Die Blühenden Landschaften

Die blühenden Landschaften sind eine Arbeitsgruppe befreundeter Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten und Abenteurer, ein Netzwerk aktiver und passiver Spione, umschworren von insomnischen Motten, dekoriert mit den unbefleckbaren Blumen des Neokommunismus.

Die blühenden Landschaften sind eine politische Bewegung. Wir fordern die vollständige Emanzipation und Aufklärung, wir fordern zärtliche Institutionen der Freundlichkeit. Wir fordern eine Förderalismusreform. Die Landesebene soll aufgelöst und die Kommunen gestärkt werden. Die Bundesebene wird ebenfalls aufgelöst. Der Bundestag in Berlin wird Sitz des Europäischen Senats. Europa wiederum muss feierlich neu proklamiert werden. Das Europa unserer Behauptung ist nur ein Übergangsprojekt. Die blühenden Landschaften trauen der Menschheit zu, sich in den Zwanzigdreißiger Jahren zu einer freundlichen Gemeinschaft von Kommunen zusammenzuschließen, um endlich ein neues Kapitel der Geschichte beginnen zu lassen. Die blühenden Landschaften sind antiautoritäre, undogmatische, skeptische Klangkunstterroristen und unschuldige Schlagerqueens und gläubige Christen und Atomkraftgegner. 

Ekstase als Waffe, davon ahnte  auch Martin Luther etwas. Musikgeschmack als Brecheisen, den Kutscher zu prügeln. Oh, Bruder! Lass dich nicht umarmen von den Schlechten! Oh, geliebte Schwester! Lass dich nicht verführen von den Männern! Heterosexualität ist ein Herrschaftsinstrument. Der Glaube an Gott ist ein Herrschaftsinstrument. Die blühenden Landschaften sind das Brecheisen für den Winter.

Wir hängen jeden Abend in unseren Baumhäusern, die über wilden Flüssen gewachsen sind, schmutziges grünes Licht schaukelt über den endlosen Matratzen. Dein haariger Bauchnabel verwandelt den Boden der Tatsachen in einen Seufzer, bis mir wieder der warme Geruch des Biomülls auffällt, der seit Tagen sich auf dem Fensterbrett sonnt.

Die blühenden Landschaften wollen die Autos aus den Städten schmeißen, den öffentlichen Raum entkommerzialisieren, die Stadt zu einem bewohnbaren Park verdichten. Man muss sich überall hinlegen können, man muss überall neue Freunde und Kaffee finden können.

Wir komponieren jedes Jahr mindestens eine neue Hymne für ein namenloses Land. Jedes Jahr touren wir mit neuen Songs und immer tieferen Gleichgewichtsstörungen durch die Festzelte unserer bleichen Republik. Wir tanzen auf dem Grab von Helmut Kohl. Popmusik braucht daddy issues. Eines Tages werden sich Ungarn, Griechenland, Rumänien, Polen, Italien und die vielen Shitholes in blühende Landschaften verwandeln.

Die blühenden Landschaften sind ein Gedankenkonstrukt. Wir alle verstehen etwas anderes darunter. Es gibt keine finale Interpretation, es gibt keine objektive Perspektive. Koffeintabletten sind genau so wichtig wie Adjektive.

Meine Songs sind nur einige von vielen Gewächsen auf den Landschaften. Dieses Manifest ist nur für mich gültig. Ich drehe mich im Kreis, so schnell es geht, ich hau gleich das Geschirr von der Kommode und behaupte damit, verantwortlich für diesen Text zu sein. Nicht jeder von uns drückt sich gern schriftlich aus. Nicht jeder von uns mag es, zu reden, zu erklären. Selbstsicherheit ist immer eine Illusion.

Der Anspruch, jedes Jahr tiefer in die Musik zu rücken und neue Einflüsse zu probieren, will mir ein Kribbelgefühl schenken, das ich mir auch auf jeder Schaukel geben kann. Ich hab von Kindern gehört, die haben sich auf der Schaukel überschlagen!

Ich höre ein dumpfes, metallisches Pulsieren, eine zynische Maschine beginnt mit der Arbeit im Dunkeln, amorphe Blitze und Geruch von Blut und Schweiß, vielleicht geht irgendwas gleich kaputt, das Adrenalin lässt mich glauben, dass das Ende gekommen ist.
Manche Lieder aber kommen auf knarzendem Parkettboden zur Welt, ein verstaubtes Knopfakkordeon, eine Posaune, eine Gitarre, ein Kontrabass, eine Violine verbünden sich zu einem Lied vom Frühling, rauschende Bäche, mein Boyfriend hat sich auf dem Baum versteckt, schmeißt du paar Kirschen runter?
Andere Songs sind sehr glatt und synthetisch weich, wie schöne abstrakte Gegenstände, die man sich sonst wohin stecken kann. Hauptsache es quietscht. Manisches Herumwerkeln auf riesigen Wasserbetten, gefüllt mit Sekt und Mangosaft. Love is simple as a table.
Das einzige, was ich will ist, dass es eine richtig gute Band gibt, die regelmäßig prächtige Songs performen kann und sich unaufhörlich einem unbekannten Ende entgegenverwandelt. Welche Rolle ich in ihr spiele, ist mir egal. Ich tu, was ich kann, wenn es getan werden muss. Ich lass, was gelassen werden sollte. Musikmachen ist auch nur ein Vorwand, um mit Freunden Zeit zu verbringen. Eine Band ist eine Familie. Ich bin nur ein paar falsche Worte davon entfernt, alle zu verlieren. Ich bin nur ein paar richtige Worte vom SPD-Parteivorsitz entfernt. Vielleicht gibst du mir ein Kiwieis aus, wenn ich es schaff.