die allen Bewohnern der Stadt / des Landkreises zustehen.
In den Städten gibt es keinen individuellen Autoverkehr. Es gibt E-Busse, E-Bikes, Seilbahnen, Boote, autonome Taxis. Die Stadt vergibt Gutscheine für ein E-Bike pro Wohngemeinschaft und ein E-Lastenbike pro Hausgemeinschaft.
Die Straßen sind Parkanlagen geworden.
Die Stadt ist ein öffentliches Wohnzimmer und ein öffentlicher Garten geworden.
Jeder Bürger hat das Anrecht auf einen sicheren, trockenen, warmen Wohnraum für sich allein.
Die Stadt hat neue Häuser gebaut und alte Häuser vergesellschaftet, sodass für jeden Bürger zwischen 10 und 15 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung stehen, inklusive Bad und Kochmöglichkeit, freies WLAN und großen Hinterhof voller Bäume, Tische und Bänke, Vogelgesang, Gespräche, Abendbrot.
Die Innenstadt ist ein Raum der Kultur, der Zivilgesellschaft, der Bildung und Wissenschaft und Politik und bestimmter Geschäfte.
Alle Waren werden auf Marktplätzen oder in Verkäufsräumen der öffentlichen Hand vertrieben.
Es gibt in ganz Weimar nur sechs riesige Einkaufszentren, im Zentrum der Gebiete, die früher Eisenach, Erfurt, Weimar, Jena, Nordhausen und Gera waren.
Auf einen paar Etagen gibt es alle Waren, die früher in der gesamten Stadt angeboten wurden.
Regionale, biologische, nachhaltige Lebensmittel werden subventioniert und sind günstiger und verbreiteter als andere.
Lebensmittel, die nur zwei Tage haltbar sind, werden in speziellen Supermärkten angeboten. Hier darf jeder, der nachweislich länger als eine Woche in Weimar lebt, täglich Waren im Gesamtwert von zehn Euro mitnehmen, ohne sie zu bezahlen.
Es gibt große, helle Orte, wo man gemütlich herumsitzen kann, es gibt von öffentlicher Hand gekochten Kaffee und von öffentlicher Hand gebackenen Kuchen. Spar dir deine symbolischen Geldstücke. Du musst in deiner eigenen Stadt doch nichts bezahlen für Kaffee und Kuchen und der Gelegenheit, Leute kennenzulernen und herumzusitzen.
Und du musst auch nichts bezahlen, wenn du ins Museum oder ins Theater willst oder mit der Bahn fahren musst oder einfach nur einen Raum zum Schlafen oder Lesen brauchst.
Die Stadt hat große Häuser gebaut, in denen man kurz duschen kann oder Wäsche waschen kann.
Es gibt Räume in der Innenstadt, dort kann man mit immer den gleichen Leuten über die immer gleichen Themen reden. In einer Straße gibt es eine ehemalige Ladenfläche, dort ist der Menstruationsstammtisch. Hier haben nur Menschen Zutritt, die menstruieren. Es gibt einen offenen Stammtisch für Solartechnik. An einem Ort kann man sich massieren lassen. Es gibt Häuser, die einzig Schließfächer beinhalten: dort kann man alles, was man so besitzt, sicher verwahren.
Es gibt Räume, in denen immer wissenschaftliche Vorträge gehalten werden oder bestimmte Musik live gespielt wird. In einem Raum werden rund um die Uhr Schwarzweißfilme gezeigt. In einem Raum kann man immer Tischtennis spielen.
Der öffentliche Nahverkehr ist für Einwohner kostenlos, Besucher von außerhalb bezahlen 1 Euro für die Tageskarte und 10 Euro für die Monatskarte. Durch Verstaatlichung und Einsparung im Personalbereich können die Kosten gesenkt werden.
Die vielen kleinen Gemeinden Ringsherum werden idyllische Dörfer: hier werden unter streng ökologischen Maßgaben die Nahrungsmittel produziert und in die Großstadt geliefert mit elektrischen Bahnen. Dort werden sie auf den Märkten steuerfrei verkauft.
Das ganze Bundesland ist autofrei und bezieht seinen Strom aus erneuerbaren Energien.
Es gibt immerzu öffentliche Debatten.
Demokratie ist ein Festival.
Jeder Tag des Jahres steht unter einem anderen Leitwort.
Es gibt zu Beginn jedes Monats große Feste, die die Menschen aus dem individuellen Alltag holen, um sie im kollektiven Rausch zu solidarisieren. Man verkleidet sich oder geht auf Konzerte oder ins Theater oder nimmt psychedelische Drogen oder schläft mit Freunden im Wald.
Die Menschen sind freundlicher und sozialer. Sie sind entspannt und vielseitig interessiert. Sie langweilen sich nicht mehr. Sie sind nicht mehr frustriert.
Überall passiert etwas Anderes.
Wenn man will, findet man die richtigen Leute.
Es gibt eine Weimar-App. Sie strukturiert alle Angebote und Nachfragen. Jeder kann sich registrieren und angeben, was er gerade braucht, worüber er gerade reden will, was er gerade transportiert haben will oder welches Musikinstrument er in einer Band spielen will. Jenny gibt ein, dass sie seit drei Jahren Klarinette spielt und gern Bluesmusik mit Trompete und Bass machen will. Sandra sucht eine lesbische Friseuse, die sich für Raumfahrt interessiert und ihr die Haare schwarz färben und die Spitzen etwas schneiden kann.
Es gibt Proberäume, Fahrradwerkstätten, Freiflächen für Hunde, riesige, dichte Wälder, unteridische Verkehrstunnel.
Man kann überall herumsitzen, man kann sich hier und da steuerfrei etwas hinzuverdienen, man kann etwas studieren oder eine Ausbildung machen oder sich politisch dafür einsetzen, dass andere Bundesländer sich zu riesigen Städten zusammenschließen.
Eine Stadt ist umso schöner, je mehr Spaß es macht, in ihr arbeitslos zu sein.
Bald besteht Deutschland nur noch aus 15 großen Städten: Weimar, Leipzig, Berlin, Magdeburg, Rostock, Hamburg, Kiel, Bremen, Hannover, Frankfurt, München, Nürnberg, Freiburg, Saarbrücken und der Pott.
Europa könnte die Gesamtheit aller kontinentalen Riesenstädte sein, kommunal verwaltet, transparent, rechtsstaatlich und gemütlich für alle.
Die Welt könnte eine Riesenstadt sein, mit einem überall gleich hohen Lebensstandart. Die Natur erholt sich, die Menschheit lernt sich zum ersten Mal persönlich kennen und St. Pauli wird Weltmeister.
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Das Auto
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Europa
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Menschenrechte
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Wohlfahrtstaat
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Mein Sozialismus
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Mein
Meine Sexualität
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Mein Glauben
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Das Heil
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FLORIAN SILBERFISCH
SINGT WILD HERUM
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Ich habe das Vergnügen, auf der April-Kirmes in Witterda als Florian SIlberfisch meine Karaoke-Show abzuliefern. Es wird eine ganz wilde Sache, ich habe ganz außerordentliche Visionen. Die Engel, die mir erschienen sind, werden mir den Weg weisen. Ich werde meinen ganzen Schreibzirkus in verschiedene Charaktere verwandeln, Florian ist der Schlagerbarde der Landschaften. Er ist der unsympathische Freak, der ein krankes Augenlid hat und dessen großes Vorbild Dieter Thomas Heck ist.
INTRO /// Ich versteh nicht, warum mich immer noch Leute besuchen; meine Arroganz scheint mir überall raus, ich stinke und glaube nicht an Freundschaft, wir haben nichts voneinander, ich und die Anderen, aber bringen es fertig, ein paar Stunden auf meinem Balkon zu sitzen und die rauschenden Bäume und den hellgrauen Himmel und die schwarzen Vögel zu betrachten und etwa alle fünf bis zehn Minuten sagt einer irgendeine Banalität oder einen sinnlosen Halbsatz. Wir schauen uns kaum an. Ich glaube, es kommt bald wieder jemand vorbei. Sebastian wollte mir ein altes Klavier vorbeibringen, das er auf dem Dachboden seiner Mutter gefunden hat. Ich mag es, mich in falsche Akkorde hineinzusteigern, in dissonanter Trance Halt zu suchen, denn an guten Tagen finde ich ihn.
Die Sehnsucht, mir in meiner Wohnung ein Loch auszuheben und darin einen Hund abzuschlachten, frisst wie ein süßer Tumor an meiner Depression und verwandelt allmählich mein staatlich allimentiertes Leben in ein freches Grinsen, das selbst den eifersüchtigsten, bösartigsten Gott hinreißen kann. Ich breite meine Arme aus und verfluche die Abwesenheit von Menschen, denen ich hysterisch an die Kehle springen würde wie ein Affe.
Ein Mensch der keine Bedeutung hat, bewirkt genau so wenig wie ein Mensch, der sich nicht äußert, wie ein Mensch, der gar nicht vorhanden ist. Man muss wirken, um Lust am Leben zu haben. Dem Einen reicht ein Kind, das er von sich abhängig machen und erziehen kann, der Andere möchte einen ganzen Staat unter seine Kontrolle bringen. Mir reicht es, vor den Augen aller Menschen dieser trostlosen Stadt meine öden Schlager abzufeiern mit purer Gänsehaut-Power und überteuertem Bier. ///
FLORIAN SILBERFISCH SINGT WILD HERUM
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So viel Scheiße wäre uns erspart geblieben,
Wenn du dich nicht durch deine Depression gekämpft hättest,
Du hattest nichts zu geben und hast trotzdem trotzdem
Weitergemacht
Alles was ich sagen kann
Hat nichts mit dem Stumpfsinn zu tun
Den ich nicht ausdrücken kann
Nur Schreibblockaden schützen vor Lächerlichkeit
Ich bin mit diesem Lied verbunden
Wie meine Stimme mit meinem Körper
Ich sitze unbequem und kann daran nichts ändern,
die Musik ist öde, aber ich kann sie nicht ändern,
mir ist schwindlig, mir ist fast wie kotzen zumute,
die Luft hier ist schlecht, das Licht nervt mich,
flackert es oder zuckt mein Augenlid?
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Mein Gehirn macht Gefühle, Gedanken, Worte, Wahrheiten,
die nirgends kleben bleiben wollen.
Sie bilden eine traurige Pfütze.
Alles muss durch den Häcksler!
Erst wenn alles keinen Sinn mehr ergibt und
alle Grenzen des Geschmacks zerstört sind,
kann die Zivilisation aufatmen
und alles neu verhandeln.
Alle natürlichen Regungen werden unterdrückt
von einem Panzer der Gewohnheit.
Man erlaubt nur denen, die ihn nicht sprengen können,
ihn zu sprengen.
Alles, was ich singe, entspringt
der Unfähigkeit, bestimmte Prominente zu erschießen,
sowie meiner Angst, bloß ein Hochstapler zu sein,
der nichtmal John Lennon hätte ermorden können.
Es gibt Lieder, die will man umarmen,
es gibt Lieder von denen will man umarmt werden.
Solche Lieder werde ich bald erfinden.
Alles muss durch den Häcksler!
Erst wenn alles keinen Sinn mehr ergibt und
alle Grenzen des Geschmacks zerstört sind,
kann die Zivilisation aufatmen
und alles neu verhandeln.
Die Idee der Gerechtigkeit hält das Tier an der Leine,
Bis die Idee selbst zum Tier wird.
Ich glaube, ein Mord würde mich genau so verderben
wie die Unterdrückung der Lust einen zu begehen.
Wer bezahlt mich denn dafür,
aufrichtig zu sein?
Wer klopft mir auf die Schulter,
wenn ich authentisch bin?
Es kommt mir so falsch vor, etwas Bestimmtes zu tun;
ein Gefühl ist wie ein Urteil, das ich respektiere, weil der Richter schöne Augen hat.
Es kommt mir so falsch vor, Kaffee zu trinken. Jede Droge belügt den Körper.
Ich stampfe wie ein dummes Kind um meinen zukünftigen Tod herum,
ich wundere mich, wer dieses Loch gegraben hat,
in das ich fallen werde, wenn mein Herz nicht mehr schlagen kann.
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Mich töten oder jemand anderes, das ist nur
eine Frage der Koffeinkonzentration im Gehirn.
Ich möchte meinen Kopf solang schütteln, bis ich
meine Wohnung nicht mehr wiedererkenne,
bis Rauch aus meiner Wohnung tritt und ein
Gespräch mit der grauen, bitteren Kälte der Straße anfängt.
Jeder möchte sich irgendwie einbringen in dieses Leben.
Die Ausdehnung des Himmelgrau ist messbar,
die der Fassungslosigkeit nicht.
Ich habe tiefe, dunkle Wurzeln in meiner Wohnung geschlagen
Ich bin mehr als diese Wohnung, diese Sackgasse, diese Stadt!
Und ich werde noch mehr als der Sturz, mehr als die Geschlagenheit,
mehr als der Verlust gewesen sein!
Schwarzer Kaffee macht schwarze Gedanken.
Das Rauschen des Laptops bohrt mir ein Loch in die Stirn,
Soldaten hissen auf einem Leichenberg eine Flagge,
hunderte Menschen aus Afrika im Mittelmeer ertrunken,
weil sie sich bei uns ein schönes Leben machen wollten.
Ich will mir irgendetwas abpflücken von der Zimmerdecke,
aber da ist nicht mehr als eine Glühbirne
Indem ich nicht das Haus verlasse und mich jeder Beschäftigung verweige,
wirke ich dem Alterungsprozess meines Körpers entgegen.
Über wieviel Atemzüge verfüge ich noch?
Wie kann ich mich bloß getraut haben, dieses Lied zu singen?
Wie kann ich alles, was ich von mir weiß, so furchtbar ignoriert und mich
so furchtbar weit aus dem Fenster gelehnt haben?
Aus Mangel an Zuversicht und Disziplin
kann ich nur die Substanz verlieren.
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Ich hab immer Lust jemanden zu umarmen, wenn ich an dich denke.
Mein Sexappeal begreifst du erst, wenn du meine Texte verstehst.
Ich habe etwas mitzuteilen, aber muss notwendigerweise
Mittel benutzen, die gegen meinen Geschmack sind.
Ich werde nie wieder Musik hören. Ich werde mich niemals trauen,
meine Schwester da zu berühren, wo sie nicht berührt werden will.
Ich stell mir vor, wie mir jemand den Schädel einhaut.
Ich werde niemals die Klinken all meiner Hintertüren putzen können.
Ich schaffe es immer wieder, mit all den Strophen, die ich nicht schreibe,
die Musikgeschichte aus den Angeln zu heben.
Langsam verschwindet der Druck, mich auszudrücken
Die Erleichterung, die ihm folgt, ist das Höchstmaß an Aufrichtigkeit,
das ich jemals werde leisten können.
Was tun, wenn nichts mehr zu sagen und erst recht nichts mehr zu tun
aber schlafen unmöglich ist?
Versteck dich vor der Welt, reagiere auf nichts mehr,
glotze den grauen Morgenhimmel an,
um dich einer namenlosen Angst anzunähern,
die das endgültige Verschwinden deiner Kreativität,
deiner Nützlichkeit ankündigen will.
Aus Mangel an Zuversicht und Disziplin
konnte ich nur die Substanz verlieren.
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MUTTERSCHÖN DANKESCHÖN
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FLORAN SILBERFISCH
mutterschön dankeschön
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VON ALLEN SEITEN
die Schule lehrt Demut,
die Arbeit lehrt Schmerz,
die Eltern lehren Schuld,
sie kommen
von allen Seiten
Solidarität ist ein Kaktus
Solidarität ist ein Lappen
Solidarität ist Genickbruch
sie kommen
von allen Seiten
In einer Stadt in der nichts passiert,
ist alles möglich, weil alles nötig ist,
das Publikum ist nicht wählerisch,
hier nehmen sie, was wie kriegen können
-----2---
NOISE
Wir brauchen keine Aufpasser
Ich bin der wichtigste Mensch hier
ein Sonderangebot
Wir sind Stachelschweine
wir sind Voyeure
Etwas ging fürchterlich schief
willst du wieder strahlen?
wie eine Sonne im Grab
lass dich berühren
ich will dich verderben
Ich weiß du brauchst mich
warum hast du Angst?
Du musst mir nichts versprechen
dein Gehirnfleisch strahlt genug
Meine Liebe ist stärker
als deine Liebe
vertrau mir nicht
--3----
GURU
Ich verachte die Menschen dafür,
dass sie genau so wenig Lust zu sterben haben wie ich.
Ich teile mein Bett nur mit Leuten,
die nicht sonderlich am Leben hängen.
Das Leben ist keine Belohnung
und der Tod ist keine Bestrafung,
aber warum ausgerechnet ich?
"Er wurde wahnsinnig,
weil er nicht ertragen konnte, kein Gott zu sein.
Er wurde getötet von denen,
die sich vor seinem Wahnsinn gefürchtet haben."
Durchdrehen ist zu einfach für dich und mich.
Wir müssen nur ein kleines bisschen konsequent sein.
Austicken kostet keine Mühe.
Achte auf die Belastungsgrenzen deines Gehirn.
Alle Materie hat Belastungsgrenzen.
Trau dir nicht zu viel zu,
behalte die Kontrolle
Alles verändert sich und ist nicht zu fassen,
verlass dich nie auf einen Freund,
bezweifel jedes schöne Lächeln,
und rede dir deine Kälte nicht schlecht,
Wenn dir alles egal ist,
dann schaust du als Wahrheit in die Wahrheit.
Alle Worte sind ernst. Nimm sie ernst.
Unterwirf dich ihrem Ernst.
Ohne Worte ist das Leben
Ungreifbar und lachhaft.
Halte dich fest an den ernstesten Worten:
Liebe, Waldeinsamkeit, Triebhaft.
-----4-----------
PLAN
Der Gedanke, mein Leben einer höheren Idee zu widmen,
so absurd vor wie der Gedanke,
meine sterblichen Überreste dem Bundespräsidenten zu vermachen.
Ich sag dir, dass ich meinen roten Faden
Vor vielen Jahren verloren hab.
Du fragst, ob ich ihn suche
Ich sag, vielleicht, wer weiß,
Ich könnte mich damit erhängen.
Die schwarze Müdigkeit hinter meinen Augen
rettet mich vor der
gleißenden Müdigkeit,
die die Sonne über Europa strahlt.
Hinrichtungen, Pornos und
Eichhörnchenvideos. Ich verfüge über alles.
Letztlich habe ich keine Ahnung,
was die Leute wollen.
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DAS TIER SINGT
„Ich muss mit meinem Leben nichts anfangen.“
tröste ich mein aufgepeitschtes Gehirn
durch eine weitere schlaflose Nacht.
Ich hab Lust mir einzupissen.
Es ist alles so trocken und still und flach hier.
Die Zeit ist öder, dickflüssiger Tran.
Ich warte auf eine entscheidende Wende.
Ich hab Lust mir einzukacken.
In einer Stadt wie Erfurt ist es schwer,
sich kriminelle Gedanken zu verbieten.
Wie wäre es zum Beispiel
mit Vergewaltigung?
Komm du blöde Puppe, mach die Beine breit,
Ich schände dich in den siebten Himmel,
Du willst es genau wie ich, komm her!
Beim Ficken und im Krieg ist alles erlaubt,
Alles ist sinnlich, was dem Fröhlichen Sinn macht,
Der Mann ist der Hammer, die Frau der Amboss.
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Andere Lieder FS (fertig)
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HASENFALLE
Du ziehst das wilde Jahr in die Länge
Wie ein Soldat ohne Krieg
deine Klagemauer ist der Tresen
Der alte Kronleuchter schunkelt
ich raube mir jeden Tag etwas von der sinnlosen Zeit
die herumliegt überall, bewacht von mechanischen Augen
nichts besseres zu tun, weil niemand was besseres anbietet
Das Bier entlockt uns ein letztes metaphysisches Rülpsen
wir hab es nicht verdient, von mir besungen zu werden
ich kann jedenfalls nur im Suff sicher singen
und eines Tages bin ich bestimmt ein großes Tier
befeiert für alles was ich kann und nicht kann
eines Tages werde ich ganz nach oben fallen
Das Kaninchen singt:
"Seine Hoffnung stellt dir ein Bein,
deine Entscheidungen fallen"
Manische Kulturpessimisten tummeln sich
immer fetter werdend auf dem Schwarzmarkt des Lebens
fast alle Häuser verlassen, der Regen stinkt nach Gummi,
die Spielstraßen sind nur noch für Erwachsene geöffnet
ein Zug mit singenden Sklaven im blutroten Mondlicht
neben mir verblüht die letzte Rose des Jahres
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ÜBERDRUSS
Freitagabend wie jeder Abend,
ich stecke meinem Überdruss
ein buntes Eisschirmchen ins Dekolleté
und dreh mich dreimal um meine eigene Achse
lass mich in das staubige Sofa fallen,
das freundlich hustet und bereit ist, mich zu verdauen,
während sich mein Überdruss durch meine Klamotten wühlt
und nichts passendes findet.
Gekuschelt an freundliche Träume ziehe ich
meinen Körper zu einem müden Lächeln zusammen
und mein Überdruss hat Lust, in die Stadt zu gehen
und das Erwartbare zu erwarten.
Wie kann man nur so eine Pfeife sein?
Ich lunze unter meinen Träumen hervor,
seh ihn im Türrahmen stehen und kann mir
ein überhebliches Lachen nicht verkneifen.
Mein Überdruss hat ein ratloses Gesicht,
seine Enttäuschung wird immer aggressiver,
während ich langsam wieder eindöse -
Freitagabend wie jeden Abend.
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KLEINSTADTWALTZER
Vier Freunde sitzen am Stadtbrunnen
und der blaue Abend küsst die schwarze Nacht
Einer der Freunde ist sehr glücklich,
einer ist ein bisschen glücklich,
einer ist ein bisschen unglücklich
und einer ist sehr unglücklich.
Schließ dich an
den Hauptstrom an
Die Polizei sieht alles hier
Alle Polizisten sehen hier wie brutale Väter aus
die brutalen Väter wie Versicherungsvertreter
und alle Versicherungsvertreter sehen wie Metzger
und alle Metzger wie Vergewaltiger aus
Die Vergewaltiger sehen hier alle wie Fernmeldetechniker aus
die Fernmeldetechniker wie Leute vom Ordnungsamt
und alle Leute vom Ordnungsamt wie Hauptschulsportlehrerinnen
und alle Hauptschulsportlehrerinnen wie Kassiererinnen
Die Kassiererinnen sehen alle wie Ganoven aus
und die Ganoven sehen alle wie Bettler aus
die Bettler sehen alle wie Erleuchtete aus
und alle Erleuchteten wie Verrückte.
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HERBST
Der Herbst schiebt unserer schönen Stadt
seinen feuchten, kalten Finger in den Arsch
und die Gesichter der Menschen ziehen sich zurück
in die Festung ihrer Unfreundlichkeit.
Der letzte Harlequin spielt Violine auf dem Marktplatz,
sein Gesicht weiss, die Augen verbogene Revolverpatronen,
die Kinder müssen nach hause, bevor es dunkel wird,
ihre Eltern ziehen hoffnungslose Kreise wie die Vögel oben.
Es ist zu spät, zu spät, sie finden nicht mehr heraus,
alle sind verurteilt, in dieser Stadt dem Winter standzuhalten.
alle müssen aufeinanderhocken und um ihr Fressen kämpfen,
die Kälte wird sie alle zu Bestien machen und der Harlequin singt:
"Mach dir bloß keine Hoffnung! werde hart! werde hart!
Verwandel die Kohle in deinem Herzen in einen schwarzen Diamanten,
denn der Winter wird uns alle richtig ficken!"
Die Mägen von Müll und Schmerzen gebläht,
ziehen die Kinder durch die Morgendämmerung,
spielen wilde, tödliche Spiele mit den Geiern und Hyänen,
von denen sie großgezogen wurden mit strenger Liebe.
In der größten Not gibt es keine Liebe mehr, schau!
Der dunkelgraue Himmel lässt die Sehnsucht verkümmern
und der letzte Harlequin spielt sein letztes Lied,
bevor er sich mit einer stumpfen Axt den Hungernden anschließt.
"Mach dir bloß keine Hoffnung! werde hart! werde hart!
Verwandel die Kohle in deinem Herzen in einen schwarzen Diamanten,
durch den Winter kommt man nur als Tier!"
Es ist mein Recht zu überleben, und alles ist gut und richtig,
was mich überleben lässt in diesem traurigen Kolloseum,
ich glaube an den Frühling und die Liebe und die Menschen, aber nicht im Winter,
wenn ihr Hunger und ihre Angst so schamlos werden.
LANDOLF LADIG
Der Eindringling
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Die Anmut des Krieges
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Das Bier im Schrebergarten
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Der Kinderleib blüht
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Der Teufel als Phallussymbol
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